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Im Gespräch: Salomon Korn : „Der Papst fällt zurück ins Mittelalter“

  • Aktualisiert am

Salomon Korn: Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt Bild: Helmut Fricke

Benedikt XVI. hat die Exkommunikation von vier Bischöfen der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ aufgehoben. Gegen einen von ihnen, Richard Williamson, wird wegen Holocaust-Leugnung ermittelt. Das Verhalten des Papstes ist für Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, „erschreckend“. Mit Korn sprach Stefan Toepfer.

          Die Entscheidung Papst Benedikt XVI., die Exkommunikation von vier Bischöfen der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ aufzuheben, hat scharfe Kritik ausgelöst. Schließlich wird gegen einen von ihnen, Richard Williamson, wegen Holocaust-Leugnung ermittelt. Auch Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, hält den Schritt für falsch.

          Herr Korn, Wie beurteilen Sie die Re-Integration dieses Bischofs in die Kirche?

          Das ist enttäuschend, ja erschreckend. Ausgerechnet ein deutscher Papst macht einen Holocaust-Leugner gesellschaftsfähig. Das ist ein ganz klarer Affront gegenüber den „älteren Brüdern und Schwestern“, wie die katholische Kirche die Juden gern nennt.

          Hätte der Papst Willamson von der Aufhebung der Exkommunikation ausnehmen sollen?

          Ich will dem Papst keine Vorschriften machen. Aber schon die Wiederzulassung der alten lateinischen Messe mit der neuformulierten Karfreitagsbitte zur Bekehrung der Juden zum Christentum hat die Beziehungen zwischen der Kirche und den Juden stark strapaziert. Diese Entscheidung habe ich, wenn auch mit Kopfschütteln, hingenommen, weil jede Religion von sich glaubt, den wahren Glauben zu vertreten. Den Schritt, den der Papst jetzt gemacht hat, überschreitet diesen Vorgang bei weitem. Dafür fehlt mir jedes Verständnis.

          Dem Vatikan-Sprecher zufolge hat die Rücknahme der Exkommunikation „nicht das Geringste“ mit den persönlichen politischen Ansichten Williamsons zu tun.

          Das ist doch pure Rabulistik. Der Papst hat mit seiner Entscheidung ein öffentliches Signal gesetzt. Auch wenn Benedikt XVI. es nicht beabsichtigt hat, können sich nun alle Holocaust-Leugner damit brüsten, den päpstlichen Segen zu haben. Diese Wirkung hätte der Papst einkalkulieren müssen. Bisher hatte ich ihn für umsichtig und weitsichtig gehalten.

          Nun haben sich der Vatikan, auch der für den Dialog mit den Juden zuständige Kurienkardinal Walter Kasper, die katholische Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken, aber auch kleinere Organisationen wie die Katholische Hochschulgemeinde in Frankfurt von Williamson distanziert. Welchen Stellenwert haben solche Äußerungen für Sie?

          Ich freue mich darüber, dass es diese Stimmen mutiger Bischöfe und anderer Katholiken in Deutschland gibt. Aber über die Grenzen Frankfurts oder Deutschlands hinaus werden sie im Vergleich zur Wirkung der Worte des Papstes nahezu folgenlos bleiben. Der Papst wird in der ganzen Welt gehört, die Deutsche Bischofskonferenz nicht. Der Papst steht einer Kirche mit über einer Milliarde Katholiken vor. Umso unverständlicher finde ich es, dass er einer Bruderschaft, zu der gerade einmal 500 Priester und rund eine halbe Million Gläubige gehören, so viel Gewicht beimisst.

          Weil es, so heißt es offiziell, um die Einheit der Kirche geht.

          Die Bruderschaft ist doch eine vernachlässigbare Größe. Indem er dieser Gruppe, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil seinerzeit von dem inzwischen verstorbenen Erzbischof Marcel Lefebvre ins Leben gerufen worden war, zu einer neuen Anerkennung verschafft, fällt er zurück ins Mittelalter, in Zeiten, die längst überwunden schienen. Denn die Bruderschaft will von der dem Konzil so wichtigen Neubestimmung des Verhältnisses zwischen katholischer Kirche und Juden sowie den anderen christlichen Konfessionen nichts wissen. Päpste wie Johannes Paul II. haben sich um die Beziehungen ihrer Kirche zu den Juden verdient gemacht. Indem der jetzige Papst, ein Deutscher, andere Akzente setzt und auch noch die Exkommunikation für einen Holocaust-Leugner zurücknimmt, weckt er Zweifel an der Klugheit und Weitsicht seiner Vorgänger.

          Was wünschen Sie sich von den Katholiken in Frankfurt und der Region im Blick auf den bevorstehenden Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar?

          Ich frage mich auch angesichts dieses Datums, ob dem Papst jedes Fingerspitzengefühl dafür abhandengekommen ist oder ob er seine Entscheidung bewusst so kurz vor dem 27. Januar bekanntgegeben hat. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Katholiken dem Papst widersprechen, soweit das in der katholischen Kirche möglich ist.

          Das Gespräch führte Stefan Toepfer.

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