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Gesundheit : Die Wohlstandsbürger sind impfmüde

Tief einatmen anno 1955: Früher häufige Krankheiten wie Diptherie kommen in Deutschland kaum mehr vor - dank flächendeckender Impfung, sagen Kinderärzte. Bild: Ullstein

Deutsche Eltern achten auf Sport, dafür wissen Migranten, wie gefährlich Infektionen für Kinder sind. Und es gibt noch weitere Zusammenhänge zwischen Kultur und Gesundheit.

          Statistiken vereinfachen. Das mag eine Schwäche sein, vor allem aber ist es eine Stärke. Denn durch die Pauschalisierung werden gruppenspezifische Phänome und Trends sichtbar. Entsprechend aufschlussreich ist der Bericht zur Kindergesundheit, den die Abteilung Kinder- und Jugendmedizin des Gesundheitsamts gestern vorgestellt hat. Basis sind die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen von 2002 bis 2014, also die Daten, die von Frankfurter Kindern kurz vor oder nach der Einschulung erhoben werden.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gebessert hat sich im Erhebungszeitraum die Einstellung der Eltern zu den Vorsorgeuntersuchungen „U2“ bis „U9“. 2002 erschienen beispielsweise nur etwa 70 Prozent der Kinder zur „U8“, inzwischen sind es mehr als 87 Prozent. Die Statistik zeigt, dass die Gewissenhaftigkeit bei der Vorsorge mit der Herkunft der Eltern zusammenhängt. Mehr als 80 Prozent der Kinder aus deutschen Familien haben zum Zeitpunkt der Einschulung an sämtlichen Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen. Einwanderer haben deutlich schlechtere Werte, bei Familien vom Balkan beträgt die Quote lediglich 60 Prozent.

          Familien mit Migrationshintergrund legen mehr Wert auf Impfung

          Allerdings macht Bernhard Krackhardt, stellvertretender Abteilungsleiter im Gesundheitsamt und einer der Autoren des Berichts, auf eine weitere Eigenschaft von Statistiken aufmerksam - nämlich dass sie kritisch gelesen werden müssen. So kann die unvollständige Vorsorgereihe mancher Migrantenkinder auch damit zusammenhängen, dass sie Teile der Kindheit im Ausland verbracht haben.

          Als erfreulich bewertet Krackhardt die steigende Impfrate. Gegen Tetanus, Polio, Diphtherie, Masern, Mumps und Keuchhusten sind fast 90 Prozent der Kinder geschützt. Allerdings stellt der Mediziner eine „Impfmüdigkeit in intellektuellen Kreisen“ fest. Zum Beleg verweist er auf die Aufschlüsselung nach Wohnorten. In Stadtteilen mit hohem Anteil von Akademikern und Wohlhabenden, etwa im Nordend und in Sachsenhausen, sind vergleichsweise wenige Kinder vollständig geimpft. Der Anteil liegt unter 40 Prozent, während er im Gallus, in Nied und Griesheim mehr als die Hälfte beträgt.

          Aufgeschlüsselt nach Herkunft, zeigt sich, dass Familien aus der Türkei und aus dem Maghreb mehr Wert auf den Impfschutz legen als solche ohne Migrationshintergrund. Ursel Heudorf, die stellvertretende Leiterin des Gesundheitsamts, erklärt das damit, dass viele Zuwanderer aus ihren Herkunftsländern wüssten, welche Gefahren durch Ansteckungskrankheiten drohten und wie wichtig Impfschutz sei. In Deutschland gerate dieses Wissen in Vergessenheit. Es gebe jedoch noch Ärzte, die berichten könnten, wie in der Nachkriegszeit aus der Diphtherie-Station eines Krankenhauses „jeden Tag zehn tote Kinder herausgetragen wurden“. Damit so etwas endgültig der Vergangenheit angehöre, sei es wichtig, die sogenannte Herdenimmunität zu erhalten, also eine Impfrate, die so hoch ist, dass ein einzelner Ansteckungsfall nicht zu einer Ausbreitung führen kann.

          Eltern schätzen das Gewicht ihrer Kinder oft falsch ein

          Stark mit dem kulturellen und sozialen Hintergrund hängt offenbar die Gefahr des Übergewichts zusammen. Auffällig ist insbesondere, dass von den Kindern aus türkischen Familien mehr als 20 Prozent, von denen aus deutschen Familien deutlich weniger als 10 Prozent übergewichtig sind. Besonders groß ist die Diskrepanz bei Mädchen. Während viele deutsche Schülerinnen sich in Sportvereinen, beim Ballett oder in einem Karnevalsclub körperlich betätigten, komme dies bei Mädchen aus der Türkei und anderen islamischen Ländern relativ selten vor.

          Lutz Müller, Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, sieht einen weiteren Faktor in den unterschiedlichen Schönheitsidealen. In manchen Kulturen gälten dicke Kinder als schön und gesund. Auf mangelndes Problembewusstsein deutet auch ein Befund der Untersuchungen hin: Drei Viertel der Mütter und Väter von übergewichtigen oder adipösen Kindern schätzten deren Gewicht als normal ein.

          Geschlechterspezifische Unterschiede zeigen sich im Entwicklungsstand der Kinder. Die zirka sechsjährigen Mädchen sind den etwa gleichaltrigen Jungen deutlich voraus, etwa in der Koordination, in der visuellen Wahrnehmung und sprachlich. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Entwicklung und Herkunft. Besonders schlecht schneiden die Kinder aus dem Maghreb ab; in Frankfurt stammen sie meist aus Marokko, Algerien und Tunesien. Knapp 14 Prozent weisen Auffälligkeiten in der Visuomotorik auf, der Koordination von visueller Wahrnehmung und Bewegungsapparat. Ihnen fällt es schwer, einfache Strichzeichnungen, etwa die Linien eine Briefumschlags, nachzuzeichnen. Bei den gleichaltrigen Deutschen ist der Anteil nur halb so hoch.

          Kindergartenbesuch wirkt sich günstig auf Sprachkenntnisse aus

          Von den angehenden Erstklässlern ausländischer Herkunft haben die Ärzte des Gesundheitsamts überdies den Sprachstand erhoben. Daraus ergibt sich ein klarer Zusammenhang mit den Kenntnissen der Mütter. Nur 7,5 Prozent der Kinder, deren Mütter rudimentär Deutsch können, sprechen selbst fehlerfrei. Bei Müttern, die fehlerfrei im Deutschen sind, beträgt die Quote rund 65 Prozent.

          Günstig wirkt sich der Kindergartenbesuch auf die Sprachkenntnisse aus. Allerdings lassen Einwanderer ihre Kinder seltener betreuen als deutsche Familien. Am wenigsten beanspruchen Migranten aus dem Maghreb die Kitas, worin Krackhardt auch eine Erklärung für die relativ häufigen Entwicklungsdefizite sieht.

          Nach Erkenntnissen der Kinderärzte reicht es für den Spracherwerb nicht aus, erst kurz vor der Einschulung oder für täglich ein paar Stunden eine Kita zu besuchen: Migrantenkinder, die mindestens drei Jahre lang einen Vollzeitplatz hatten, sprechen zu knapp 50 Prozent fehlerfrei Deutsch, bei Migrantenkindern, die nur kurz in den Kindergarten gegangen sind, beträgt die Quote 22 Prozent. Für Krackhardt liegt die Folgerung auf der Hand: „Deshalb unser klares Plädoyer für den Kindergartenbesuch“.

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