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Studentische Hilfskräfte : Vierzig Stunden gearbeitet, zwanzig bezahlt

  • -Aktualisiert am

Unentbehrlich: Hiwis bereiten oft Praktika vor und helfen ihren Kommilitonen als Tutoren beim Lernen. Bild: Picture-Alliance

Studentische Hilfskräfte an der Uni Frankfurt klagen über niedrige Löhne und das Fehlen von Ansprechpartnern. Jetzt wollen sie sich wehren.

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          Die vier haben Angst. Ihre richtigen Namen wollen sie nicht in der Zeitung lesen, und wenn man sie nach Details ihrer Jobs fragt, werden sie nervös. Für die Presse soll genügen, dass sie studentische Hilfskräfte an der Goethe-Universität sind. Die Missstände, über die sie berichten, gibt es in allen Fachbereichen, wie sie sagen. Sie wollen weniger konkrete Fälle anprangern als allgemeine Entwicklungen beschreiben, unter denen ihre Arbeit leide. Ihre Sorge, keine neuen Verträge zu bekommen, wenn sie sich öffentlich beschweren, mag übertrieben sein. Aber ihnen erscheint sie sehr real.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ohne Hiwis, wie sie genannt werden, würde an der Uni vieles schlechter oder gar nicht laufen. Sie übernehmen Rechercheaufträge für Professoren, helfen als Tutoren ihren Kommilitonen, bereiten Praktika und Seminare vor. Das alles für ein Salär, das in Hessen oft nur dem gesetzlichen Mindestlohn entspricht (siehe Kasten). Dabei werden ihnen bisweilen Aufgaben übertragen, die auch manchem Festangestellten schlaflose Nächte bereiten würden. Zum Beispiel das Organisieren von Tagungen, wie David Fahrmeier gehört hat. „Die Hiwis tragen dann die komplette Verantwortung für Veranstaltungsablauf und Technik“, sagt der Soziologiestudent. „Das ist nichts, was für 8,50 Euro in der Stunde erledigt werden sollte. In der Wirtschaft gilt doch auch die Regel, dass Menschen gemäß ihrer Verantwortung bezahlt werden.“

          Die Schwächsten in der Hierarchie

          Fahrmeier und seine Hiwi-Kollegen wollen nicht falsch verstanden werden: Sie mögen, was sie tun, und finden es gut, wenn man ihnen wichtige Tätigkeiten überträgt. Nur sollte dann ihrer Ansicht nach zum einen der Lohn stimmen, und zum anderen sollte klar sein, wer sie unterstützt, wenn es Schwierigkeiten gibt. Im Personalrat der Goethe-Universität sind die Hilfskräfte nicht vertreten, wie Fahrmeier und der Lehramtsstudent Ben Hübner beklagen. „Wir haben keine Vertrauensperson“, sagt Hübner, „höchstens Vorgesetzte, die nett sind.“

          Oder eben nicht. Fahrmeier erzählt von einem Fall aus seinem Freundeskreis, in dem ein Hiwi für seinen Professor über mehrere Monate Seminare vorbereitet und sogar einzelne Vorlesungen gehalten, dafür aber so gut wie kein Geld bekommen habe. Meistens seien schlechte Arbeitsbedingungen aber gar nicht auf persönliche Böswilligkeit zurückzuführen, sondern auf Sachzwänge, an denen die Chefs keine oder nur zum Teil Schuld hätten. Diese Zwänge seien oft genug finanzieller Natur. Gut gehe es den Hilfskräften meistens in jenen Instituten, die über reichlich Drittmittel verfügten. Je knapper das Budget, desto größer sei die Gefahr, dass die Hiwis als Schwächste in der Hierarchie ausgebeutet würden.

          Gleiche Arbeit in weniger Zeit

          Nach Ansicht von Fahrmeier und seinen Mitstreitern wird dabei mitunter sogar Recht gebrochen. Es komme vor, dass Hiwis, deren Tätigkeit die zeitlichen Limits überschreite, mit Werkverträgen weiterbeschäftigt würden. „Das ist Scheinselbständigkeit und somit illegal“, findet Fahrmeier.

          Der Sprecher der Universität sagt dazu, dass jeder Antrag auf einen Werkvertrag von der Finanzabteilung „so sorgfältig wie möglich“ geprüft werde. In dem Formular hierfür müssen die Antragsteller unter anderem versichern, dass dem Auftragnehmer keine fortlaufenden Aufgaben übertragen würden, dass er keine typischen Dienstleistungen der Universität erbringe und keine Einrichtungen und kein Arbeitsmaterial von ihr nutze. Auf Hiwi-Tätigkeiten dürfte das selten zutreffen. Trotzdem sei selbst die Korrektur von Klausuren schon über Werkverträge geregelt worden, sagt Linguistikstudent Samuel Kanning.

          Er kennt auch Kommilitonen, deren Arbeitszeit in den Tutorenverträgen von 40 auf 20 Stunden im Monat gesenkt worden sei. Die zu leistende Arbeit sei aber die gleiche geblieben - trotz Kürzung der Stundenzahl und damit des Lohns. Dabei sind etliche Studenten auf diese Einnahmequelle angewiesen. So auch Hübner, der nach eigenen Worten schon lange keinen Bafög-Anspruch mehr hat. „Bei mir geht es nicht darum, ob ich mir mit dem Geld aus dem Hiwijob die neue Playstation kaufe oder nicht, sondern ob ich etwas zu essen habe oder nicht.“

          Hoffen auf Uni-Präsidentin Wolff

          Bei aller Furcht vor Repressionen wollen sich die Frankfurter Hiwis nun doch wehren. Sie fordern die Aufnahme in den Uni-Tarifvertrag und die Personalvertretung, eine Ombudsstelle, an die sie sich mit ihren Nöten wenden können, und eine bessere Vergütung. Sollte die inflationsbedingte Reallohnsenkung seit der vergangenen Anhebung ausgeglichen werden, müsste es einen Zuschlag von 30 Prozent geben, sagt Kanning. Dass das nicht realistisch ist, weiß er selbst. Aber dass es etwas mehr wird als die 50 Cent, die es 2008 obendrauf gegeben habe, wünscht er sich schon.

          Hoffnungen setzen er und die anderen Hiwis auf die neue Uni-Präsidentin Birgitta Wolff. Die lässt mitteilen, dass sie „großes Verständnis“ für die Anliegen der Studenten habe. „Klar ist aber auch, dass nur zusammen mit den Fachbereichen Lösungen möglich sind, da hier die meisten Hilfskräfte arbeiten.“ Leider zeigten die derzeit laufenden Verhandlungen zum hessischen Hochschulpakt, „dass unsere finanziellen Spielräume für Verbesserungen nicht sehr groß sind“. Gemeinsam werde man ausloten müssen, welche Fortschritte unter diesen Bedingungen erreicht werden könnten.

          Falls dieses Sondieren erfolglos bleibt, wollen die Hiwi-Aktivisten den Druck auf die Uni erhöhen. Grundsätzlich, sagt Kanning, sei man auch zu einem Streik bereit.

          Die Uni-Gehälter im Überblick:

          Studentische und wissenschaftliche Hilfskräfte sollen laut hessischem Hochschulgesetz Studierende durch Tutorien unterstützen und Dienstleistungen für Forschung und Lehre erbringen. Ihre Tätigkeit soll gleichzeitig der eigenen Aus- und Weiterbildung dienen. Die Bezahlung richtet sich nach dem Abschluss:

          • Studentische Hilfskräfte ohne Hochschulabschluss erhalten derzeit 8,50 Euro je Stunde.
          • Studentische Hilfskräfte mit Bachelorabschluss oder einer vergleichbaren Qualifikation bekommen zehn Euro.
          • Wissenschaftliche Hilfskräfte mit abgeschlossenem Studium werden mit 13,50 Euro entlohnt.
          • Studentische Hilfskräfte sollen in der Regel nicht länger als zwei Jahre beschäftigt werden, die Tätigkeit als wissenschaftliche Hilfskraft darf vier Jahre nicht überschreiten. Hiwis aller Art sind grundsätzlich nebenberuflich tätig; das schließt zum Beispiel eine gleichzeitige Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter aus. (zos.)

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