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Im Gespräch: Edwin Schwarz : „Wer die Idylle des Knüllwaldes haben will, muss dort hinziehen“

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Edwin Schwarz: „Eines geht nicht: Auf der Zeil wohnen, absolute Ruhe und dann noch preiswert” Bild: F.A.Z. -Daniel Pilar

Speckgürtel war gestern: „Rückzug in die Stadt“ heißt der neue Trend. Der für Wohnungsbau und Stadtplanung zuständige Dezernent Edwin Schwarz plant neuen Wohnraum, weil Frankfurt an seine Grenzen stößt.

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          Speckgürtel war gestern: „Rückzug in die Stadt“ heißt der neue Trend. Aber gibt es ihn wirklich? Und wo ziehen die Menschen hin - in den Altbau im Nordend oder in Neubauviertel am Stadtrand? Der für Wohnungsbau und Stadtplanung zuständige Dezernent Edwin Schwarz plant neuen Wohnraum, weil Frankfurt an seine Grenzen stößt.

          Alles redet vom demographischen Wandel und von schrumpfenden Städten. Aber Frankfurt wächst. Gibt es noch genug Flächen für Neubaugebiete, um die Zuziehenden unterzubringen?

          Wir haben noch genügend Platz für 20.000 Wohneinheiten. Das heißt, die Fläche reicht für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre. Wir können auf zehn Jahre vorhersagen, dass Frankfurts Bevölkerung, im Gegensatz zu anderen Städten, leicht zunehmen wird.

          Was heißt, leicht zunehmen?

          Die Bevölkerung hat in den letzten zwei Jahren um 15.000 Einwohner zugelegt. Zurzeit leben rund 669.000 Menschen in Frankfurt. Wir gehen davon aus, dass die Bevölkerung in den nächsten zehn Jahren leicht auf 675.000 steigt.

          Wo wollen Sie die Menschen unterbringen? Beabsichtigen Sie, gewachsene Viertel zu verdichten oder die Menschen in der Peripherie anzusiedeln?

          Beides. Wir haben große Wohnbaugebiete. Wir haben den Riedberg, der ja zehn Jahre braucht, bis er fertig ist. Wir haben den Preungesheimer Bogen. Dessen ungeachtet werden wir auch weiter Konversion betreiben müssen. Wir haben alle militärischen Flächen zu Wohnbauflächen umgenutzt. Im Hochhausrahmenplan haben wir auch vier Wohnhochhäuser in der Innenstadt ausgewiesen. Dieses Angebot wendet sich natürlich an eine andere Klientel und nicht an Familien mit Kindern. Wir werden auch sehen müssen, ob wir in den Wohngebieten der fünfziger Jahre, die sehr locker gebaut wurden, nachverdichten.

          Welche wären das?

          Riederwald zum Beispiel – zwischen den Wohnblocks haben wir riesengroße Freiflächen. Es wäre lohnenswert zu prüfen, wie dort zusätzlicher familienfreundlicher Wohnungsbau dargestellt werden kann. Auch in der Bürostadt Niederrad wollen wir vermehrt Wohngebäude anstatt ausschließlich Bürohäuser.

          An der Friedberger Warte und am Preungesheimer Bogen stoßen die neuen Viertel an Autobahnen. Der Lärm belästigt die Anwohner. Hat Frankfurt seine Außengrenzen erreicht?

          Ja sicher, Frankfurt ist eine relativ kleine Stadt, was die Fläche angeht. Wir haben weniger Fläche als Erfurt, Eisenach, Bielefeld. Deshalb stößt eine wachsende Stadt wie Frankfurt auch an Grenzen, wie beispielsweise die Autobahnen. Da muss die Stadt schauen, wie Lärmschutz erreicht werden kann.

          Auch am Silogebiet im Westen stößt die Stadt an ihre Grenzen. Dieses Neubaugebiet kann voraussichtlich nicht entstehen, da es zu nah am Industriepark Höchst geplant ist. Was bedeutet es für Frankfurt, auf diese Flächen verzichten zu müssen?

          Das ist ein gravierender Einschnitt. Denn das ist eine große Siedlungsfläche für familiengerechten Wohnungsbau, die uns wegfällt und für die wir keine Alternativflächen haben. Das sind mehr als 5000 Wohneinheiten. Wir wollen die Fläche natürlich langfristig als Wohnbaufläche haben.

          Und Bergen-Enkheim-Nord könnte wegfallen, weil es nach dem Flughafenausbau zu dicht überflogen werden würde.

          Eines steht aber fest: Wer die Idylle des Westerwalds haben will oder des Knüllwaldes, muss dort hinziehen. Eines geht nicht: auf der Zeil zu wohnen, mitten im Grünen, absolute Ruhe und dann noch preiswert. Wer in der Großstadt lebt, muss auch Belastungen der Großstadt hinnehmen. Er hat ja auch Vorteile wie die umweltschonende Erreichbarkeit von Arbeitsplätzen und Infrastruktureinrichtungen.

          Dennoch: Wird Frankfurt künftig am Rand wachsen oder nur noch auf noch freien oder wieder freien Flächen im Inneren?

          Wir sind eine Kernstadt im Verdichtungsgebiet. Wir müssen Freiräume erhalten wie etwa den Grüngürtel, auch aus klimatologischen Gründen. Die Binnenentwicklung ist deshalb für uns zentral. Aber wir haben derzeit noch genug Potential am Rande wie auf dem Riedberg. Es dauert noch Jahre, bis dort alles besiedelt ist.

          Gibt es den Trend „Rückzug in die Stadt“ tatsächlich, oder handelt es sich nur um eine Chimäre?

          Ja, es gibt diesen Wunsch „zurück in die Stadt“, das belegt übrigens auch eine Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik. Wer Wohnungen in den innenstadtnahen Quartieren anbietet – also am Main vom Ostend bis zum Westhafen, im Bahnhofsviertel, innerhalb des Gründerzeitgürtels um die Innenstadt oder in der Innenstadt selbst –, braucht oft keinen Makler, um sie an den Mann oder die Frau zu bringen.

          Suchen diese Menschen aber nicht andere, urbanere Flächen als den dezentral gelegenen Riedberg?

          Ich mache mich nicht anheischig zu wissen, welchen Wunsch die Menschen haben und wie sie wohnen wollen. Renovierte Altbauten in der Innenstadt sind da, aber mehr gibt es halt nicht. Der Vorteil des Riedbergs, gerade für Menschen mit Kindern, ist doch: Da bin ich ruck, zuck am Taunus, ruck, zuck dank guter Verkehrsanbindung in der Stadt. Und dann gibt’s welche, die sagen: Ich will eine tolle Wohnung mit Aufzug in der Innenstadt, und für die schaffen wir Baurecht für Wohnhochhäuser. Auch an der Gutleutstraße werden wir, sofern gewünscht, Baurecht schaffen für verdichteten Wohnungsbau. Die Mainfront wollen wir aber von Wohnhochhäusern freihalten.

          Wo liegt der Unterschied, ob ich an den Riedberg ziehe oder nach Dortelweil-West? Nur im Preis? Können Frankfurts Neubaugebiete am Rand der Stadt überhaupt mit dem billigen Umland konkurrieren?

          Natürlich. Es gibt viele Menschen, die ebendie Adresse Frankfurt haben möchten. Außerhalb der Stadtgrenze haben sie häufig eine unzureichende U- oder S-Bahn-Anbindung. Die ganze Infrastruktur fehlt, das gute schulische Angebot und vieles mehr. Aber mit den Preisen für Grund und Boden können wir in der Tat nicht mithalten.

          So brillant ist das Angebot in den Neubaugebieten aber anfangs auch nicht. Sie hatten sich doch vorgenommen, zunächst Schulen einzurichten.

          Haben wir auch gemacht, am Riedberg gibt es schon zwei Kindergärten und eine Grundschule.

          Das Gebiet an der Friedberger Warte ist unterversorgt mit Kindergärten, am Rebstockpark gibt es noch keinen Supermarkt.

          Das hat aber andere Gründe. Wir haben am Riedberg eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme und alles vorfinanziert. Die Kindergärten und die Grundschule sind da. Das muss parallel gehen, bei früheren Entwicklungsmaßnahmen lief es stark zeitversetzt ab. Aber das kostet die Stadt auch viel Geld. Erst später bekommen wir die Kosten aus dem Verkauf der Wohnungen und Häuser wieder rein.

          Aber Sie wollen mit Dortelweil konkurrieren, da müssen Sie auch mehr bieten.

          Tun wir ja auch.

          Aber die U-Bahn-Anbindung am Riedberg kommt auch recht schleppend.

          Sie haben in zwei, drei Jahren die Straßenbahn, nicht die langen Bauzeiten durch den Tunnel. In der ursprünglich geplanten Form hätte die Anbindung länger gedauert. Die Leute auf dem Riedberg dürfen aber nicht abgehängt werden.

          Stichwort Sozialer Wohnungsbau. Viele Wohnungen fallen zurzeit aus der Bindung. Wie wollen Sie den Bedarf stillen?

          Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben fallen im Schnitt tausend Wohnungen im Jahr aus der Sozialbindung. Von ursprünglich 60.000 haben wir nur noch 30.000 Sozialwohnungen. Wir bauen jedes Jahr zwischen 250 und 300 neuen Sozialwohnungen. Andere Städte in Hessen bauen gar nichts mehr. Die sind voll aus dem sozialen Wohnungsbau ausgestiegen. Wir versuchen, die Zahl der öffentlich geförderten Wohnungen zu erhöhen. Nur: Es ist sehr schwer. Diejenigen, die das Geld aufnehmen müssten, rufen es nicht ab.

          Die Wohnungsbaugesellschaften oder private Bauherren könnten das Geld abrufen – damit hätte die Stadt dort ein Belegungsrecht. Aber das wollen die nicht. Viele wollen diese Klientel in ihren Häusern nicht haben. So einfach ist das. Aber wir sind dabei, ein Mittelstandsprogramm aufzulegen für Menschen, die knapp über der Einkommensgrenze liegen, von der an sie eine Sozialwohnung beantragen könnten. Da wollen wir massiv Geld anlegen, damit sie in den Genuss dieser Wohnungen kommen.

          Sehen Sie die Gefahren von Segregationstendenzen und Gettoisierung, wie sie zum Beispiel in Griesheim an der Ahornstraße oder am Frankfurter Berg schon vorherrschen?

          Das wollen wir verhindern. Es ist ganz schwierig, wenn Sie fünf geförderte Wohnungen und fünf nicht geförderte bauen. Da sagt die ABG Holding: In zwei Jahren ziehen diejenigen, die normale Miete zahlen, raus. „Mit denen kann man nicht zusammenwohnen“, heißt es. Dann haben sie ein ganzes Haus mit schwieriger Mieterklientel belegt. Das kann dann auch schnell Auswirkungen auf den Stadtteil haben. Man muss das ganz vorsichtig machen. Deswegen plant die ABG neue Wohnmodelle – zum Beispiel mit einer Concierge, die Mieter unterstützt.

          Zu beobachten ist eine doppelläufige Bewegung: Die einen wehren sich gegen sozialen Wohnungsbau in ihrer Nachbarschaft. Andererseits werden ganze Stadtteile durch Sanierungsmaßnahmen derart aufgewertet, dass eine bestimmte Klientel es sich nicht mehr leisten kann, dort zu wohnen – eine schleichende Gentrifizifierung.

          Es gibt klare Vorgaben, wie hoch die Miete durch eine Sanierung steigen darf. Klar, wenn die Wohnung werthaltiger wird, kann die Miete teurer werden. Ich bin Stadtrat in Frankfurt, aber ich kann mir keine Mietwohnung im Westend leisten. Ebenso können sich nun mal auch einige Studenten keine Wohnung im Nordend leisten. Manche stellen aber überzogene Ansprüche:

          Die Miete sollte umsonst sein, und draußen steht der Mercedes. Da stimmt jawohl etwas nicht in der Relation. Man muss immer den Einzelfall sehen. Wir versuchen, soweit wir das planerisch können, zu steuern. Wir bauen nicht nur Eigentumswohnungen, wir bauen auch viele Mietwohnungen. Oder umgekehrt: In anderen Vierteln, wie dem Riederwald, wollen wir auch eine Veränderung der Mietstruktur haben und müssen eben Eigentumswohnungen bauen.

          Entsteht in den Neubaugebieten sozialer Wohnungsbau?

          Ja, einige Wohnungen auf dem Gelände der früheren Atterberry Betts Kaserne an der Friedberger Warte sind in der Bindung. Auch am Riedberg sind einige Sozialwohnungen geplant.

          Ist das gewünscht? Oder wollen die Mieter lieber „unter sich“ bleiben?

          In dieser Stadt können Sie bald gar nichts mehr bauen. Es sind immer Leute dagegen. Da müssen sich die Verantwortlichen für das Gemeinwohl auch mal durchsetzen.

          Gibt es einen gestiegenen Bedarf an innovativen Wohnformen wie dem genossenschaftlich organisierten Wohnen? Will man heute anders alt werden?

          Es gibt einen größeren Bedarf an genossenschaftlichem Wohnen als früher. Wir haben immerhin zwei Millionen Euro für innovative Wohnprojekte in den Haushalt eingestellt. Geld, das sowohl für Beratungen als auch für investive Zuschüsse verwendet wird. Auf dem Naxos-Gelände werden wir einen Bereich für das genossenschaftliche Wohnen rausparzellieren. Und wir haben ein Projekt in Preungesheim.

          Aber die großen Bauträger-Projekte überwiegen noch, nicht wahr? Da sieht doch eins wie das andere aus.

          Ja, aber das ändert sich. Wir versuchen zu fördern, wo es gewünscht ist.

          Frankfurt könnte sich doch mit so etwas profilieren. Andere Städte wie Freiburg oder Tübingen haben ganze Stadtviertel so entwickelt.

          Das sind Universitätsstädte. Wir haben, prozentual gemessen an der Gesamtbevölkerung, relativ wenig Studenten. In anderen Städten ist das Bedürfnis größer.

          Aber nicht nur Studenten teilen das Bedürfnis nach solidarisch organisierten Wohnformen. Viele Interessenten sind jenseits der Vierzig.

          Okay. Es kommt ja noch, wir können nicht alles auf einmal machen. Wir sind ja überall schon ziemlich führend in der Republik. Aber es gibt noch Dinge, an denen wir arbeiten müssen. Wir sind die Stadt in Deutschland, die Passivhausstandard bei Neubauten führend umsetzt. Da sind wir spitze.

          Behagt Ihnen dieser Titel: Passivhausstadt?

          Ja, sicher. Man lernt doch auch dazu. Vor zehn Jahren habe ich noch gedacht: Das ist alles Käse. Was soll das, das funktioniert nicht. Die Dinge haben sich entwickelt. Je mehr man sich damit befasst, ist man überrascht und ändert auch seine Meinung. Schulen, Kindergärten, die jetzt gebaut werden, werden alle nach Passivhausstandard gebaut. Die Investitionskosten liegen um ein Drittel höher, aber das Drittel hat sich durch Energieeinsparungen in zehn, fünfzehn Jahren amortisiert. Dann ist das eine gute Sache. Die ABG Holding baut nur noch nach diesem Passivhausstandard. Und für viele Menschen sind die Nebenkosten eine zweite Miete. Fast mehr als die Grundmiete wegen der steigenden Energiepreise.

          Aus architektonischer Sicht gibt es Vorbehalte. Vierzig Zentimeter dicke Mauern, kleine Fenster – das sieht nicht so hübsch aus.

          Also, wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass, das geht nicht. 1990 habe ich ein gut isoliertes Reihenhaus am Berger Hang bezogen. Noch vor zwanzig Jahren gab es Vorbehalte gegen gedämmte Häuser: „Das atmet nicht“, hieß es. Heute ist das kein Thema mehr. Sie haben heute Dreifachverglasung. Was man da einsparen kann an Energie, ist unglaublich. Wir haben ja die Beschlusslage, dass, wo immer es möglich ist, wir den privaten Bauherren und Gesellschaften die Auflage machen, Passivhausstandard zu bauen oder mindestens Werte zu erreichen, die 30 Prozent unter der Energieeinsparverordnung liegen.

          Angenommen, Sie zögen mit Anfang dreißig und der Absicht, eine Familie zu gründen, nach Frankfurt. Wo würden Sie sich niederlassen?

          Dort, wo ich heute wohne: in Bergen-Enkheim.

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