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Platensiedlung nach Razzia : „Ich schäme mich, hier zu wohnen“

Etwas in Verruf geraten: Platensiedlung Bild: Wolfgang Eilmes

Seitdem die Polizei Wohnungen von Dealern durchsucht hat, ist es in der Frankfurter Platensiedlung seltsam ruhig. Die Anwohner sind gleichzeitig wütend und eingeschüchtert.

          3 Min.

          Rachid Rawas hat sich wieder auf den Weg gemacht. Er kam spät von der Arbeit, aß nur schnell eine Banane, dann stieg er auf sein Rad und fuhr los Richtung Platensiedlung. Rawas, Sozialpädagoge, SPD-Mitglied und stellvertretender Ortsvorsteher, macht das mehrmals die Woche, seit vielen Jahren. 1995 ist er in die Gegend gezogen, in eines der Häuser, die die amerikanische Armee in Ginnheim in den fünfziger Jahren für ihre Mitarbeiter gebaut hat. Rawas kennt diese Straßen gut, auch die, die in den vergangenen Jahren immer mehr in Verruf geraten sind, weil Drogendealer zunehmend die Kontrolle über das Leben im öffentlichen Raum übernommen haben.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          So oft war die Polizei da, so oft hat es Ärger gegeben, nicht nur wegen der Drogen, sondern auch wegen Aggressionen und Gewalt, wegen brennender Mülleimer und Angriffen auf Feuerwehrleute. Trotzdem ist alles immer schlimmer geworden. Deshalb macht sich Rawas nachts auf. Er radelt durch die Straßen und spricht mit den meist jugendlichen Männern, die dort unterwegs sind. Unterhält sich mit ihnen, um zu zeigen, dass jemand da ist, der mit ihnen spricht. Jemand, der Präsenz zeigt. Oft ist er bis 2 Uhr unterwegs.

          „Die Hauptstraße der Dealer“

          Am Freitag war es 23 Uhr, als er in die Franz-Werfel-Straße einbog. „Die Hauptstraße der Dealer“ nennt er sie. Hier werden die meisten Geschäfte abgewickelt. Es gab Zeiten, sagt Rawas, da saßen die Dealer hier mit Plastikstühlen an der Straße und warteten auf Kundschaft. „Als wollten sie sagen: Diese Straße gehört uns, hier haben wir das Sagen.“ Unten, auf den Wiesen zwischen den Wohnblöcken, grillten sie mit ihren Freundinnen, ganz harmlos, während oben in den Wohnungen oder an Straßenecken Kollegen die Geschäfte abwickelten. „Eine Gesellschaft für sich.“ Fragt man die Menschen aus der Siedlung, hört man immer wieder, dass man die Dealer ganz offen von den Balkonen aus sehen kann. Dass jeder genau weiß, was geschieht, aber keiner etwas dagegen tun kann oder sich keiner traut.

          „Mein Bruder sagt immer, wir sollen einfach nicht hinschauen“, sagt eine Frau. Auch Rawas kennt diese Geschichten. Die Nachbarschaftshilfe, bei der er sich engagiert, hat ihre Räume in einem der Häuser an der Franz-Werfel-Straße. Er kann genau sagen, woher die Familien kommen, die in den Wohnungen leben, und er hat erlebt, wie manche von ihnen riesige Angst hatten, der Polizei zu erzählen, was sie gesehen haben. Angst vor Vergeltung. Aber ohne Hinweise, sagt Rawas, hat die Polizei es schwer. „Die Dealer kennen hier jeden. Wenn hier ein Fremder auftaucht, merken die das. Einen Polizisten in Zivil erkennen die sofort.“

          Marihuana, Kokain, Schreckschusswaffen

          Aber seit ein paar Tagen ist plötzlich etwas anders. Am Dienstag vorvergangener Woche rückte die Polizei in großer Stärke und mit einem Durchsuchungsbeschluss an. Sieben Wohnungen durchsuchten die Beamten, dort fanden sie Marihuana, Kokain, Schreckschusswaffen, gestohlene Fahrräder und große Mengen Bargeld. Sieben Personen nahmen sie später fest. Und die müssen jetzt mit ihren Familien aus ihren Wohnungen ausziehen. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG hat ihnen fristlos gekündigt.

          Seitdem ist es so, als habe jemand der Platensiedlung einen unsichtbaren Schleier übergelegt. „Man sieht kaum jemanden mehr auf der Straße, seit der Razzia herrscht ein seltsamer Frieden. Ich bin irgendwas zwischen irritiert und froh“, sagt Rawas. Als er in der Nacht von Freitag auf Samstag unterwegs war, hat er kaum jemanden getroffen. Ungewöhnlich, da gerade in dieser Nacht Dealer Hochkonjunktur haben. Der Schock trifft offenbar alle. Diejenigen, die in die Geschäfte verwickelt sind. Und auch alle anderen, die seit Jahren mit der Angst vor den Kriminellen leben und jetzt nicht wissen, was passieren wird. Rawas sagt: „Die Leute sind zu eingeschüchtert, um rauszugehen.“

          Ein ungläubiges Lachen

          Auch an diesem Abend ist die Platensiedlung wie ausgestorben. Ein paar Kinder kicken auf der Franz-Werfel-Straße einen Fußball hin und her, ansonsten sieht man kaum jemanden. Nur Wäsche flattert auf Leinen zwischen den Wohnblöcken. „Normalerweise geht es hier an Samstagen um diese Zeit ganz anders zu“, sagt Rawas und lacht ein ungläubiges Lachen. So hat er die Straße noch nie erlebt. Eine Frau kommt aus einem der Häuser. Sie trägt zwei große Taschen mit Pfandflaschen über der Schulter. Aber nachdem sie angefangen hat, über die Siedlung zu sprechen, redet und redet sie. „Ich würde am liebsten wegziehen, lieber gestern als heute“, sagt sie. Zehn Jahre wohnt sie schon hier. Und auch sie berichtet, dass die Stimmung wegen des Drogenhandels und der Kriminalität immer unangenehmer geworden sei. „Ich lade nie jemanden zu mir ein, weil ich mich schäme, hier zu wohnen.“ In der Siedlung heißt es, dass das Drogengeschäft ausschließlich von Familien mit Migrationshintergrund betrieben wird. Afghanen, Marokkaner, Türken, Araber und Eritreer seien darunter, oft sei die ganze Familie verwickelt – auch die Jungen, die in Deutschland geboren sind. „Ich komme aus Polen, aber ich integriere mich hier. Ich will etwas erreichen. Warum machen die das nicht?“, fragt die Frau.

          In der Siedlung sind viele froh, dass die Polizei durchgegriffen hat und dass die ABG die Dealer aus den Wohnungen wirft. Auch Rawas. Er sieht darin eine abschreckende Aktion. Reichen wird es in seinen Augen nicht. Ein wenig Hoffnung hat er, dass Projekte zur Vernetzung mit dem Rest von Ginnheim und die von der Stadt geplante Nachverdichtung helfen werden, die Platensiedlung aus der sozialen Isolation zu holen. „Wir brauchen dringend eine bessere soziale Durchmischung. Die Volksgruppen dürfen nicht weiter die Möglichkeit haben, unter sich zu bleiben.“ Was dem Viertel aber vor allem fehlt, sind in seinen Augen Streetworker. Ausgebildete Leute, die nicht um 18 Uhr Feierabend machen, sondern abends und nachts unterwegs sind. Die Kontakt aufnehmen mit den Jugendlichen, die mit Drogen zu tun haben. „Ohne das wird es nicht funktionieren“, sagt Rawas. Ein entsprechender Antrag des Ortsbeirats sei gerade erst abgelehnt worden.

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