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Humanitäre Hilfe : Hilfe mit einfachsten Mitteln

  • -Aktualisiert am

Ein unterernährtes Kind in Honduras Bild: picture-alliance/ dpa

Seit Jesuitenpater Bernhard Ehlen 1983 die „Ärzte für die Dritte Welt“ gründete, helfen jedes Jahr mehr als 300 Mediziner von Frankfurt aus unentgeltlich in den Slums.

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          Der faulige Gestank verschlägt einem fast den Atem. Überall Müll und Dreck. Die Luft flirrt bei 40 Grad, und die drückende Schwüle macht jede Bewegung zur Qual. Willkommen in den Slums von Dhaka, Bangladesch. Fliegen schwirren der Hausärztin Brigitte Huth um den Kopf. „Und hier soll ich wirklich Patienten behandeln?“ fragt sich die Frankfurterin, als sie sich nur wenige Stunden nach der Landung in der Hauptstadt von Bangladesch zwischen Hütten aus Wellblech, Bambusstangen und Plastikplanen wiederfindet.

          Es ist ihr erster Einsatz für die humanitäre Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“. Mehr als 100 Patienten erwarten das Ärzteteam hier pro Tag. Im Rückblick sagt Brigitte Huth heute, gut zehn Jahre später: „Dort, in den Slums am Rande der Müllhalde, war ich im ersten Moment völlig überwältigt. Aber dann habe ich mir gesagt: ,Jetzt stehst du hier, jetzt packst du's auch an!'“

          „Meine Vorstellung von Glück hat sich geändert“

          Die „Albert-Schweitzer-Vorstellungen“ ihrer Jugend wollte sich die damals 63 Jahre alte Ärztin endlich erfüllen, im Ruhestand den Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern helfen. Nach dem ersten Einsatz 1995 fuhr Brigitte Huth noch sechsmal in die Projektstädte der Hilfsorganisation, zurück nach Dhaka, aber auch nach Manila, Mindanao, Kalkutta und Nairobi. Sie kümmerte sich um Slumbewohner, die es sich sonst nie hätten leisten könnten, zum Arzt zu gehen, behandelte schwer unterernährte Babys, an Aids erkrankte Eltern, Menschen mit Abszessen und Wurmbefall, Lungenentzündung und Tuberkulose. „Seitdem ich diese Orte gesehen habe und das Elend, in dem die Menschen leben müssen, ist meine Vorstellung von Glück anders geworden“, sagt die heute 74 Jahre alte Mutter von vier Kindern und fünfzehnfache Großmutter nachdenklich. „Ich habe dort erst richtig erfahren, daß Glück nicht an Besitz geknüpft ist und auf welch kleiner Insel des Wohlstands wir in Europa leben.“

          Um zumindest die Not einzelner Menschen in den Slums der Dritten Welt zu lindern, hatte der Jesuitenpater Bernhard Ehlen 1983 in Darmstadt das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ gegründet und mit zehn Medizinern begonnen, die beiden ersten Stationen in Manila und Kalkutta aufzubauen. Inzwischen betreibt die in Frankfurt ansässige Organisation neun Projekte mit Hospitälern und mobilen Ambulanzen, Zahnarztsprechstunden und Impfkampagnen auf den Philippinen, in Indien, Bangladesch, Kenia und Nicaragua. Jedes Jahr fahren mehr als 300 Ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in die Elendsviertel. Sie bleiben meistens sechs Wochen und opfern dafür ihren Jahresurlaub. Sie arbeiten ohne Lohn, leben während des Aufenthalts in einfachsten Verhältnissen und kommen für mindestens die Hälfte der Flugkosten selbst auf.

          Auch Silke Ehlers, Oberärztin auf der Frühgeborenen-Intensivstation des Frankfurter Bürgerhospitals, war zweimal in Bangladesch. Gemeinsam mit einheimischen Übersetzern, Krankenschwestern und einem deutschen Kollegen fuhr die 39 Jahre alte Ärztin zweimal täglich von der Gesundheitsstation aus in die Slums. Während das Team der mobilen Ambulanz einen Behandlungstisch vorbereitet, Medikamente bereitstellt und Instrumente auspackt, hält ein Helfer den meist rund 50 Wartenden einen Vortrag zu Hygiene, Ernährung und häufigen Krankheiten. Denn viele Erkrankungen könnten selbst unter den dortigen Lebensumständen vermieden werden, wenn die Menschen besser informiert wären. Nach dem „Teaching“ untersuchen und behandeln die „German Doctors“ ihre Patienten. Die einheimischen Mitarbeiter helfen den Europäern dabei, sich an Kultur, Religion und Mentalität anzupassen.

          Selbstverständlichkeit des Todes

          Silke Ehlers war zwar durch ihr Studium in Südafrika mit der Medizin in der Dritten Welt vertraut und durch ein Vorbereitungsseminar in Deutschland geschult. Auf die Selbstverständlichkeit des Todes in den Slums war sie dennoch nicht vorbereitet. „Wenn ein Kind an Unterernährung stirbt, haken die einheimischen Krankenschwestern das schnell ab, denn so ist dort einfach das Leben, und selbst die Eltern können sich nicht lange damit aufhalten“, erzählt die Ärztin und setzt nach einer Pause hinzu: „Mich hat das Schicksal dieser Kinder allerdings sehr beschäftigt.“ Aber auch an schöne Momente erinnert sie sich: an das glückliche Lächeln von Kindern, die sie geheilt hat, und das stolze Gefühl, „daß es ohne mich wahrscheinlich nicht gutgegangen wäre“.

          In ihre Projekte haben die „Ärzte für die Dritte Welt“ in diesem Jahr mehr als 2,7 Millionen Euro investiert. Die Organisation finanziert sich im wesentlichen aus Spenden. Die Verwaltungskosten in Höhe von rund 190000 Euro (etwa sieben Prozent) trägt ein eigenständiger Förderkreis - so ist gewährleistet, daß alle Spenden ohne Abzug den Menschen in den Projektstädten zugute kommen. An einigen Orten betreibt das Komitee inzwischen auch „Slumschulen“ und „Aufpäppelstationen“ für Kleinkinder, hat es Tiefbrunnen gebohrt und Latrinen installiert. Prominente Unterstützung erhält die Organisation von der Schauspielerin und Ärztin Maria Furtwängler. Sie ist nicht nur Kuratoriums-Präsidentin des Komitees, sondern hat selbst mehrmals in Nairobi und Kalkutta mitgearbeitet.

          Noch in diesem Jahr wird ein „German Doctor“ zum viertausendsten Einsatz in ein Entwicklungsland fliegen. 150 bis 200 Ärzte aus ganz Deutschland kommen zu den jährlichen Informationstreffen für neue Interessenten nach Frankfurt. Brigitte Huth gibt ihnen ihre Erfahrung weiter und ermutigt sie, sich mit den Ärmsten zu solidarisieren. Mit Fotos versucht sie, den „Neuen“ die Realität in den Entwicklungsländern zu vermitteln. Den Schock, in Dreck, Gestank und Elend zu arbeiten, müßten sie erst noch erleben, aber auch das befriedigende Gefühl, mit einfachsten Mitteln Leben zu retten und Hoffnung zu geben.

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