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Hochbegabte : Der Wunsch, normal zu sein

  • -Aktualisiert am

Hochbegabung kann eine Last sein. Viele Menschen mit außerordentlichen Fähigkeiten leiden unter dem Gefühl, andere zu überfordern und dabei selbst unterfordert zu sein.

          3 Min.

          Sie spricht vier Sprachen, hat ihr Hauptstudium nach fünf Semestern mit 1,0 abgeschlossen, ihr IQ liegt bei 140, und sie wusste schon immer, dass sie anders ist: Karen Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist hochbegabt. In der Schule galt sie als „kompliziert“ und „anstrengend“, hat stets den Kontakt zu Älteren gesucht. Kinder in ihrem Alter waren oft neidisch, wurden aggressiv, hielten sie für arrogant. Schmidt nur wenige Freunde. In der elften Klasse nahm sie an einem Intelligenztest teil. Ihr Lehrer gab ihr den fehlerfreien Test zurück, sie habe geschummelt, warf er ihr vor. Damals ahnte Schmidt das erste Mal etwas von ihrer Hochbegabung.

          Heute sei sie sich ihrer überdurchschnittlichen Fähigkeiten bewusst und habe sie akzeptiert, sagt die Dreißigjährige. Sie suche nach einer Herausforderung, wolle wissen, wo ihre Stärken liegen, um sie richtig zu nutzen. Allerdings wisse sie nicht wie, habe das Gefühl, „mit angezogener Handbremse“ durchs Leben zu laufen. Um besser mit ihrer Hochbegabung umgehen zu lernen, fährt die Erlangerin einmal in der Woche nach Frankfurt. Hier trifft sie Anne Heintze, die sich auf die Förderung von hochbegabten Erwachsenen spezialisiert hat. „Die übersensible Wahrnehmung ihrer Umwelt kann Hochbegabte privat und beruflich in Schieflagen bringen. Daraus versuche ich sie wieder herauszuholen“, sagt Heintze. Die Hochbegabung zu erkennen sei der erste Schritt. „Manche wissen gar nicht, ob sie hochbegabt sind, weil sie nie einen Test gemacht haben“, sagt Heintze.

          „Ich hatte kein Ziel vor Augen“

          Schmidts Lebenslauf sei für eine Hochbegabte „typisch chaotisch“, sagt Heintze: Das Gymnasium abgebrochen, auf die Realschule gewechselt, später wieder zurück ans Gymnasium, dazwischen den Hauptschulabschluss gemacht. Die wenigsten Hochbegabten hätten eine geradlinige Karriere. Auch sei die Eigenwahrnehmung verschoben: „Frau Schmidt wollte sich mit dem Hauptschulabschluss absichern, weil sie dachte, sie könne nichts.“ Das Abitur hat Schmidt mit der Note 2,9 bestanden – nicht gerade überdurchschnittlich. „Ich hatte kein Ziel vor Augen“, sagt sie. Das habe sich erst später beim Studium geändert.

          Ihre Klassenkameraden waren mit ihr überfordert. Schmidt übersprang im Gespräch Gedanken und ging davon aus, dass ihr Gegenüber trotzdem versteht, was sie meint. Sie musste üben, ihre Gedanken der Reihe nach zu formulieren, sich nicht ständig „selbst zu überholen“. Die Themen der Mädchen langweilten sie, es ging nur um Partys, Jungs und Schminken. Lieber unterhielt sie sich mit den Freunden ihrer Eltern.

          Rolle gespielt, um „sozial kompatibel“ zu werden

          Mit zwölf Jahren hatte sie ein „eklatantes Erlebnis“: „Bei einer Betriebsfeier von meinem Papa habe ich seinen Kollegen den ganzen Abend Lebenshilfe gegeben.“ Am nächsten Tag sei ihr Vater mehrfach auf seine aufgeweckte Tochter angesprochen worden.

          Wenn sie erzählt, spricht die junge Frau mit den blonden kurzen Haaren schnell, ihre Hände fliegen durch die Luft, ihre blauen Augen sind hellwach. Und das, obwohl sie oft nur vier Stunden schläft – auch „typisch hochbegabt“, wie Heintze sagt. Schmidt ist unter Freunden oft immer noch in der Beraterrolle, weil sie „Menschen sehr schnell erfassen kann“. Auch das sei typisch, sagt Heintze. Hochbegabte seien besonders sensibel. Zudem hätten sie einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Umso schmerzlicher seien Erfahrungen mit Ungerechtigkeit, wie sie Schmidt gemacht habe. In der fünften Klasse habe sie mit einer Freundin einen Deutschlehrer überführt. „Wir haben exakt die gleiche Hausarbeit abgegeben, meine Freundin hat eine zwei bekommen und ich eine vier.“

          Im Studium, bei der Zwischenprüfung in Soziologie, habe ihr die Professorin geraten, sich zu überlegen, ob Studieren das Richtige für sie sei. Sie habe offenbar nicht das Potential dazu. Schmidt bekam die Note vier, gerade noch, weil die Dozentin, wie diese sagte, „Mitleid“ gehabt habe. Auf das Studium folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit. Einen Satz könne sie seitdem nicht mehr hören: „Ihr Lebenslauf ist beeindruckend, aber leider sind sie überqualifiziert.“ Ihre Zukunft sieht Schmidt in einer Beratungstätigkeit, wie sie Heintze ausübt. Sich „selbständig zu machen und Hochbegabte zu coachen“ sei ihr langfristiges Ziel. Konkurrenz hätte sie dabei wenig, denn Heintze ist eine von zwei Hochbegabten-Trainerinnen in Deutschland.

          Suche nach jemandem auf der gleichen Wellenlänge

          Heintze will helfen, dass Schmidt die Begabung als Gabe sieht. Das war ihr lange nicht möglich. Im Gegenteil empfand sie ihre Andersartigkeit als Belastung. Das stieß nicht immer auf Verständnis. „Deine Probleme möchte ich haben“ habe sie einmal zu hören bekommen, sagt Schmidt. „Das hat dazu geführt, dass ich mich angepasst und selbst verleugnet hab’.“ Sie habe eine Rolle gespielt, um „sozial kompatibel“ zu werden. Trotzdem hätten sich die Freundinnen abgewendet, nur zwei seien ihr geblieben. „Hochbegabung macht einsam“, bestätigt Heintze. Aber sich zu verbiegen, gehe immer schief, das setze sich auch in Partnerschaften fort. Schmidt hat einen Partner gefunden, einen Hochbegabten. „Natürlich sucht man wie jeder nach einem, der auf der gleichen Wellenlänge ist“, sagt Heintze, die ebenfalls hochbegabt ist. Schmidt hat Glück gehabt, einen passenden Partner zu finden: Drei Millionen Hochbegabte leben in Deutschland, meist wird die überdurchschnittliche Fähigkeit von der Mutter vererbt.

          Schmidt weiß, sie hat es gut getroffen, ist in einer verständnisvollen Familie aufgewachsen, hat ihren Weg gemacht. Noch im Oktober fängt sie ihren neuen Job an. Heintze weiß, dass manche die Hochbegabung für ein „Luxusproblem“ halten. Aber sie kennt auch andere Fälle: Klienten mit Depressionen suchten sie auf, die in der Arbeit gemobbt würden. Orientierungslos seien viele, litten unter psychosomatischen Beschwerden, manchmal plagten sie Selbstmordgedanken. Schmidt weiß aus eigener Erfahrung, wovon Heintze spricht: „Als Hochbegabter wünscht man sich nichts sehnlicher, als normal zu sein.“

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