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Hochhaus-Sprengung : So wird der Frankfurter Uni-Turm gesprengt

Verkabelt: Um die Sprengsätze zünden zu können, sind allerlei Schnüre durch den AfE-Turm gezogen worden, die wie Wäscheleinen aussehen Bild: Wonge Bergmann

Ganz kontrolliert soll der 116 Meter hohe Uni-Turm in Frankfurt an diesem Sonntag in sich zusammenfallen. Ein höherer Turm ist in Europa bisher noch nicht gesprengt worden. Wir erklären wie es geht.

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          Helmut Scholl vom Technischen Hilfswerk, Ortsverein Völklingen-Püttlingen, hat sich extra Urlaub genommen. „Wann kriegen Sie schon einmal ein Hochhaus gesprengt? Das erlebt man nur einmal im Leben“, sagt der stattliche Herr aus dem Saarland. In den Pfeilern im Keller des AfE-Turms hat er mit seinen Kollegen 300 Kilogramm Sprengstoff verarbeitet. Wenn alles glattgeht, und davon ist er überzeugt, wird das alte Hochhaus am Sonntag ganz kontrolliert in sich zusammenfallen: „Das ist eine sichere Sache.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Scholl - 55 Jahre alt, Schnurrbart, blaue Augen - mag es, wenn es kracht: „Ein Spaßfaktor ist auch dabei.“ Er hat seit 1980 den Sprengschein und für das Technische Hilfswerk schon einmal einen Schornstein in die Luft gejagt. Ehrenamtlich natürlich. Denn im richtigen Leben ist Scholl Betriebselektriker in einer Gießerei in Neunkirchen. Mittlerweile habe er Routine, sagt er.

          Verfolgen Sie die Sprengung am Sonntag live bei FAZ.NET

          Scholl ist einer von 35 Helfern, die bei der Ladung des AfE-Turms mit Sprengstoff behilflich sind. Zehn Kollegen vom Technischen Hilfswerk packen mit an und zehn Soldaten der Bundeswehr, die Anschauungsunterricht nehmen. Rocco Napieralski zum Beispiel ist Sprengmeister beim Pionierbataillon 701 in Gera und war dabei, als bei der Flut im Sommer Kähne versenkt wurden, um ein Loch im Elbdeich zu schließen. Im AfE-Turm führen andere das Kommando. Sprengmeister Eduard Reisch und seine Profis kontrollieren noch einmal sorgfältig die Ladung des Gebäudes.

          So läuft die Sprengung des AfE-Turms ab

          Reisch nimmt eine „Schlagpatrone“ in die Hand und zeigt im Erdgeschoss des AfE-Turms, wie es geht: Das Ding wiegt 340 Gramm und sieht aus wie eine ziemlich lange Zigarre. Von oben drückt Reisch einen Zünder, der mit einem gelben Sprengschlauch verbunden ist, in den gelatinösen Sprengstoff. Passieren könne dabei nichts, sagt er. „Die sind handhabungssicher.“ Selbst wenn so ein Ding zu Boden fiele, bleibe alles heil. Dann schiebt er die Patrone in eines der 1405 Bohrlöcher, mit denen die Pfeiler perforiert sind. 90 Zentimeter tief rutscht die Patrone hinein. Mit einem Ladestock, der aussieht wie ein Besenstiel, hilft er nach. Dann kommt noch ein kleiner „Sperrschirm“ drauf, damit die Patrone nicht wieder herausrutscht. „Damit ist das Loch fix und fertig geladen“, sagt Reisch.

          Der gelbe Schlauch wird mit zwei roten Schnüren verbunden, die wie Wäscheleinen von Pfeiler zu Pfeiler laufen. Das sind die Sprengschnüre, eine Haupt- und eine Reserveschnur. Sie sind ebenfalls mit Sprengstoff gefüllt und sollen am Sonntag mit einer Geschwindigkeit von 6000 Metern in der Sekunde detonieren. Rasend schnell soll die „Detonationsfront“, von der Reisch spricht, durch das Gebäude sausen und die Explosion in den Pfeilern auslösen. Das Sprengmaterial sei das beste, das es auf dem Markt gibt. „Wir haben eine Versager-Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million“, meint der Sprengmeister.

          „Sprengmäuler“ elektrisch gezündet

          In den beiden Untergeschossen, im Erdgeschoss, im 5. und im 21. Obergeschoss werden die Stützen gesprengt. Damit keine Brocken durch die Luft fliegen, sind die Pfeiler dort dick ummantelt. „Wie ein Sandwich“, sagt Reisch, eine Lage Vlies, eine Lage Maschendraht und noch einmal eine Lage Vlies. Geben die Pfeiler nach, fällt das äußere Skelett, das die Seminarräume trägt, zu Boden. Drei Sekunden nach den Pfeilern ist der Kern des Turms fällig. Im 5. und im 17. Geschoss werden „Sprengmäuler“ elektrisch gezündet: Sie sind auf zwei unterschiedlichen Seiten angebracht, so dass der oberer Teil nach Süden und der untere nach Norden kippt. „Wie ein Baum, den man mit zwei Keilen fällt“, sagt Reisch.

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          Im Treppenhaus war einer hellsichtig; „Sprengt den Turm“, hat dort jemand an die Wand gekritzelt. Diese und viele andere Inschriften („Hinter dem Marxismus steht das Kapital“, „Ich mag Limo“, „Müller-Esterl, du hast mein Studium ruiniert“) sind bald Geschichte. Reisch weint dem Gebäude keine Träne nach. „Ich finde es nicht sonderlich schön“, sagt der 53 Jahre alte Bayer. Aber er geht ohnehin sehr rational an die Sache ran: „Ich muss den planmäßig zu Fall bringen“, sagt er.

          Der geladene Turm wird erst kurz vor der Sprengung scharf geschaltet. Die Nachbarn können also ruhig schlafen. Zumal man die Ladung mit dem Feuerzeug ohnehin nicht auslösen könnte. Außerdem ist der Turm rund um die Uhr bewacht. „Hier kommt keiner rein“, verspricht der Sprengmeister.

          Zimmer mit Aussicht auf Sprengung ausgebucht

          Die Hotelzimmer mit Aussicht auf die Sprengung des Uni-Hochhauses am Sonntagmorgen in Frankfurt sind komplett ausgebucht. Das „Marriott“-Hotel hat 130 Zimmer mit Blick auf den schätzungsweise 130 Meter entfernten sogenannten AfE-Turm im Angebot, wie die Sprecherin des gehobenen Business Hotels, Ricarda Keseberg, sagte. „Das Paket war innerhalb von fünf Tagen ausverkauft.“ Viele der Gäste stammten aus dem Rhein-Main-Gebiet, auch Journalisten hätten angefragt. Es hätten aber auch Privatleute von weiter her in eines der Zimmer von der 26. bis 44. Etage gebucht. Ein Zimmer für zwei Personen mit Frühstück und Erinnerungs-DVD war für 199 Euro zu haben. Sprengmeister Eduard Reisch wird am Sonntag um 10.00 Uhr voraussichtlich auch von dem Hotelturm aus die Sprengung zünden. (dpa)

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