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Friedensforschung : Die Angst vor dem großen Knall ist wieder da

Mahner: Seit 40 Jahren warnt Harald Müller vor den Folgen nuklearen Wettrüstens. Er hat der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung parteiübergreifend Anerkennung verschafft und sie in die Leibniz-Gemeinschaft gesellschaftlich bedeutender Forschungsinstitute geführt. Bild: Wolfgang Eilmes

Friedensforscher Harald Müller geht in den Ruhestand. Für die Stiftung, die er viele Jahre leitete, gibt es mehr zu tun denn je: So bedrohlich wie heute war die Weltlage lange nicht mehr.

          Den von Kant beschworenen „Ewigen Frieden“ hat Harald Müller während der 40 Jahre seines Forschens natürlich nicht herbeiführen können. Doch der langjährige Chef der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung hat zweifellos das ihm Mögliche dafür getan, dass die Menschheit sich noch nicht in einem Atomkrieg ausgelöscht hat - auch wenn sein Beitrag in den Geschichtsbüchern wohl nicht explizit erwähnt werden wird.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort könnte einmal im Kapitel „Abrüstung“ stehen, dass die Nato für das Kurzstreckenraketensystem „Lance“, das sie laut INF-Abrüstungsvertrag mit der Sowjetunion 1987 außer Dienst hatte stellen müssen, kein Nachfolgesystem einführte. Die Nato-Partner waren sich 1989 darüber freilich noch uneins. Die damalige britische Premierministerin Thatcher drang auf eine solche Nachrüstung. In Deutschland dagegen war die Regierung unschlüssig: Bundeskanzler Kohl zeigte sich unentschieden, Außenminister Genscher dagegen erachtete die Einführung eines Nachfolgesystems als kontraproduktiv für seine Politik einer Verständigung.

          Sein Büro wird Müller erhalten bleiben

          In dieser Situation wandte sich Genscher an die Stiftung und bat um Argumentationshilfe. Sechs Mitarbeiter der Stiftung, darunter Müller, erarbeiteten daraufhin für das Außenministerium unter Hochdruck zu besagter Frage eine Studie, in der von neuen Raketen abgeraten wurde. Am Ende lautete die Position der Bundesregierung zu den Kurzstreckenraketen: „Im Moment kein Bedarf“. Die Nato verzichtete auf das neue System. Müller glaubt, dass seine und seiner Kollegen Darlegungen einen gewissen Einfluss auf die Meinungsbildung der Bundesregierung hatten. Weshalb sein selbstironisches Resümee dazu lautet: „Ich hatte den Nagel des kleinen Fingers dicht am Mantel der Weltgeschichte.“

          Am 30. September hat Müller seinen letzten offiziellen Arbeitstag in der Denkfabrik an der Baseler Straße nahe dem Hauptbahnhof. Die Leitung der Stiftung hat der Siebenundsechzigjährige schon im April abgegeben, aus gesundheitlichen Gründen. Aufgehört zu forschen hat der Professor für internationale Beziehungen aber nicht, und er wird dies auch in absehbarer Zeit nicht tun. Im Büro, das ihm in der Stiftung weiterhin zur Verfügung steht, könnte noch der eine oder andere Aufsatz oder auch Müllers nächstes Buch entstehen. Der Friedensforscher im baldigen Ruhestand hat seiner Nachfolgerin Nicole Deitelhoff, deren Promotion er einst betreute, ein wohlbestelltes Haus hinterlassen.

          Parteiübergreifende Anerkennung

          Noch nie in ihrer Geschichte dürfte die 1970 von der Hessischen Landesregierung unter Ministerpräsident Albert Osswald (SPD) gegründete Stiftung so gut dagestanden haben wie jetzt. Nicht nur ist das Institut mit seinen etwa 80 Mitarbeitern und 20 Doktoranden mittlerweile das größte seiner Art in Deutschland und wird parteiübergreifend als seriöse Forschungseinrichtung anerkannt. Die Stiftung ist inzwischen auch Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft mit rund 90 Instituten diverser Fachrichtungen, die eine besondere Bedeutung für Staat und Gesellschaft haben. In diesen Verbund war sie nach einer Evaluation durch den Wissenschaftsrat 2009 aufgenommen worden.

          Es ist maßgeblich Müllers Verdienst, dass mittlerweile auch die hessische CDU, die gegenüber der Stiftung lange skeptisch bis feindlich eingestellt gewesen war, sich eines Besseren besonnen hat. Der damalige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) stellte sich hinter die Stiftung und förderte sie und ihren Chef Müller durchaus engagiert. Auch ihre Aufnahme in die „Blaue Liste“ der Leibniz-Institute war kein Selbstläufer, sondern verdankt sich maßgeblich dem Engagement und der Zielstrebigkeit Müllers. Den Weg zur Friedensforschung hat dem damaligen Studenten Müller der Gründer der Stiftung, der Politikwissenschaftler Ernst-Otto Czempiel, gewiesen. Dankbar erinnert sich Müller an seinen Lehrmeister und Vorgänger, der bis 1996 die Stiftung leitete: „Czempiel nahm mich an der Hand und zeigte mir neue Wege jenseits der marxistischen Weltdeutung.“

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