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Wandsprüche im AfE-Gebäude : Turm, ich will ein Kind von Dir

  • -Aktualisiert am

Sozialer Lesestoff an den Innenwänden der Fahrstühle im AfE-Turm Bild: Fricke, Helmut

Mit dem Hochhaus verschwinden die Worte: Die Wandsprüche im AfE-Turm durchbrachen Tabuzonen. Mit seiner Sprengung geht die Kreativität und der Zeitgeist von Jahrzehnten verloren.

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          Ähnlich den Graffiti imponieren die Turmsprüche mit suggestiver Aufdringlichkeit. Sie springen ins Auge, weil sie in der Fülle alltäglich wahrnehmbarer Texte und Zeichen ihren Leser herausfordern, kantig, drastisch, verspielt und unbekümmert vulgär: „Scheiß Uni, Scheiß Mensa, Scheiß Staat, nur ich bin cool.“

          Selten gelingt ihnen der Weg zur breiten Resonanz oder gar Zitierfähigkeit. Nur wenige der knappen Texte und dann wohl eher solche, deren Originalität derart verblüfft, dass sie als Botschaften weitertransportiert werden und auf diesem Weg ihren Entstehungsort, die Entstehungssituation vergessen lassen, wirken als Zeitgeistmarker, als Signatur einer Generation oder Lebensform. Beim ersten Eindruck entsteht Faszination, der Leser erschauert, ist angewidert, gelegentlich erheitert und beginnt allenfalls eine spontane, flüchtige gedankliche Auseinandersetzung, ein stummes Gespräch. Schnell bietet sich eine lakonische Reaktion an, die kopfschüttelnde und zivilisationsgewisse Resonanz.

          Sprache der radikalen Sozialromantik

          Die Turmsprüche, chaotisch gestapelte Zwischenrufe aus dem Alltag einer Bildungsinstitution, haben Erzeuger. Autoren folgen Motiven und Ideen, und mit ihrer Publikation auf den kahlen Flächen von Wänden und Fluren eröffnen sie kommunikative Konstellationen. Inhaltlich betrachtet, zeichnet die Turmsprüche zumeist eine scharfe Polarität aus. Sie suchen die Zuspitzung; artikulieren, insbesondere bei Botschaften, die politische Stellungnahmen zum Gegenstand haben, Perspektiven jenseits der öffentlich gepflegten Kultur des Respekts, von Kompromiss und Kooperation. In den Turmsprüchen herrscht die Sprache der radikalen Sozialromantik vor. Jenseits von Diplomatie, Takt und Besonnenheit werden die Tabuzonen durchbrochen: „Nie wieder Deutschland“. Der Schrei, die Klage, Hass, unverhohlene Rache und Aktionsbereitschaft liefern die Vorlagen für die Selbstermutigung.

          Nicht nur politisch bedenkenlos, sondern auch indifferent gegenüber der Würde der Person entstehen im Schutz des Hingekritzelten Bekenntnisse sexueller Radikalität, kommunizierte Perversionen, die dank der Sanktionsfreiheit, unter der die Texte entstehen, Äußerstes wagen. Dabei gilt: Turmsprüche erzeugen Turmsprüche, eine Vielstimmigkeit angeblich authentischen Durchblicks, die sich eines Echos, der scharfen Gegenwehr, gelegentlich sogar einer Spannungsabfuhr gewiss sein kann: „Kein Turm ist auch keine Lösung.“ Oder: „Weg mit dem Turm“ - „Wohin denn?“

          „Treppensteigen macht einen schönen Po“

          Nicht durch Respekt gemäßigt, sind die Sprüche aufeinander bezogen. Nicht nur findet die rhetorische Radikalität des Fanatismus eine gleichsam garantierte Community. Vielmehr provoziert gerade sie Bekundungen des Abscheus oder des Widerstands, nicht selten in Gestalt absurder Übersteigerungen oder demonstrativer Ironie. Mäßigende oder humorvolle Brechungen zählen zu den seltenen bunten Blumen, die sich über die Drastik der Texte legen und zu Milde, Besinnung und Reflexion auf die zivilisatorischen Werte mahnen: „Treppensteigen macht einen schönen Po“.

          Neben politischen Konflikten wie der Spannung zwischen Israel und der arabischen Welt, neben den Initialerinnerungen des Kollektivgedächtnisses wie etwa der moralisch verpflichtenden Erfahrung der beiden deutschen Diktaturen, neben den Versatzstücken der Lebensphilosophie, neben dem spielerischen Zitat kultureller Selbstverständnisse der Elterngeneration bilden Bezugnahmen auf laufende Universitätsereignisse die dritte Kategorie: „Subjekt sein, nicht forschen“. Meist Ausdruck von Unzufriedenheit, die in den universitären Gremien nicht oder aus Sicht der Spruch-Autoren nicht hinreichend artikuliert werden konnte.

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