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Hochschule : Aus für Sexualwissenschaft

Sieht sein Lebenswerk gefährdet: Volkmar Sigusch Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Die Goethe-Universität wird das Institut für Sexualwissenschaft nicht in seiner bisherigen Form weiterführen. Stattdessen wird eine Professur fürSexualmedizin eingerichtet.

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          Die Universität wird das Institut für Sexualwissenschaft nicht in der bisherigen Form weiterführen. Statt dessen wird eine Professur für Sexualmedizin geschaffen, die dem Zentrum der Psychiatrie am Universitätsklinikum zugeordnet ist; die sexualmedizinische Ambulanz bleibt dabei erhalten. Dies hat der Rat des Fachbereichs Medizin, wie jetzt bekannt wurde, schon im Juli beschlossen. Institutsdirektor Volkmar Sigusch, der zum 1. Oktober in den Ruhestand tritt, zeigte sich tief enttäuscht über die Entscheidung. Universitätspräsidium und Fachbereichsleitung sprachen dagegen von einem überzeugenden Kompromiß.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nach Auffassung von Prodekan Helmuth Steinmetz hat der Fachbereichsrat mit dem einstimmig gefaßten Beschluß ein „gewisses Bekenntnis zum medizinischen Teilaspekt der Sexualwissenschaft“ abgegeben. Angesichts schrumpfender Budgets müßten sich Klinikum und Fachbereich auf Schwerpunkte konzentrieren. Entscheidend sei, daß Patienten mit sexuellen Störungen auch künftig angemessen behandelt würden. Steinmetz wollte sich nicht dazu äußern, wann die neue Professur besetzt werde. Dies hänge auch von der künftigen Struktur des Zentrums der Psychiatrie ab, wo demnächst ebenfalls ein Leitungswechsel anstehe. Der Fachbereich sei aber an einer zügigen Lösung interessiert. „Wir werden die Sexualmedizin nicht zu einem Stiefkind verkommen lassen.“

          Sigusch: „Eine totale Niederlage

          Sigusch kommentierte das Votum des Fachbereichsrats mit den Worten: „Für mich ist das eine totale Niederlage.“ Sein ganzes Berufsleben lang habe er gegen die „Psychiatrisierung“ sexueller Störungen gekämpft. Sophinette Becker, leitende Psychologin der sexualmedizinischen Ambulanz, fürchtet, daß eine Zuordnung der Einrichtung zur Psychiatrie auf die Patienten abschreckend wirkt. Auch sei unklar, ob künftig noch derart ausführliche Therapiegespräche möglich seien wie bisher. Den geplanten sexualmedizinischen Lehrstuhl der neuen Besoldungsgruppe W2 bezeichnete Sigusch als „unselbständige Kleinprofessur“. Vom Uni-Präsidium fühlt er sich nach eigenen Worten „hinters Licht geführt“. Die Universität habe „keinen Cent“ für den Erhalt des Instituts angeboten, sondern verlangt, daß der Fachbereich Medizin alle Kosten trage.

          Universitäts-Vizepräsident Jürgen Bereiter-Hahn wies den Vorwurf der Täuschung zurück. Das Präsidium habe nie versprochen, Geld für eine Weiterführung des Instituts zu geben. „Mir kam es immer darauf an, die Sexualmedizin zu erhalten.“ Alles Wesentliche, was bisher am Institut geleistet worden sei - außer der Therapie vor allem das Verfassen von Gutachten -, könne auch ein Mediziner leisten. Unter Siguschs Leitung habe es am Institut in den vergangenen zehn Jahren „praktisch keine“ Promotionen gegeben. Im übrigen sei die Einrichtung einer W2-Stelle keine „Degradierung“. Sigusch selbst gehöre schließlich auch nicht der nach altem Recht höchsten Professoren-Besoldungsgruppe C4 an, sondern habe einen C3-Lehrstuhl.

          Wie Bereiter-Hahn weiter sagte, hatte die Universität vorgeschlagen, die Sexualwissenschaft am Sigmund-Freud-Institut anzusiedeln. Der Fachbereich Medizin habe sich jedoch geweigert, an dieser Einrichtung eine Professur zu finanzieren. Auch ein Wechsel zum Fachbereich Gesellschaftswissenschaften habe nicht mehr zur Diskussion gestanden: „Dort hat keiner gesagt: Wir wollen die Professur.“ Im Januar hatte der Fachbereich Medizin einer Fortführung des Instituts für Sexualwissenschaft grundsätzlich zugestimmt - allerdings unter der Auflage, daß es sich künftig überwiegend durch Drittmittel und Sponsoren finanziere. Sigusch hatte dies als unrealistisch bezeichnet und den Beschluß als „Abgesang“ auf das Institut gewertet. Daraufhin war erwogen worden, die Einrichtung einem anderen Fachbereich der Universität - etwa den Gesellschaftswissenschaften - zuzuordnen.

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