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Leser erinnern sich an den AfE-Turm : Bye-bye, Betonungetüm!

  • Aktualisiert am

Bild: Christian Trabandt

Schon seit Wochen ist nur noch ein Skelett übrig vom Uniturm, dem brutalistischen Mahnmal der Frankfurter Geisteswissenschaftler, und nun wird er gesprengt. Wir haben FAZ.NET-Leser gefragt, was sie mit dem Turm verbinden.

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          Dr. Andreas Hansert erinnert sich an eines der vielen, vielen Graffitti, die die Wände zierten:

          „Als ich am 18. Oktober 1977 – dem Tag von Mogadischu und Stuttgart Stammheim – in aufgewühlten Zeiten ein Studium der Soziologie in Frankfurt begann, kam ich erstmals in den Turm. Dort verkehrte ich über mehr als zwanzig  Jahre hinweg, da ich auch später berufsbedingt den Kontakt zur universitären Wissenschaft noch pflegte. Ende der Siebziger Jahre prangte dort in einem Seminarraum irgendwo in den mittleren Etagen in großen roten Lettern der Spruch „Noch 11 Jahre bis 1984“; hingesprüht also 1973. Es kam das Jahr 1980: „Noch 11 Jahre bis 1984“; es kam das Jahr 1984: „Noch 11 Jahre bis 1984“. Es verging das Jahr 1984, es kamen die späten Achtziger und noch immer stand das Menetekel rot an der weißen Wand. Auch in den Neunzigern war es dort zu lesen. Vielleicht auch heute noch, wo der Turm nun fällt, ein Jahr nach Edward Snowden noch immer: „11 Jahre bis 1984“?“

          Verfolgen Sie die Sprengung am Sonntag live bei FAZ.NET

          Prof. Dr. Sebastian Scheerer arbeitet heute im Institut für Kriminologische Sozialforschung an der Hambuerger Universität und schickt uns Fotos von seiner Habilitation im Jahre 1988, zusammen mit Heinz Steinert und Alex Demirovic.

          Was die Liebe laut der Wandbeschriftung nicht ist, bleibt allerdings vorerst ein Geheimnis.

          Simone Betz ist traurig, dass der Turm gesprengt wird. Nach ihrem Studium wohnte sie sogar lange in einer der umliegenden Straßen mit Blick auf das Betonungetüm. Dort trank sie auf dem Balkon Kaffee und erinnerte sich an ihre Studienzeit:

          „Ich hatte zum Beispiel oft Seminare im 33. Stock und es ist mit Regelmäßigkeit vorgekommen, dass der Aufzug im 25. Stock gehalten hat und dann, anstatt weiter nach oben, einfach wieder ins Erdgeschoss gefahren ist. Da brauchte man schon starke Nerven, um nicht völlig auszurasten. Generell war der Andrang auf die wenigen Aufzüge so groß, dass man nicht immer sofort einen bekommen hat und manchmal auf den nächsten warten musste, da oftmals ein oder zwei Aufzüge gerade außer Betrieb waren, wegen „Wartungsarbeiten“. Eine weitere Besonderheit dieser Fahrstühle war, dass sie bereits die Türen geöffnet haben, obwohl sie noch gar nicht richtig im Stockwerk angekommen waren! Da war dann noch gut 40 cm Wand zu sehen, während er sich weiter langsam nach oben schraubte.  Das kann einem als Erstsemester schon ganz schön erschrecken, genauso wie das plötzliche Absinken des Fahrstuhls bei betreten, auch sehr nett. Aber im Laufe der Zeit hattte man sich im Großen und Ganzen an den Turm mit seinen mit Graffiti verzierten Wänden, den linken Parolen in den Fahrstühlen und seiner wirren Treppenhausführung gewöhnt, ja man hat ihn sogar irgendwie lieb gewonnen. Mir ist bewusst geworden, dass der Turm eigentlich sehr gut zu den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften passt. Er war ein Ort für Freigeister und Philosophen, die im Tuca (einem von Studenten geführten Turm-Café, in dem wir so manche Stunde zusammen verbracht haben) zusammen gesessen, Kaffee getrunken und über gesellschaftliche Missstände und deren Lösung diskutiert haben. Das Graffiti gehört zum Inventar und egal wie oft der Aufzug neu gestrichen wurde, es hat keinen Tag gedauert, da standen wieder neue Parolen an der Wand. Aber das hat alles zu dem Studentenleben dazu gehört, alles Ausläufer der 68-er Generation, von deren Geschichte der Turm und seine Fachbereiche geprägt sind, denn in den siebziger Jahren war der AfE-Turm, als höchstes Gebäude der Stadt, das Symbol für den einstigen hohen Stellwert der  gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Aber auch das hat sich verändert.“

          Clemens Riemenschneider schreibt uns:

          „Ich bin Bioinformatik-Student, und da das Informatikgebäude ja neben dem  Turm liegt, hab ich mich durchaus für den Turm und seine Geschichte interessiert, bin in seinen letzten Jahren ab und zu mal ein paar Treppen hochgelaufen, Schmierereien gelesen. Das schönste Erlebnis war aber, als ich im Oktober 2012 vor Sonnenaufgang bis ganz nach oben gefahren bin, und durch die Scheibe diesen Sonnenaufgang fotografiert habe:“

          Am schönsten ist der Turm, wenn man ihn im Rücken hat!

          Für Dr. Kirsten Girnth war der Turm ein fast romantischer Ort als Schauplatz einer Verabredung mit Angebetetem, leider ohne Fernblick:

          „1986 habe ich das Studium der Volkswirtschaftslehre an der Johann Wolfgang Goethe Universität aufgenommen. Einige Seminare fanden im AFE Turm statt, der alles andere als einladend war. Ich war gerade der klösterlichen Welt eines Offenbacher Mädchengymnasiums entsprungen - da war der Kulturschock (zumal von Offenbach nach Frankfurt kommend) besonders groß. Damals schrieb ich nebenbei für den Lokalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hatte mich in einen Redakteur verguckt. Er konnte wunderbare Geschichten erzählen und natürlich auch schreiben. Ihn nahm ich - zu Recherchezwecken - eines herbstlichen Spätnachmittags mit in den Turm bis ganz nach oben, um ihm die wunderbare Aussicht zu zeigen. Über seine Eindrücke, die er während unserer gemeinsamen Aufzugfahrt gewonnen hatte, schrieb er damals eine kleine Geschichte für die Zeitung, die dann sogar in der F.A.Z. abgedruckt wurde. Ich erinnere mich noch gut an die letzten Sätze seiner Glosse: „Jetzt steht nur noch eine da, die Tasche zwischen die Füße geklemmt. Im 38. Stock öffnet sich die Tür des Aufzugs zum letzten Mal - Frankfurt liegt im Nebel.“ Mit dem Fernblick war es also leider nichts. Ich arbeite inzwischen als Anwältin im Westhafenturm (hatte dann noch Jura studiert) und habe mir vorgenommen, am 2. Februar die Sprengung von meinem Büro aus zu verfolgen. Da werden sie dann in sich zusammen fallen, die Erinnerungen an die Studienzeit.“

          Florian Schoenherr beobachtete in den neunziger Jahren den Soziologen Ulrich Oevermann bei einer Lehrveranstaltung:

          “Sehr schade um den Turm“, schreibt Schoenherr. „War ein Raum von Lehre, Geist, eine Brutstätte - seine Sprengung ist ein Sakrileg und schadet der Identität Frankfurts. Man müsste es eigentlich verhindern.“

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