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In der Kanalisation : Gestank, Dunkelheit und drückende Enge

  • -Aktualisiert am

In die Röhre: Oft müssen die Beschäftigten der Stadtentwässerung durch enge und niedrige Abwasserkanäle voller Schmutz und Kot robben. Bild: Gilli, Franziska

Abwasser fließt nicht von allein. Jemand muss hinabsteigen und die Kanäle unter der Erde freihalten. Ein Besuch mit den Männern von der Frankfurter Stadtentwässerung in der Kanalisation.

          5 Min.

          Schon beim Abstieg wird man schmutzig. Ist der schwere Schachtdeckel angehoben und beiseitegeschoben, geht es durch die enge Einstiegsöffnung auf schmalen Steigeisen in den Untergrund der Stadt. Zehn Meter unter der Erde fließt dort in Richtung Kläranlagen, was von den Frankfurtern in den Abfluss gespült wird.

          Das ist der Arbeitsplatz von Ralf Laufs und seinen Kollegen von der Stadtentwässerung, die sich um rund 1600 Kilometer Kanalnetz kümmern. Laufs ist schon seit 25 Jahren dabei und geht routiniert ans Werk. „Der Kanal, in den wir heute steigen, ist purer Luxus“, sagt der 49 Jahre alte Vorarbeiter. Denn die Röhre ist hoch genug, so dass man fast überall aufrecht gehen kann – und zwar trockenen Fußes. Denn neben der Abwasserrinne verläuft ein Podest. Das ist oft nicht der Fall.

          An diesem Tag sind die Mitarbeiter der Stadtentwässerung unterwegs, weil in der Nähe eine Baugrube ausgehoben wurde. In solchen Fällen müssen vor Baubeginn und nach Fertigstellung die Abwasserkanäle in der Umgebung inspiziert werden, um etwaige Schäden zu dokumentieren und auszubessern.

          Schädlingsbekämpfer begleiten die Männer

          Um eine Baugrube auszuheben, müssen oft Spundwände eingesetzt werden, um das Erdreich abzustützen. Damit die Wände dem Druck standhalten, werden sie tief in der Erde verankert. Dazu werden Löcher gebohrt und Metallstangen hineingeschoben. Dabei passiere es schon mal, dass ein Abwasserkanal angebohrt werde, sagt Roland Kammerer, Abteilungsleiter bei der Stadtentwässerung. „Wenn sie auf der Baustelle dann Mörtel einspritzen, um die Stange im Erdreich zu befestigen, und das Loch einfach nicht voll wird, dann ist was faul.“

          Solang der Mörtel noch nicht ausgehärtet ist, können ihn die Kanalarbeiter recht einfach wieder aus der Abwasserleitung entfernen. Aber das gelingt nach Worten Kammerers nicht immer. „Letztens waren fünf Arbeiter fast vier Wochen lang damit beschäftigt, getrockneten Zement händisch zu entfernen.“ Ohne Presslufthammer – dafür war in der unterirdischen Röhre kein Platz – mussten sie den Mörtel mit Hammer und Meißel herausschlagen. Laufs weiß, was das bedeutet: „Reine Knochenarbeit“.

          Reparieren gehört wie Inspizieren und Reinigen zu den Aufgaben der Kanalarbeiter. An vier Tagen in der Woche und im Zwei-Schicht-System steigen die rund 100 Kanalarbeiter der Stadtentwässerung in den Untergrund Frankfurts. Mit dabei sind auch Schädlingsbekämpfer, die den Ratten und Kakerlaken zu Leibe rücken.

          Kanäle werden mit Wasser ausgespült

          Die Kanalarbeiter in Frankfurt haben es allerdings ein wenig leichter als in anderen Städten. Denn in der Mainmetropole findet das Abwasser meist schnell seinen Weg in die Kläranlagen. Das natürliche Gefälle zum Main hin, dort, wo die Klärwerke liegen, lässt das Abwasser zügig fließen. „Das sieht auf dem flachen Land ganz anders aus“, sagt Kammerer. Dort komme es gerade während langer Trockenperioden im Sommer zu Problemen.

          Wenn zu wenig Abwasser zu langsam fließt, bilden sich Ablagerungen aus Fäkalien, Sand, Essensresten und Klopapier, die Durchflüsse zu verstopfen drohen. Und was im Kanal hängen bleibt, beginnt zu faulen, wobei gefährliche Gase wie Schwefelwasserstoff und Methan entstehen. Das führt nicht nur zu üblem Gestank. Die Gase sind auch giftig und explosiv.

          Um dem vorzubeugen müssen Laufs und seine Kollegen ausrücken und die Kanäle sauber halten. Das geschieht entweder mit Hochdruckreinigern oder im sogenannten Schwallspülverfahren. Dazu stauen hydraulische Klappen das Wasser in einem Kanalabschnitt an, um es kurze Zeit später wieder freizugeben. Mit Wucht ergießt sich das Nass in den Kanal und reißt Ablagerungen einfach mit. Außerdem nehmen die meisten Frankfurter Kanäle nicht nur Abwasser, sondern auch Regenwasser auf, das die Leitungen auf ganz natürliche Weise reinigt.

          Bei Regen läuft der Kanal in zehn Minuten voll

          Was gut für die Kanäle ist, kann allerdings gefährlich für die Kanalarbeiter werden. Nicht nur an diesem Tag, sondern immer bei solchen Aktionen bleibt deswegen immer einer von ihnen oben am Einstieg zurück. Er achtet auf das Wetter und warnt seine Kollegen unter der Erde, sobald dunkle Wolken aufziehen. „Bei starken Regenfällen dauert es kaum zehn Minuten, und der Kanal ist vollgelaufen“, sagt Laufs. Von der Sohle bis zum Scheitel misst die eiförmige Röhre, in die sie hinabsteigen, etwa 3,5 Meter.

          Wenn die Arbeiter den Kanal säubern, verwenden sie aufbereitetes Abwasser. Zusätzlich werden zum selben Zweck jährlich etwa 20.000 Kubikmeter Frischwasser eingesetzt. Denn einige Hochdruckreiniger haben Spüldüsen, die schnell verstopfen.

          Da gebe es keine andere Möglichkeit, als Trinkwasser einzusetzen, weil das aufbereitete Abwasser noch zu viele Schmutzpartikel enthalte, sagt Kammerer und rechnet vor: „20.000 Kubikmeter klingt nach viel, ist aber so gut wie nichts im Vergleich zu den 43 Millionen Kubikmeter Wasser, die im vergangenen Jahr in Frankfurt verbraucht worden sind.“

          Ganz unten: Weil die Steigeisen in den Einstiegsschächten häufig rutschig sind, seilen sich die Männer der Stadtentwässerung oft wie Bergsteiger ab.
          Ganz unten: Weil die Steigeisen in den Einstiegsschächten häufig rutschig sind, seilen sich die Männer der Stadtentwässerung oft wie Bergsteiger ab. : Bild: Gilli, Franziska

          Weil die Kanalarbeiter an diesem Tag aber nicht für die Reinigung hergekommen sind, sondern den Kanal auf Schäden untersuchen wollen, ziehen sie statt eines Wasserschlauchs ein Kabel zur Videoübertragung mit in die Tiefe. Es geht mit einer Kamera in den Untergrund, um die Inspektion zu dokumentieren.

          Schon über der Erde wabert fauliger Geruch herauf, als die Arbeiter einen Seilzug über der Kanalöffnung aufbauen. Die Steigeisen im Einstiegsschacht sind rutschig, und festhalten kann man sich nur schlecht. Deswegen seilen sich die Kanalarbeiter wie Bergsteiger ab. Dazu müssen sie sich wie die Gipfelstürmer einen Ganzkörpergurt umschnallen. Außerdem tragen sie zu ihrem Blaumann hüfthohe Gummistiefel und einen Schutzhelm mit Lampe. Auch Handschuhe sind Pflicht.

          Zusätzlich gurtet sich jeder einen Selbstretter um. Das unscheinbare silberne Kästchen enthält einen Atembeutel, eine Nasenklammer nebst Mundstück und bewahrt die Arbeiter im Ernstfall vor dem Ersticken. Laufs trägt ein Messgerät, dass die Umgebungsatmosphäre überwacht. Haben sich im Kanal gefährliche Gase gebildet, schlägt es Alarm, und Laufs warnt seine Kollegen, damit sie rechtzeitig ihren Selbstretter einsetzen können, der ausgeatmete Luft wieder aufbereitet, allerdings nur für etwa 30 Minuten. Binnen dieser Zeit müssen sie raus aus dem Kanal.

          Schleimig-glänzender Boden

          An der Ausrüstung haben die trainierten Männer schwer zu tragen. Obwohl es unter der Erde sommers wie winters nur etwa 15 Grad warm ist, kommt man denn auch bei leichten Arbeiten ins Schwitzen. Außerdem ist es extrem feucht. In rund sechs Metern Tiefe angekommen, machen die hell strahlenden Helmlampen die ausgeatmete Luft sichtbar – und die grün-braune Brühe, die durch die Abwasserrinne strömt.

          Die Kanalwände sind fleckig, der Boden schleimig-glänzend und rutschig. Hier und da liegt Klopapier herum, dass vom Wasser noch nicht ganz aufgelöst und beim letzten Regen aus der Rinne aufs Podest gespült wurde. „Hier unten sieht es immer gleich aus“, sagt Laufs.

          Jörg Münsdorf beginnt derweil damit, den Kanal mit der Kamera „abzuschwenken“. So nennt der Kanalarbeiter das Filmen unter der Erde. Im Einsatzwagen sitzt Michael Hoffmann. Er ist der Operateur und verfolgt die Aufnahmen am Monitor. Dabei dirigiert er den Kameramann durch den Kanal und dokumentiert gleichzeitig die Schäden. „Die beiden haben ihre eigene Sprache“, sagt Laufs. Damit meint er die knappen Anweisungen und Kürzel, mit denen Münsdorf und Hoffmann sich verständigen.

          Ganz oben: Die Kollegen überprüfen die Lage und warten auf die Rückkehr des Heruntergekletterten.
          Ganz oben: Die Kollegen überprüfen die Lage und warten auf die Rückkehr des Heruntergekletterten. : Bild: Gilli, Franziska

          An diesem Tag läuft alles gut. Der Kanal ist in gutem Zustand, die Arbeiten am benachbarten Bauprojekt haben seine gemauerten Wände unbeschadet gelassen. Nur ein paar Fugen zwischen den mehr als 100 Jahren alten Klinkern aus gebranntem Ton sind ein wenig ausgewaschen.

          Dieser Kanal habe trotz seines beträchtlichen Alters noch nie saniert werden müssen, sagt Kammerer. Das Mauerwerk ist widerstandsfähig, zum Glück. „Aber wenn hier mal was beschädigt ist, wird es richtig teuer.“ Denn Reparaturen am Mauerwerk dauern lange und sind aufwendig. Die modernen Betonröhren machen es den Kanalarbeitern da einfacher.

          Man muss mit der Enge klarkommen können

          Aber ohne handwerkliches Geschick kommt man dort ebenfalls nicht aus – und auch ein dickes Fell muss jeder mitbringen, der Kanalarbeiter werden will. Um das zu testen, gehören Probeabstiege zu jedem Bewerbungsgespräch dazu. „Einer ist immer dabei, der es nicht packt“, sagt Laufs. Die Kandidaten kommen mit der Enge tief unter der Erde nicht zurecht, einige reagieren panisch.

          Angst darf man allerdings nicht haben, wenn etwa ein Kanal inspiziert werden soll, der weniger als 90 Zentimeter hoch ist. Wenn die Arbeiter dort auf allen vieren hindurchkriechen, brauchen sie ein Laufholz, auf dem sie sich abstützen können. Sonst steckt man mit beiden Armen in der stinkenden Brühe. Die Holzlatte, die zwischen die Kanalwände geklemmt wird, dient dann auch als Sitzgelegenheit, um sich auszuruhen.

          „Durch die Kanäle zu kriechen geht wahnsinnig auf die Pumpe“, sagt Laufs. Die Arbeit ist hart. „Aber man gewöhnt sich an alles“, findet Jürgen Scheibel. Vorher hat der 48 Jahre alte Kanalarbeiter als Maler und Lackierer gearbeitet. „Das war natürlich was ganz anderes.“ Und auch Laufs war nicht immer bei der Stadtentwässerung beschäftigt. Vor seiner Arbeit im Untergrund arbeitete er als Metzger. „Mit Fäkalien hatte ich es da auch schon zu tun.“ Aber wer einmal bei den Kanalarbeitern angefangen hat, der bleibt für immer da. Kammerer und Laufs wissen aus Erfahrung, dass Berufsaussteiger eine große Ausnahme sind. Laufs überrascht das nicht. Lachend sagt er: „Einmal infiziert, für immer verseucht.“

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