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Historisches : Das tröstet die Sachsen: In der Paulskirche hängt nicht nur eine falsche Flagge

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Ob wir Frankfurter etwas gegen die Sachsen haben? Einem Sachsen in Frankfurt muß es so vorkommen - wenn er traditionsbewußt ist und wenn er einem Festakt in der Paulskirche beiwohnt. Sein Blick gleitet ...

          Ob wir Frankfurter etwas gegen die Sachsen haben? Einem Sachsen in Frankfurt muß es so vorkommen - wenn er traditionsbewußt ist und wenn er einem Festakt in der Paulskirche beiwohnt. Sein Blick gleitet über die stolz gereihten Fahnen der deutschen Länder: Rautenmuster, aha, Bayern; und hier, eindeutig: Hamburg. Aber, oh Schreck: Was haben die Frankfurter nur aus unserer sächsischen Flagge gemacht, dem Hoheitszeichen des Freistaats Sachsen? Grün-Weiß statt Weiß-Grün. Rechts grün, links weiß. Ein staatspolitischer Frevel, Mißachtung eines Volksstammes, der schon Kaiser gestellt hat, Demütigung eines deutschen Kernlandes. Schande über Frankfurt! Schande über jene Ignoranten dort, die im Allerheiligsten der deutschen Einheit und Demokratie die Sachsenflagge entehrt haben. So darf ein rechter Sachse in der Paulskirche sich wohl empören.

          Doch kann er sich damit trösten, daß die Frankfurter nicht einmal ihre eigene Fahne richtig zu hängen imstande sind. Rot-Weiß statt Weiß-Rot. Dreimal Schande über Frankfurt und seine Fahnenwarte!

          Aber Moment mal, wendet hier der Frankfurter Traditionalist ein. Rot-Weiß lautet die Frankfurter Farbfolge, nicht Weiß-Rot. Und beruft sich auf den Frankfurter Magistrat, aber auf den von 1880. Der hatte den preußischen Fahnen- und Wappenverwaltern in Berlin auf die Frage, wie die Reihenfolge der Frankfurter Farben denn nun sei, in der sie am Flaggenstock von oben nach unten erscheinen, geantwortet: Rot-Weiß-Rot-Weiß. Weil die Handelsflagge von 1833 so gehalten sei. So ganz sicher waren sich die Herren im Römer -damals gab es dort nur Herren - indes über die Reihenfolge nicht. In einem Entwurf des Magistrats ging es dauernd hin und her: erst Weiß-Rot, dann Rot-Weiß, danach wieder Weiß-Rot. Für's erste trugen die Rot-Weißen den Sieg davon. Seit 1885 beantworteten der Magistrat und die Staatskanzlei dann aber die Frage, wie denn die wahren Stadtfarben seien, stets mit: Rot-Weiß.

          Sechs Jahrzehnte später flammte der Flaggenstreit wieder auf, als die Stadtverwaltung mit einer Fahnenfirma über die Lieferung neuer Wappenfahnen verhandelte. Oberbürgermeister Walter Kolb reiste persönlich zu den Flaggemachern nach Bonn - und entschied sich für Rot-Weiß. Konnte sich aber nur zu 50 Prozent durchsetzen. Denn in der Folgezeit wehte es vom Römer mal Rot-Weiß, mal Weiß-Rot, und wenn man zeitgenössichen Berichten glauben darf auch mal im gemischten Doppel.

          Weil alle Dinge ihre Ordnung brauchen, vor allem die hoheitlichen, und weil Frankfurt keine Bananenstadt ist, sondern eine altehrwürdige Reichsstadt, in der jede Menge Kaiser gewählt worden sind, weshalb man sich nicht nachsagen lassen wollte, man verstehe nichts von Formen und Symbolik und es gehe hier zu wie bei Meister Klecks, der nach Lust und Laune in den Farbtopf greift, aus diesen Gründen ward 1952 das höchste demokratische Gremium der Stadt, die Stadtverordentenversammlung, zu einer Entscheidung aufgerufen. Und sie entschied: "Die Stadtfarben sind Weiß-Rot". So steht es in der Hauptsatzung, und so gilt es noch heute.

          Und deshalb wundert sich ein Sachse in Frankfurt gar nicht mehr über die farbenblinden Frankfurter Fahnenherren, die in ihrer Paulskirche seine schöne Sachsenflagge verunstaltet haben. Was soll man schon von Leuten erwarten, die ihre eigenen Stadtfarben durcheinander bringen?

          HANS RIEBSAMEN

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