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Hochschul-Debatte : Ist Humboldt noch zu retten?

Vordenker des 19. Jahrhunderts: Wilhelm von Humboldt und sein Bruder Alexander Bild: ddp

Ausbildung statt Forschung: Das 200 Jahre alte Universitätsmodell des preußischen Gelehrten habe mit der Hochschule von heute nichts mehr zu tun, meint ein Frankfurter Philosophieprofessor. Zwei Universitäts-Präsidenten widersprechen.

          Einen „Steinbruch“ nennt Matthias Lutz-Bachmann die Ideenwelt Wilhelm von Humboldts. Ein Materiallager, aus dem sich jeder Festredner die Rohstoffe zusammenklaubt, die ihm für seine Ideen-Architektur brauchbar erscheinen. Lutz-Bachmann, der Praktische Philosophie an der Frankfurter Universität lehrt, findet das „ein bisschen peinlich“. Es war zwar ein stattliches Gedankengebäude, das Humboldt Anfang des 19. Jahrhunderts errichtete, und die Beschäftigung damit ist nach Ansicht des Professors auch heute noch lohnend. Doch zu glauben, dass sich auf seinen Fundamenten ein modernes Hochschulwesen gründen lasse, sei unsinnig: „Die heutige Universität hat mit Humboldt nichts mehr zu tun.“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Vorstellung des preußischen Gelehrten von einem engen Austausch zwischen Professoren und Studenten, der Einheit von Forschung und Lehre mithin, sei durchaus elitär gewesen und einer „vordemokratischen Gesellschaft“ entsprungen. Zudem müsse Humboldts Konzept einer freien, staatsfernen Universität als Gegenbild zum französischen Akademiemodell gesehen werden – und damit als Mittel zur Stärkung des deutschen Nationalbewusstseins.

          Universitäten heute „Ausbildungsinstitute“

          „Ausbildungsinstitute“ hingegen habe Humboldt in den Hochschulen nicht gesehen. Genau das seien sie aber heute, zumindest im Grundstudium. Selbst die Universität solle anfangs nur eine „bessere Fachhochschule“ sein. Jene „zehn Prozent“, die diese Stufe hinter sich ließen, dürfen Lutz-Bachmann zufolge in die Sphäre höherer Gelehrsamkeit eintreten, die einst „Universität“ genannt wurde. Spitzenforschungszirkel wie der Frankfurter Exzellenzcluster „Normative Ordnungen“, in dem fächerübergreifend die Entstehung gesellschaftlicher Regeln untersucht wird, verdienten noch am ehesten das Prädikat einer „humboldtianisch inspirierten“ Gemeinschaft, meint der Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geschichtswissenschaften.

          Es sei wahr, dass Humboldts Ideen heute nicht mehr in der Form „gelebt“ werden könnten wie vor zweihundert Jahren, gibt Hans Jürgen Prömel zu. Der Präsident der Technischen Universität Darmstadt und frühere Vizepräsident der Berliner Humboldt-Universität glaubt aber, dass sich manche von dessen Zielen auch heute noch erreichen lassen. Die Verbindung zwischen Forschung und Lehre könne zunächst einmal dadurch gewahrt bleiben, dass kein Professor vollständig von einer der beiden Aufgaben entbunden werde. Neues Wissen den Studenten im persönlichen Kontakt nahezubringen sei an einer Massenuniversität natürlich schwierig. Doch Prömel glaubt die Lösung zu kennen: das Kaskadenmodell. Hierbei werden neue Forschungsergebnisse von Kleingruppe zu Kleingruppe weitergereicht. Professoren weihen ihre Doktoranden ein, diese unterrichten die Tutoren und jene wiederum die niederen Semester.

          Studenten seien an forschungsbasiertem Lernen nicht interessiert

          Dass das funktioniert, bezweifelt Prömels Frankfurter Kollege Rudolf Steinberg. Man müsse zur Kenntnis nehmen, dass ein großer Teil der Studenten an einem forschungsbasierten Lernen gar nicht interessiert sei. Viele von denen, die eine Universität besuchten, wären im Grunde genommen besser auf einer Fachhochschule aufgehoben. Die anwendungsorientierten Hochschulen hätten heute weniger Studenten als die Unis – eigentlich, so meint Steinberg, müsste es genau andersherum sein.

          Vom Prinzip der forschungsbezogenen Lehre will der Präsident der Goethe-Universität aber trotzdem nicht lassen und auch nicht von dem Anspruch, schon Anfänger am Erkenntnisfortschritt teilhaben zu lassen, wenn sie das denn wollen. Überdurchschnittlich begabte Studenten möchte er möglichst früh – nicht erst im Masterstudium – in „wissenschaftlich herausfordernde Programme“ aufnehmen. Einen solchen Ansatz verfolge zum Beispiel der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften mit seiner „Dean’s List“ für Bachelorstudenten mit Einser-Durchschnitt. Die Auserwählten können Unternehmenspraktika absolvieren, an Workshops teilnehmen und Coaching-Angebote nutzen.

          Grätzel: Humboldts Ideen nur in „Biotopen“ überlebensfähig

          Ein solches Konzept der Frühförderung sei näher an Humboldt als Prömels Kaskadenmodell, findet Stephan Grätzel, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Mainz. Die Ideen des Bildungsreformers seien heutzutage nur noch in kleinen „Biotopen“ überlebensfähig. Auch der Frankfurter Philosoph Lutz-Bachmann glaubt nicht recht, dass ein Tutor ebenso wie ein Professor im humboldtschen Sinne Wissen vermitteln könne: Schließlich sei die Hilfskraft noch Student und damit den Zwängen des verschulten Bachelor-Master-Systems ausgesetzt.

          Doch selbst wenn es nicht zu einem Privatissimum beim Professor reicht und der Tutor genauso wie seine Schützlinge im Klausurenstress steckt – ganz ohne Kontakt zum wissenschaftlichen Fortschritt muss kein Student die ersten Semester hinter sich bringen, wenn es nach Uni-Präsident Steinberg geht: In einer Diskussion mit dem Publikum überkommene Theorien in Frage zu stellen sei schließlich auch in einem großen Hörsaal möglich.

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