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Hochwasserschutz : Bewährungsprobe für die rote Tonne

Aquariwa gegen Quickdamm: Beim Hochwasser am Main hat die Frankfurter Feuerwehr erstmals auch die roten Zylinder im Einsatz, die Reinhard Ries persönlich mitentwickelt hat. Bild: dapd

Vielleicht wird Reinhard Ries eines Tages dankbar an den Januar 2011 zurückdenken. Denn zum ersten Mal kann der Leiter der Frankfurter Feuerwehr in seiner Heimat zeigen, was der von ihm mitentwickelte Hochwasserschutz Aquariwa kann.

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          Der Name klingt nach Riesenrutsche und Erlebnisbad. Es geht jedoch um flexiblen Hochwasserschutz, genauer um das System Aquariwa, von dem sich der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries erhofft, dass es sich auf lange Sicht durchsetzen wird. Dann wäre er in Zukunft nicht nur der wichtigste Feuerwehrmann in Frankfurt, sondern auch ein erfolgreicher Geschäftsmann.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bisher bekämpft die Frankfurter Feuerwehr Hochwasser mit dem sogenannten Quickdamm – das ist ein von einem Gießener Unternehmer entwickeltes System, das aus zwei bis drei Meter langen Gestellen aus Stahlrohr besteht, um die herum wasserundurchlässige Planen oder reißfeste Stoffe gespannt werden. Die Gestelle können bei Hochwasser schnell wie Tapeziertische aufgeklappt werden. In den Hohlraum der Konstruktion wird anschließend Wasser oder Sand gefüllt. Ein Zwei-Meter-Element kostet 295 Euro und hat das Volumen von 400 Sandsäcken.

          Aus nur einer Lastwagenladung wird ein 600 Meter langer Damm

          In Frankfurt durfte sich der Hochwasserschutz erstmals im Januar 2003 bewähren. Rund 500 Meter davon hat die Feuerwehr in ihrem Katastrophenschutz-Depot – und damit mehr als andere, sagt Walter Pfitzner, Chef des gleichnamigen Vertriebs für Rettungsausrüstung in Frankfurt. Pfitzner kritisiert, dass Kommunen grundsätzlich zu wenig vorsorgten.

          In Frankfurt haben auch beim aktuellen Hochwasser die Quickdämme fürs Erste Schlimmeres verhindert. Diesmal jedoch machten ihnen erstmals die Aquariwa-Tonnen Konkurrenz. Und die können deutlich mehr, wie Branddirektor Ries hervorhebt. Fünf Jahre hat der Diplom-Ingenieur mit seinem Vater und einem Freund von diesem, Georg Walger – daher die zweite Silbe „riwa“ im Produktnamen –, über das System nachgedacht und es ausprobiert. Der Durchbruch gelang, als man sich entschloss, etwas Rundes zu bauen.

          4,10 Meter lang und 1,20 Meter breit ist die Aquariwa-Kunststoffplatte, ein elastisches und äußerst anpassungsfähiges Glasfasergewebe aus Kunstharz, das sich laut Ries auch dem holprigen Untergrund eines Bachlaufs anpasst. Die Platte wird zu einem Zylinder gerollt, mit einem einfachen Verschluss zusammengeklemmt und mit eine Folie ausgelegt. Aus nur einer Lastwagenladung kann so in kürzester Zeit ein 600 Meter langer Damm aufgebaut werden, wie Ries erläutert.

          „Das ist das einzige System, das flexibel von Wasser auf Sand umsteigen kann“

          Die Behälter werden mit Wasser gefüllt und können Hochwasser bis zu einer Höhe von 80 Zentimetern aufhalten. In mehreren Großversuchen, unter anderem im Industriepark Höchst, wurde die Standhaftigkeit getestet. Auch beim Chemiekonzern BASF, den die Aquariwa-Erfinder bei der Produktion gern mit ins Boot genommen hätten – dann aber hätten sie sich schnell ausgebootet gefühlt, erzählt Ries. Inzwischen gibt es eine Produktion in Polen. Dort, in Krakau, und ebenso in Brandenburg haben sich die patentgeschützten Tonnen erstmals bewährt.

          Steigt der Pegel und damit der Druck, kann das Wasser in den Tonnen auch durch Sand ersetzt werden, so dass sie hintereinander- und übereinandergestapelt werden können. In Krakau hat das geklappt. „Das ist das einzige System, das flexibel von Wasser auf Sand umsteigen kann“, betont Ries.

          Den mit Wasser gefüllten Quickdamm hält der Feuerwehrmann nach wie vor für ein „phantastisches System“. Gleichwohl sieht er sein eigenes im Vorteil. Die Platten benötigten weniger Stauraum. Aufgrund der Rundung funktionierten die Zylinder auch in engeren Kurven, wohingegen der Quickdamm relativ geradlinig verbaut werden müsse und an einigen Stellen auch mal Wasser durchlasse. Deshalb müsse immer zusätzlich eine Folie verlegt werden. Für Quickdämme mit Sand kann sich Ries ohnehin nicht begeistern, da die Plane oft reiße und der Abbau kompliziert sei. Die Säcke müssten zerschnitten werden. „Wir dagegen öffnen vorne nur den Riegel, und der Sand fällt einfach heraus.“

          „Das kann eine spannende Zukunft geben“

          Eine Vertriebsfirma und eine Internetseite für Aquariwa gibt es schon. Was daraus wird? „Ich habe kein Gefühl, aber das kann eine spannende Zukunft geben“, sagt Ries, der seit 1993 „mit ganzem Herzen“ Chef der Frankfurter Feuerwehr ist. Die bayerische Versicherungskammer, die seit Jahren Systeme vergleiche, sei begeistert. Und auch den einen oder anderen Feuerwehrkollegen habe er schon überzeugt. Den Preis für 1,20 Meter Schutz beziffert Ries auf „unter 200 Euro“.

          Rettungsausrüster Pfitzner, der bisher nur den Quickdamm verkauft, ist dagegen skeptisch. „Es gab in den letzten zehn Jahren schon viele tolle Ideen für den mobilen Hochwasserschutz, aber keine hat sich wirklich durchgesetzt.“ Keinen einzigen Quickdamm habe er in jüngster Zeit verkauft, lediglich zwei Paletten mit Sandsäcken. Die stehen nach Pfitzners Beobachtung immer noch hoch im Kurs. Es gehe im Katastrophenfall auch um das „Erlebnis“, sprich: um das Weiterreichen von Sandsäcken in der Menschenkette.

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