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Hochschule : Das Gehirn der Hirnforschung

Die neue Heimat der Biophysik Bild: F.A.Z., Wonge Bergmann

Die Evolution der Frankfurter Neurowissenschaften schreitet voran wie die des Nervensystems im Tierreich: Einzelne Denkknoten vernetzen sich immer stärker und rücken auch räumlich zusammen. Das „Gehirn“ hat seinen Sitz auf dem Riedberg-Campus.

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          Die Evolution der Frankfurter Neurowissenschaften schreitet voran wie die des Nervensystems im Tierreich: Einzelne Denkknoten vernetzen sich immer stärker und rücken schließlich auch räumlich zusammen. Das „Gehirn“, das so entsteht, hat seinen Sitz auf dem Riedberg-Campus: Max-Planck-Institute und Einrichtungen der Universität werden dort zu einem Forschungszentrum zusammengeführt, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Ein weiterer wichtiger Schritt soll in Kürze getan werden. Am 11. Juli will das Preisgericht bekanntgeben, welches Architektenbüro die Bauten für das Biologicum und das Max-Planck-Institut für Hirnforschung planen darf.

          Sascha Zoske
          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Insgesamt rund 17.000 Quadratmeter Hauptnutzfläche wird das Gebäude-Ensemble umfassen, die Baukosten werden von der Universität auf 110 bis 115 Millionen Euro geschätzt. Erster Spatenstich soll Ende 2007 sein, voraussichtlich zwei Jahre später können 500 Mitarbeiter und 1000 Studenten der Biowissenschaften die neuen Räume in Besitz nehmen. Derzeit sind die Max-Planck-Hirnforscher in Niederrad ansässig, die Uni-Biologen der nichtmolekularen Richtung im Westend. Nach dem Umzug können sie mit den Fachleuten vom Max-Planck-Institut für Biophysik zu Mittag essen, das schon seit 2003 sein Domizil am Riedberg hat. Gerade für Neurobiologen ist der Austausch mit Biophysikern reizvoll, denn um die Vorgänge an Nervenzellen zu verstehen, bedarf es profunder physikalischer Kenntnisse.

          In Nachbarschaft zum Fias

          Befruchtend dürfte zudem die Nachbarschaft zum „Frankfurt Institute for Advanced Studies“ (Fias) wirken. An der privat finanzierten, der Universität angegliederten Einrichtung widmen sich Experten verschiedener Disziplinen der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung - zum Beispiel der Untersuchung von Lernprozessen. Auch das Fias, das zunächst im Physik-Neubau Asyl gefunden hat, soll einen eigenen Bau am Riedberg bekommen.

          Wichtigster Wachstumsfaktor für das neurowissenschaftliche Zentrum ist allerdings die enge Zusammenarbeit zwischen Universität und Max-Planck-Gesellschaft. Alle Beteiligten loben die Kooperation als einzigartig und vorbildhaft für andere Wissenschafts-Standorte. Schon der Neubau des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte, der auf dem Westend-Campus entsteht, wurde in enger Abstimmung mit der Universität geplant. Die Kooperation am Riedberg reicht darüber hinaus, wie Uni-Vizepräsident Jürgen Bereiter-Hahn erläutert. Fachleute von Hochschule, Max-Planck-Gesellschaft und Hessischem Baumanagement haben ein Team gebildet, um das Projekt zu koordinieren. Sie sollen dafür sorgen, daß Biologicum und Institut einen Komplex mit zum Teil gemeinsam genutzten Einrichtungen bilden, in dem dennoch beide Nutzer ihre Eigenständigkeit wahren.

          Doch die Partnerschaft geht noch weiter: Universität und Max-Planck-Institute stimmen ihre Personalentscheidungen aufeinander ab, unter anderem mit dem Ziel, die Bildung des neurowissenschaftlichen Schwerpunktes voranzutreiben. In Berufungskommissionen der Universität sitzen seit einiger Zeit auch Max-Planck-Wissenschaftler; zwei freiwerdende Professorenstellen in der Biologie sollen mit Experten für das Nervensystem besetzt werden. Zudem beteiligen sich die Max-Planck-Forscher immer stärker an der universitären Lehre, wie Bereiter-Hahn hervorhebt: „Den Studiengang Biophysik zum Beispiel haben wir Schulter an Schulter mit den Kollegen vom Max-Planck-Institut organisiert.“

          Zu früh für Programm-Inhalte

          Trotz der guten Zusammenarbeit wird es noch eine Weile dauern, bis die Evolution der Frankfurter Neurowissenschaften die Entwicklungsstufe erreicht hat, nach der die Akteure streben. Einen Sonderforschungsbereich, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft großzügig gefördert werden würde, gibt es derzeit nicht. Der Wettbewerb für richtungsweisende „Zukunftskonzepte“ im Rahmen der Exzellenz-Initiative findet ebenfalls ohne die Neurobiologen statt. Für solch eine Bewerbung fehle bisher die Infrastruktur, sagt Bereiter-Hahn. Auch sei es noch zu früh, über Inhalte von Forschungsprogrammen zu reden. Ohnehin steht am Max-Planck-Institut für Hirnforschung ein Generationswechsel bevor. Bis 2011, schätzt Wolf Singer, werden er und seine beiden Direktoren-Kollegen die Leitung des Hauses in jüngere Hände gegeben haben.

          Wenn die Aufbauphase abgeschlossen ist, sollen sich laut Bereiter-Hahn außer den Max-Planck-Gruppen drei bis vier Biologie-Professoren mit Entwicklung und Funktion von Nervenzellen befassen. Teil des Netzwerks werden neben Chemikern und Psychologen aber auch sechs oder sieben Medizin-Lehrstühle sein, deren Inhaber ebenfalls neurowissenschaftlich arbeiten. Hier findet die Magnetwirkung des Riedbergs allerdings ihre Grenzen: Sitz der Uni-Mediziner ist und bleibt das Klinikum in Sachsenhausen.

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