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Hochschule : Und jetzt die Werbung

In eigener Sache: Werbung am Uni-Campus Bockenheim Bild: F.A..Z - Wonge Bergmann

Bankschalter in der Mensa, Sponsorenschilder an Hörsälen: Kommerz auf dem Campus ist für Hochschulen eine Einnahmequelle, für manche AStA-Vertreter ein Ärgernis.

          Ein Hochseil-Klettergarten in den denkmalgeschützten Weiden auf dem Westend-Campus. Ein Dinner von Fifa-Funktionären in der Rotunde des IG-Farben-Hauses während der Vorlesungszeit. Werbung für Studentenverbindungen und für brutale Filme auf den hochschuleigenen Internetseiten.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Angebote hat es gegeben, doch Jochen May und Olaf Kaltenborn haben dankend abgelehnt. „Wir sind schließlich kein Fußballstadion“, sagt May, Geschäftsführer der Campuservice GmbH, die Räume und Flächen der Frankfurter Universität vermarktet. Auch Kaltenborn, Leiter der Marketingabteilung der Universität, duldet nach eigenem Bekunden keine Werbeaktionen, die den Studienbetrieb stören oder dem Ansehen der Hochschule schaden könnten.

          Hypo-Vereinsbank in der Neuen Mensa

          In den Augen des AStA freilich ist der Kommerz, den May und Kaltenborn zulassen, schon schlimm genug. Jüngster Anlass zur Empörung: die Eröffnung einer Beratungsstelle der Hypo-Vereinsbank (HVB) in der Neuen Mensa Bockenheim. AStA-Vorsitzende Anja Engelhorn findet es skandalös, dass das Geldinstitut auf dem Hochschulgelände sein „Unwesen“ treiben dürfe, und spricht sogar von „Gehirnwäsche“ – was sich anhört, als habe Scientology eine Dependance auf dem Campus gegründet. Engelhorns Wortwahl mag angemessen finden, wer die Tätigkeit einer Bank generell für verdächtig hält: Das Angebot in Bockenheim entspreche dem einer klassischen Filiale, heißt es in einer Mitteilung der HVB; auch ein Geldautomat werde dort in Kürze installiert. Geplant sei außerdem, Vorträge und Seminare zu Finanzthemen anzubieten.

          Ein solches längerfristiges Engagement ist genau das, was sich Kaltenborn und May unter einer vielversprechenden Werbepartnerschaft vorstellen. Mit der AOK arbeite Campuservice seit zwei Jahren auf ähnliche Weise zusammen, sagt der Geschäftsführer. Ziel sei es, die beteiligten Unternehmen zu noch größerem Einsatz für die Universität zu bewegen – etwa in Form von Stipendien oder gar Stiftungsprofessuren.

          Die Konzentration auf wenige Partner bewahre die Studenten davor, durch allzu viel Werbung belästigt zu werden. Derzeit veranstalten nach Angaben von Marketingchef Kaltenborn jährlich etwa 50 Unternehmen Promotion-Aktionen auf den Frankfurter Uni-Arealen; vor der Gründung von Campuservice seien es mehr gewesen. Seit die Tochtergesellschaft der Universität allen Kommerz kontrolliere, könne die Hochschule wilden Werbern Platzverweise erteilen, „und das haben wir auch schon gemacht“.

          Weniger Papiermüll, aber heikles Sponsoring

          Die Möglichkeit, das Reklametreiben in geordnete Bahnen zu lenken, ist einer der Hauptgründe dafür, warum immer mehr Hochschulen die Vermarktung ihrer Ressourcen an Tochterunternehmen oder eigenständige Anbieter delegieren. Studenten seien eine „Zielgruppe“, die zunehmend ins Blickfeld der Werbetreibenden rücke, konstatiert Matthias Kühn, Leiter Hochschulmanagement bei der Deutschen Hochschulwerbung. Das Düsseldorfer Unternehmen ist nach eigenen Angaben die Nummer eins in Deutschland bei der Gesamtvermarktung von Hochschulen; in Hessen betreut es die Universitäten Darmstadt, Gießen und Kassel. Firmen, die dort auf sich aufmerksam machen wollen – etwa mit einer der zurzeit sehr beliebten Recruiting-Messen –, wenden sich direkt an die Deutsche Hochschulwerbung. Diese sorgt dann Kühn zufolge für eine ordentliche Präsentation. Gleichzeitig entfernten studentische Mitarbeiter an den Partner-Unis illegal aufgehängte Werbung, die beispielsweise die Schwarzen Bretter verstopfe.

          Ähnlich geht die Kölner Firma Campus-Service vor, mit der die Universität Mainz kooperiert. „Der Papiermüll hat sich erheblich reduziert“, sagt Petra Giegerich, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Universität. Über das, was nun an Werbung auf dem Campus stattfinde, gebe es einen „starken Konsens“ zwischen den Hochschulgremien – inklusive des AStA. Im Übrigen habe die Universität bestimmte Arten von Werbung grundsätzlich ausgeschlossen: Rechtsradikale, gewaltverherrlichende oder pornographische Darstellungen würden ebenso wenig geduldet wie Reklame für Nikotin und hochprozentige Alkoholika. Tabu sei außerdem jede Art von parteipolitischer oder weltanschaulicher Propaganda. So halten es auch die anderen Universitäten: Meist filtern schon die Vermarktungsgesellschaften suspekte Angebote heraus; in Zweifelsfällen, heißt es, werde die Hochschulleitung eingeschaltet.

          Heikel sind nicht nur spektakuläre Einzel-„Events“, sondern auch bestimmte Formen des Sponsorings. Als die Wirtschaftswissenschaftler der Fachhochschule Wiesbaden im Mai einen Hörsaal nach dem Discounter Aldi-Süd benannte, reagierte der AStA entsetzt, und dem Hochschulpräsidium scheint die Angelegenheit bis heute unangenehm zu sein. Pressesprecher Ernst-Michael Stiegler möchte sich dazu nicht näher äußern; er verweist auf die Zuständigkeit des Fachbereichs.

          Finanzieller Nutzen

          Dessen Dekan Jakob Weinberg hebt hervor, dass das Präsidium in die Entscheidung eingebunden gewesen sei. Es gebe aber in der FH verschiedene Auffassungen über diese Art der Geldbeschaffung. Nach Weinbergs Ansicht bewährt sich das Modell: Mehrere Unternehmen aus der Region hätten Interesse bekundet, ebenfalls als Namenspatron für Hörsäle aufzutreten. Anderenorts sind die Meinungen über solche Aktionen geteilt. Lars Rosumek, Sprecher der Technischen Universität Darmstadt, kann sich dergleichen nach eigenen Worten für seine Hochschule „nicht vorstellen“. Seine Mainzer Kollegin Giegerich hingegen will Saal-Sponsoring nicht von vorneherein ausschließen. Und Campuservice-Chef May hält die Benennung von Räumen nach Förderern in wirtschaftsnahen Einrichtungen wie dem „House of Finance“ für vertretbar, nicht aber im neuen Hörsaalzentrum, das derzeit auf dem Frankfurter Westend-Campus entsteht.

          Der finanzielle Nutzen, den die Hochschulen aus der Fremdwerbung auf ihrem Terrain ziehen, ist unterschiedlich groß. 15.000 Euro im Jahr kassiert die FH Wiesbaden für das Aldi-Schild an der Hörsaaltür. Die TU Darmstadt gibt ihre Einnahmen aus der Vermarktung für 2006 mit insgesamt 12.000 Euro an. Deutlich besser verdient die Uni Frankfurt: Campuservice führt nach eigenen Angaben 300.000 bis 400.000 Euro jährlich ab. Allein die Hypo-Vereinsbank investiert laut May in ihre Marketing-Partnerschaft eine Summe „im sechsstelligen Bereich“.

          AStA-Sprecherin Engelhorn will das Argument, die Universität könne jede Zusatzeinkunft gut gebrauchen, nicht gelten lassen. Nach ihrer Vorstellung sollten Hochschulen vom Staat ausreichend versorgt werden und kein Geld aus der Wirtschaft benötigen. Sie stört nicht allein die „Monopolstellung“, die einem Unternehmen wie der Hypo-Vereinsbank auf dem Uni-Gelände zugebilligt werde. Engelhorns Ideal ist puristisch: „Wir wollen einen werbefreien Campus.“

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