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Im Porträt: Walter Wallmann : „Das war überhaupt deine beste Rede“

  • -Aktualisiert am

Wieder in Frankfurt, wo er Oberbürgermeister war: Der frühere hessische Ministerpräsident Wallmann und seine Frau Margarete Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Zu Besuch beim ehemaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann. Er und seine Frau leben wieder in Frankfurt. Wallmann ist krank, aber sein Verstand funktioniert bestens.

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          Das GDA Wohnstift an der Waldschmidtstraße, neben dem Mousonturm, gleicht einem Vier-Sterne-Hotel. Unten die Rezeption, das Café, der Speisesaal, Fitnessräume, alles in freundlichen Farben gehalten, der Speiseplan bietet Vielfalt und Gesundes, die Litfaßsäule verkündet das Programm der nächsten Tage: Eine Pianistin wird spielen, die Weinfreunde treffen sich, ein Ausflug geht ins Elfenbeinmuseum nach Erbach im Odenwald.

          Die Wohnung von Walter und Margarethe Wallmann liegt zwei Stockwerke höher am Ende des Gangs, ein Flur, eine Küche, ein kleines Wohnzimmer, ein behindertengerechtes großes Bad, ein Schlafraum. An der Wand des Wohnraums hängt ein großer Flachbildschirm. Walter Wallmann schaut gerne Fernsehen, vor allem Nachrichten und ganz viel Sport. Seine Frau ergänzt, dass er mal Fußball gespielt habe und auch im Besitz einer Schiedsrichterlizenz gewesen sei.

          Nichts in der kleinen Wohnung erinnert an Wallmanns große Jahre als Frankfurter Oberbürgermeister, hessischer Ministerpräsident oder Bundesumweltminister, kein Foto mit den Großen dieser Welt, wie sie einst noch in silbernen Rahmen in seinem Büro im Römer gestanden hatten. Walter Wallmann, den man sich früher ohne Krawatte gar nicht vorstellen konnte, trägt ein Polohemd und eine bequeme Hose.

          Januar 2007: Walter Wallmann erhält den Ignatz-Bubis-Preis in der Frankfurter Paulskirche
          Januar 2007: Walter Wallmann erhält den Ignatz-Bubis-Preis in der Frankfurter Paulskirche : Bild: Wolfgang Eilmes

          Er leidet an Parkinson

          Warum die Wallmanns aus Idstein, wo ihr einziger Sohn mit seiner Familie lebt, wieder nach Frankfurt gezogen sind? Weil sie sich dieser Stadt doch noch immer sehr verbunden fühlen, weil die Frankfurter Jahre die prägenden waren und weil Walter Wallmann Hilfe braucht. Er leidet an Parkinson, hier im Wohnstift kommt morgens ein Pfleger, der ihn duscht. „Und ich brauche tagsüber Hilfe“, sagt Margarethe Wallmann, „wenn er hier zu Boden geht. Das passierte eine Weile lang einmal täglich, wir können dem lieben Gott danken, dass er sich nichts gebrochen hat.“ Frau Wallmann steht jeden Morgen um sieben Uhr auf, um ihrem Mann die Medikamente zu geben, die er von da an im Vier-Stunden-Rhythmus einnehmen muss - viele, viele Pillen. Walter Wallmann ist in Pflegestufe II eingruppiert.

          Aber auch wenn ihm das Gehen und Stehen schwerfällt, auch wenn er Einladungen kaum mehr annimmt, weil sie ihm schnell zu anstrengend werden - Besuch bekommt er doch gern. Von den Buddes, den Mauchers, von Ria Messer, der Witwe des früheren IHK-Präsidenten Hans Messer, von Wolfram Brück, damals sein Nachfolger als Oberbürgermeister, von seiner ehemaligen Sekretärin Frau Michel. Der Journalist Horst Reber schaut regelmäßig vorbei, Horstmar Stauber, der frühere Chef von Messe und Flughafen, ist zu Gast, erst vor wenigen Tagen hat Ehrenbürger Bruno Schubert angerufen.

          Auch zum früheren Sozialminister und Sozialdezernenten Karl-Heinz Trageser, den Wallmann sehr geschätzt hat, gab es bis zu dessen Tod regelmäßig Kontakt. Stets behilflich ist der frühere Stadtwerke-Chef Jürgen Wann, der vor Urzeiten Wallmanns Referent im Römer war. Regelmäßig kommt auch Wallmanns Nichte Astrid, frisch gewählte CDU-Landtagsabgeordnete und Tochter von Wallmanns Bruder Wilhelm. Mag gut sein, dass das Ehepaar jetzt noch ein paar treue Besucher vergessen hat. Übrigens sind die beiden im nächsten Jahr seit 50 Jahren verheiratet. Er sagt über sie: „Wie sich meine Frau um mich kümmert, das ist bewundernswert.“ Anders als viele Ehefrauen gesundheitlich beeinträchtigter Männer hat Margarethe Wallmann es sich nicht angewöhnt, für ihren Mann zu antworten.

          Lassen Sie Gnade vor Recht ergehen“

          Was auch nicht nötig wäre. Der frühere Ministerpräsident ist ein kranker Mann, gewiss. Manchmal antwortet er etwas verzögert, er hat auch leichte Konzentrationsschwierigkeiten. Aber seinen Verstand hat er beisammen, auch sein Erinnerungsvermögen trügt ihn nicht. Nein, es war politisch letztlich natürlich nicht richtig, Wolfram Brück (“der beste Dezernent, den ich erlebt habe“) zu seinem Nachfolger gemacht zu haben, um einen anderen, den er für nicht geeignet hielt, zu verhindern.

          Ja, er erinnert sich noch gut an jene Tage, die vielleicht die dramatischsten seiner neunjährigen Oberbürgermeisterzeit waren: als Günther Rühle am Schauspiel Fassbinders von Ignatz Bubis als antisemitisch verstandenes Drama „Der Müll, die Stadt und der Tod“ aufführen lassen wollte, als die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die Bühne enterten, um die Aufführung zu verhindern. Als der Oberbürgermeister im dramenreifen Zwiespalt stand zwischen Freiheit der Kunst und Respekt vor den Juden und ihrer Geschichte, als ihn ein alter Herr von der Jüdischen Gemeinde anflehte: „Herr Oberbürgermeister, lassen Sie Gnade vor Recht ergehen.“ Und ja, er hat auch noch genau das Bild vor Augen, wie er 1986 im damals frisch gegründeten Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit die Waschkörbe von Post - auf dem Boden vor seinem Schreibtisch - auf die wenigen Mitarbeiter der Anfangstage verteilen ließ.

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