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Hochschulen : „Diese Studenten sind uns aufgezwungen“

  • -Aktualisiert am

Gleichberechtigt, aber nicht gleichwertig: Fachabiturienten Bild: Christian Burkert

Das Hochschulgesetz macht es in Hessen möglich: Auch mit Fachabitur dürfen sich Schulabgänger an Universitäten einschreiben. Das zieht Studenten aus anderen Bundesländern an. Viele Professoren beklagen sich über das unzureichende Vorwissen der "FH-Reifler".

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          Schlechtere Noten, weniger Abstraktionsvermögen, Schwierigkeiten mit dem Transfer von Wissen auf neue Aufgabenstellungen: Eike Hennig, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel, stellt den Studenten, die mit Fachhochschulreife in seine Vorlesung kommen, kein gutes Zeugnis aus. "Die meisten FH-Reifler schludern bei uns gerade so durch", sagt Hennig. "Die Abiturienten schneiden deutlich besser ab."

          Rechtlich hat sich der Unterschied zwischen Abitur und Fachhochschulreife in Hessen seit der Novelle des Hochschulgesetzes 1998 weitgehend aufgelöst. Denn mit beiden Abschlüssen können sich Schulabgänger an den Universitäten für die seit 2003 neu geschaffenen Bachelor-Studiengänge einschreiben. Ursprünglich auf die Gesamthochschule Kassel mit ihren gestuften Studiengängen zugeschnitten und nur für diese wirksam, gilt das Gesetz inzwischen auch für die wachsende Zahl der Bachelor-Studiengänge, die im Zuge des Bologna-Prozesses entstehen. Auch Schulabgänger aus anderen Bundesländern nutzen den Passus im Paragraphen 63 des Gesetzes und ziehen für ein Universitätsstudium ohne Abitur nach Hessen um.

          „Mathematik ist eine Katastrophe“

          Dass damit auch die Trennung zwischen Universitäten und Fachhochschulen aufgeweicht wird, verärgert hessische Universitäten schon seit geraumer Zeit. Der Präsident der Universität Frankfurt, Rudolf Steinberg, riet betreffenden Schülern vor zwei Jahren grundsätzlich von der Bewerbung an seiner Hochschule ab und bezeichnete die Zulassungsregelung als "Fehler", der "korrigiert" werden müsse. Ebenso forderte Johann-Dietrich Wörner, Präsident der Technischen Universität Darmstadt, das Abitur müsse Standard an den Universitäten bleiben.

          Nun zeigen sich die ersten Auswirkungen der erweiterten Zulassungsregelung. An der Universität Frankfurt ist die Skepsis gegenüber den Studenten ohne Abitur offenbar immer noch besonders groß. Dietrich Ohse, Professor für Betriebswirtschaftslehre, bestätigt die Beobachtungen der Kasseler Politikwissenschaftler: "Wir machen einen Eingangstest für diese Bewerber, der ist besonders in Mathematik eine Katastrophe", sagt er. "Die FH-Reiflinge, die wir trotzdem zulassen, sind nachher im Studium nicht in der Spitzengruppe, aber wenn sie sich auf den Hosenboden setzen, können sie immerhin mithalten." Das Wort "FH-Reife" verliere seinen Sinn, wenn der gleichnamige Abschluss dem Abitur gleichgestellt werde. "Diese Studenten sind uns als Universität aufgezwungen."

          Im Wintersemester haben sich an der Goethe-Universität 150 "FH-Reiflinge" immatrikuliert, die meisten von ihnen in den Studiengängen Empirische Sprachwissenschaft, Chemie und Geowissenschaften. Andere hessische Universitäten melden ähnliche Zahlen: 160 sind an der TU Darmstadt eingeschrieben, 190 an der Universität Marburg. Dort wird der Zugang zur Uni mit FH-Reife nicht als Problem empfunden. "2005 hatte die Verwaltung noch Bedenken, aber da die wenigen, die es betrifft, in der Masse untergehen, haben wir uns von Uni-Seite mit der Regelung abgefunden", sagt Viola Düwert, Pressesprecherin der Philipps-Universität. Gerhard Schmitt, Leiter des Studierendenservice an der TU Darmstadt, sieht die Sache ähnlich. Da ein "Massenansturm" nicht stattgefunden habe, sei das Thema inzwischen weniger relevant. Die Universität Gießen beruft sich auf die "teilweise strengen" Voraussetzungen für ein Studium, besonders beim Nachweis von Sprachkenntnissen. "Wir wissen, dass es für Fachabiturienten schwer ist, diese zu erfüllen", sagt Uni-Sprecherin Christel Lauterbach.

          Tutorien reichen nicht aus

          Das hessische Wissenschaftsministerium verteidigt die Aufnahme der FH-Reifler an Universitäten hingegen als Erfolg. Deutschland sei darauf angewiesen, "quantitativ mehr und qualitativ gut ausgebildete Hochschulabsolventen" hervorzubringen, sagt der Sprecher des Ministeriums, Ulrich Adolphs. Gerade im Hinblick auf die guten Erfahrungen an der früheren Gesamthochschule Kassel, die seit den siebziger Jahren Schulabgänger mit Fachhochschulreife aufnimmt, sei die Regelung sinnvoll.

          Doch ähnlich wie aus Frankfurt schlägt dem Ministerium auch aus Kassel Kritik entgegen. Das Bildungssystem habe seine Verantwortung für die Studenten nicht wahrgenommen, meint Politikwissenschaftler Hennig. Wer diese Schulabgänger ohne die nötigen Voraussetzungen an die Hochschule lasse, müsse auch entsprechende Zusatzveranstaltungen anbieten. "Um die Lücken zu beheben, reichen die Tutorien nicht aus. Vielmehr bräuchten wir begleitende Übungen mit ausgebildetem Lehrpersonal in kleinen Gruppen."

          Das Ministerium sei bereit, die Regelung zu überprüfen, wenn bewertbare Erfahrungen vorlägen, so Adolphs. Da die Umstellung erst seit wenigen Jahren laufe und noch im Gange sei, könnten noch keine Aussagen getroffen werden. Fürs Erste bleibt den FH-Reiflern nicht viel anderes übrig, als den Ratschlägen der Professoren Hennig und Ohse zu folgen: Gruppen zu bilden, um sich fehlende Fähigkeiten selbst zu erarbeiten, und sich "auf den Hosenboden" zu setzen.

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