https://www.faz.net/-gzg-c7g

Im Gespräch: Ezhar Cezairli : „Das Wort ,christlich‘ ist kein Hindernis“

  • Aktualisiert am

Ezhar Cezairli. Bild: Agata Skowronek

Wenn nicht alles schiefgeht, gehört eine türkischstämmige Muslimin ohne Parteibuch zur nächsten Römer-Fraktion der CDU. Ezhar Cezairli steht auf Listenplatz 17. An ihrer neuen Partei mag sie, dass die sie nicht ständig beschützen will.

          Warum treten Sie als Muslimin für eine Partei an, die das Wort „christlich“ im Namen trägt?

          Ich trete nicht als Muslimin für die CDU an, sondern als jemand, der in Deutschland aufgewachsen ist, hier ausgebildet wurde und seinen Lebensmittelpunkt hier hat. Auch meine beiden Töchter sind hier geboren. Ich finde es gut, dass sich die CDU öffnet für Menschen, die nicht aus dem christlichen Kulturkreis stammen. Das Wort „christlich“ für mich kein Hindernis. In Niedersachsen gibt es seit dem Frühjahr mit der CDU-Politikerin Aygül Özkan die erste Ministerin, die Muslimin ist und aus der Türkei stammt. Ich merke daran, dass die CDU Menschen wie mich als vollwertige Bürger annimmt und nicht diese Beschützermentalität zeigt, die ich aus anderen Parteien kenne.

          Wo Sie dann automatisch integrationspolitische Sprecher würden.

          Ganz genau. In der CDU, die ich seit der Deutschen Islamkonferenz intensiver kennenlernen konnte, gibt es tolle Persönlichkeiten: Wolfgang Schäuble, Michael Boddenberg und andere. Besonders schön finde ich, dass es viele junge Politiker gibt wie Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und unseren hessischen Innenminister Boris Rhein.

          Sind Sie Parteimitglied?

          Noch nicht. Ich bin als unabhängige Kandidatin auf die Kommunalwahlliste gekommen. Das ist auch etwas, was ich toll finde. Das zeigt, dass die CDU eine moderne, offene Partei ist.

          Wie hat denn Ihr muslimisches Umfeld reagiert?

          Sehr gemischt. Fast alle haben gesagt: „Wir haben schon lange erwartet, dass Du Dich politisch noch stärker engagierst.“ Wenige waren erstaunt darüber, dass ich mich für die CDU einsetzen möchte und nicht für die SPD oder die Grünen. Bei denen herrscht vielleicht noch das Gefühl vor, dass sich die CDU – vielleicht auch wegen des „C“ – noch nicht so weit geöffnet hat. Aber es gibt auch eine größere Zahl von Leuten, die nicht erstaunt waren. Die fanden es sogar sehr gut, dass ich mich gerade für die CDU engagiere. Das waren vor allem diejenigen in meinem Umfeld, die erfolgreich integriert sind, hier ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt haben und sich voll mit der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft identifizieren und das auch leben.

          Wie hoch schätzen Sie das Wählerpotential für die CDU unter muslimischen, wahlberechtigten Frankfurtern ein?

          Sehr hoch. Hier gibt es eine große Gruppe von Migranten, die aus dem Bürgertum stammen. Die wurden bisher von anderen Parteien und der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Es gibt viele Unternehmer, Banker, Anwälte, Ärzte, Berater und Selbständige, die Arbeitsplätze schaffen und junge Leute ausbilden. Ich möchte andere durch meinen Beitrag dazu animieren, mehr Verantwortung zu übernehmen. Es geht um unser aller Verantwortung – egal, wo jemand herkommt oder zu welcher Religion er gehört.

          Sie verstehen sich also nicht exklusiv als Ansprechpartnerin für türkischstämmige Muslime?

          Nein. Aber auch nicht nur als Ansprechpartnerin für Menschen aus dem Islam, sondern für alle weltoffenen Bürger. Ich hoffe aber, dass meine Kandidatur auch ein Signal an aufgeklärte Muslime ist: Gerade die CDU beachtet uns und hört uns zu.

          Sie gelten als Gegnerin von Kopftuch und Kreuz in Schulen. Stimmt das?

          Ich habe vor allem gesagt, dass ich gegen ein Kopftuch bei Lehrerinnen und bei Mädchen in Kindergärten und Grundschulen bin. Ich bin auch dagegen, dass man das christliche Kreuz gleichsetzt mit dem Kopftuch. Wenn man ein vergleichbares Symbol finden will, muss man den Halbmond nehmen, der sich auch auf den Moscheekuppeln findet. Das Kopftuch ist in den letzten Jahren immer mehr mutiert zu einem politischen Symbol. Eine Lehrerin als Autoritätsperson, die ein Kopftuch trägt, kann nicht neutral sein, weil das Tuch die Persönlichkeit selbst aus großer Entfernung dominiert. Ich habe ein anderes Frauenbild. Ein Kreuz um den Hals dagegen sieht man nicht aus 100 Metern Entfernung.

          Ich meinte nicht ein Kreuz, das ein gläubiger Christ um den Hals trägt, sondern ein Kreuz an der Wand eines Klassenzimmers. Sind Sie dagegen?

          Europäische Gerichte und politisch Verantwortliche haben sich unterschiedlich dazu geäußert. Es ist sicherlich ein sehr sensibles Thema, das angesichts der Veränderungen unserer Gesellschaft noch weiterhin diskutiert werden muss. Ich stamme aus dem früheren Antiochia, das auch in der Bibel vorkommt. Bis zur vierten Klasse bin ich in der Türkei zur Schule gegangen: Ich hatte jüdische, christliche und muslimische Freunde. Ich persönlich habe überhaupt keine Berührungsängste mit religiösen Symbolen wie Kreuz, Halbmond oder Davidstern.

          Glauben Sie, dass Ihre Haltung im rechten Flügel der CDU gut ankommt?

          Das kann von einigen auch kritisch gesehen werden. Aber Deutschland ist nicht mehr das Deutschland von vor 50 Jahren. Wir sollten uns alle auf eine gemeinsame Wertebasis einigen. Dazu gehören das Grundgesetz, die freiheitlich-demokratische Grundordnung, die Gleichberechtigung der Geschlechter und die individuelle Freiheit, auch die Religionsfreiheit. Aber es geht auch um Verantwortung jedes Einzelnen für sich selbst und für die ganze Gesellschaft.

          Wer aus der Frankfurter CDU ist auf Sie zugekommen, um Sie zu gewinnen?

          Boris Rhein, den ich sehr schätze.

          Dann alles Gute für den Parteitag am Samstag. Da werden Sie sich ja sicher auch nochmal vorstellen.

          Ja, das möchte ich gerne. Sicherlich kennen mich noch nicht alle und sind neugierig, wer denn da mit so einem komischen Namen kandidiert.

          Die Fragen stellte Tobias Rösmann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mays Rücktritt : Ein bitterer Abschied

          Theresa May hatte mit dem Brexit nur eine Aufgabe und ist an ihr gescheitert. May, die zu Beginn ihrer Amtszeit mit Margret Thatchers verglichen wurde, dürfte als respektierte, aber glücklose Premierministerin in die Geschichte eingehen.

          Strache zum Ibiza-Video : Tief blicken

          Der FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache sagt, was von ihm auf dem Ibiza-Video zu hören ist, seien „Gedankenspiele“ gewesen. Darüber kann man sich ebenso Gedanken machen wie über die Drahtzieher der Falle, in die er tappte. Ein Kommentar.

          Bayern München : Die Frage aller Fragen lässt Kovac abperlen

          Bayern München hat am Samstag im DFB-Pokalfinale gegen RB Leipzig die Chance aufs Double. Aber gerade der ehemalige Frankfurter Trainer weiß um die Chancen von Außenseitern. Spannender ist aber nach wie vor die Zukunft von Trainer Niko Kovac.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.