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Zuschauer beim Turm-Spektakel : Picknick bei 5 Grad

  • -Aktualisiert am

Zuschauer verabschieden sich vom AfE-Turm Bild: Julian Illi

Wer einen guten Blick auf die Sprengung des AfE-Turms haben will, ist früh aufgestanden. Manche schon weit vor dem Morgengrauen. Bei so manchem Zaungast ist Melancholie im Spiel: „We will miss you!“

          Aus dem blauen Lautsprecherwagen der Polizei dröhnt der Countdown: „Zehn, Neun, Acht, …“ Tausende Handys zucken in die Höhe, Väter setzen ihre Kinder auf die Schultern, zigtausende Augen richten sich auf den grauen Betonklotz, der knapp 300 Meter entfernt steht. Augenblicke später hören die Zuschauer auf der Ludwig-Erhardt-Anlage einen ohrenbetäubenden Knall. Dann, ganz langsam, sinkt der äußere Skelettbau des AfE-Turms in Richtung Erdboden, wenige Sekunden später faltet sich auch der Kern des Gebäudes gemächlich zusammen. Die Menge applaudiert, als vom ehemaligen Uni-Gebäude nur noch eine Staubwolke übrig ist. Anschließend leert sich die Grünanlage vor dem Messegelände innerhalb weniger Minuten. Das Wetter lädt nicht zum Verweilen ein, der Wind pfeift kalt durch die dürren Bäume, der Boden ist aufgeweicht und schlammig.

          Sonntag, 8 Uhr: Der schlammige Boden stört kaum jemanden. Dabei ist der Himmel da noch deutlich verhangen, zäher Nebel hängt zwischen den Hochhäusern. Trotzdem werden unten im Park die ersten Picknickdecken ausgerollt, Hobby-Fotografen suchen nach der idealen Position, um ihre Stative aufzubauen. Zwei Stände vor der Messe verkaufen Würstchen, Bier und Sekt. Der Duft zieht über die Zuschauermenge hinweg und schafft ein bisschen Volksfestatmosphäre. Aus unzähligen Thermoskannen wird Kaffee in Tassen gegossen und Kuchen aus Plastikboxen geholt. Kurz nach Neun ist Frühstückszeit. Diejenigen, die besonders früh da waren, haben sich Plätze ganz vorne an den Absperrzäunen gesichert und warten nun im Campingstuhl sitzend auf den Beginn des Spektakels.

          „We will miss you!“

          Viele Familien mit Kindern sind an diesem Morgen gekommen, um den Turm fallen zu sehen, aber auch ehemalige Studenten, die einen letzten Blick auf den Ort erhaschen wollen, in dem sie viele Stunden und Tage verbracht haben. Andenken werden verkauft, Jutebeutel mit der Silhouette des Turms zum Beispiel oder Postkarten mit den schönsten Motiven. Mitarbeiter und Studenten der Goethe-Universität haben eine Broschüre herausgegeben mit Texten über die Bedeutung des Gebäudes. Vier Euro kostet das Stück.

          Vereinzelt halten Besucher auch selbstgemalte Bilder vom Turm in die Höhe, oder Plakate, auf denen steht: „We will miss you!“. In die Volksfestatmosphäre mischt sich ein wenig Melancholie. So auch bei Katharina Pretzl. Vor einem knappen Jahr hat sie im AfE-Turm noch ihre Examensarbeit geschrieben und über die kaputten Aufzüge geflucht, jetzt denkt sie ein wehmütig daran, dass der Turm für immer verschwinden wird. „Man hat ihn gehasst, aber ich werde ihn trotzdem vermissen“, sagt sie. Wenn möglich, will sie ein Stückchen vom Turm mit nach Hause nehmen, als Erinnerung. 

          Das erste Warnsignal

          Je näher die Sprengung rückt, desto mehr Menschen strömen in die Ludwig-Erhard-Anlage. Die Straßenbahn fährt schon den ganzen Morgen nicht mehr direkt an das Gelände, die Polizei hat auch die Straßen gesperrt. Auf der Fahrbahn stehen jetzt Kinderwagen. Auch in den Seitenstraßen versammeln sich Schaulustige, am Ende werden es gut 25.000 Zuschauer sein.
          Um Punkt 10 ertönt das erste Warnsignal von Sprengmeister Eduard Reisch, schlagartig wird es still im Park vor der Messe. Kurz darauf das zweite Warnsignal, es ist jetzt kurz nach zehn Uhr. Um den Turm kreisen noch einige Vögel. Dann beginnt der Countdown aus dem Polizeilautsprecher.

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