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Im Gespräch: Wolf Singer : „Wir lernen unser Leben lang“

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Über Kreuz: Die rechte Hirnhälfte steuert die linke Hand und umgekehrt. Aber es klappt. Bild: Helmut Fricke

Allerweltsweisheiten über das menschliche Gehirn gibt es viele. Manche sind halb richtig, manche ganz falsch. Zum Beispiel die, dass der Mensch sein Gehirn nur zu einem kleinen Teil nutze.

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          Das Max-Planck-Institut für Hirnforschung zieht in absehbarer Zeit auf den Uni-Campus am Riedberg. Inzwischen wächst in Niederrad das Ernst-Strüngmann-Institut. Wie kam es eigentlich zu dessen Gründung?

          Ich saß in Madrid in einer Tapas-Bar und feierte meinen Geburtstag, da rief mich einer der Strüngmann-Zwillinge an und sagte, er und sein Bruder – also Thomas und Andreas – würden gerne ein wissenschaftliches Institut gründen. Ihr Vater Ernst Strüngmann, der Gründer des Pharmaunternehmens Hexal, hatte angeregt, dass bei einem Verkauf des Unternehmens ein Teil des Erlöses der Wissenschaft zugutekommen solle.

          Und da haben Sie zugesagt?

          Ich war zunächst sehr verwirrt und habe nachgedacht, wie sich ein Institut realisieren lässt, das höchsten Ansprüchen genügen und von Dauer sein solle. So entstand nach einer mehrjährigen Erkundungsphase der Plan, das neue Institut in Kooperation mit der Max-Planck-Gesellschaft zu gründen.

          Kannten Sie die Strüngmann-Brüder schon vorher?

          Ich kannte einen von beiden besonders gut, weil ich in dem Internat, in dem ich Abitur gemacht habe, später als eine Art Tutor tätig war. Damals bat mich einer der von mir betreuten Schüler, ihm beim Formulieren eines Briefes an die Mutter seiner Freundin zu helfen. Das war Thomas Strüngmann!

          Sprechen wir über einige Alltagsweisheiten. Stimmt es, dass das Gehirn eine Hälfte hat, die eher fürs Rationale, und eine andere, die eher fürs Emotionale zuständig ist?

          Das stimmt nur bedingt. Die beiden Gehirnhälften sind sehr stark miteinander vernetzt und kooperieren bei den meisten Aufgaben. So ist zum Beispiel das linke Gesichtsfeld ausschließlich in der rechten Hirnhälfte repräsentiert und umgekehrt, aber wir nehmen keine Diskontinuität wahr. Das Gleiche gilt für die Koordination der Hände. Sie werden von der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte gesteuert, und dennoch „weiß“ die eine Hand, was die andere tut. Aber es gibt auch Spezialisierungen. Die Sprachkompetenz ist deutlich lateralisiert – bei Rechtshändern in der linken Hirnhälfte. Für das Wiedererkennen von Gesichtern und die Interpretation von Emotionen ist die rechte Hirnhälfte etwas mehr zuständig als die linke.

          Wie äußert sich das bei Verletzungen?

          Am deutlichsten sind die Folgen bei der Sprachkompetenz. Bei Schlaganfällen oder Läsionen in der rechten Hirnhälfte kommt es selten zu Sprachbehinderungen. Man könnte bei aller Vorsicht sagen, dass die rechte Hirnhälfte mehr für die Verarbeitung ganzheitlicher Eindrücke zuständig ist, vor allem, wenn viele Variablen gleichzeitig verarbeitet werden müssen, während sich die linke mehr mit Problemen beschäftigt, die serielle Verarbeitung erfordern, wozu die Analyse von Sprache oder der Rhythmik von Musik gehört.

          Unterscheiden sich die Gehirne von Männern und Frauen?

          Es gibt geringe Unterschiede. Bei Frauen verteilt sich die Sprachkompetenz etwas mehr auf beide Hirnhälften. Und beim Erkennen von Gesichtern und ihrem emotionalen Ausdruck sind Frauen wahrscheinlich etwas besser als Männer.

          Eine weitere Allerweltsweisheit lautet, dass der Mensch sein Gehirn nur zu einem ganz kleinen Teil nutzt.

          Diese Allerweltsweisheit ist falsch.

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