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Historischer Balanceakt : Vor 25 Jahren schwebte Philippe Petit über Frankfurt

Ein Mann, ein Seil, eine halbe Million Bewunderer: Philippe Petit bei der 1.200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Vor 25 Jahren balancierte Philippe Petit bei der 1200-Jahr-Feier über Frankfurt – trotz starker Windböhen und dunkler Wolken. Ein unvergessliches Erlebnis für mehr als 500.000 Zuschauer.

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          Ein vergleichbares Ereignis war allenfalls noch Christos Verhüllung des Reichstags in Berlin, vor deren Realisierung sich viele auch nicht recht vorstellen konnten, dass sie ein unvergessliches Spektakel werden würde: Beglückend und bezaubernd, ein großes friedliches Fest wie die Kunstaktion in der Hauptstadt war ein Jahr zuvor der Drahtseilakt zwischen Paulskirche und Dom, den der Artist Philippe Petit zur 1200-Jahr-Feier der Stadt Frankfurt vollführte.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Mann, der 1974 zwischen den Twin Towers des New Yorker World Trade Center auf einem heimlich angebrachten Seil ohne Genehmigung hin- und herspaziert war, was seinen internationalen Ruhm begründete, war am Main ganz offiziell in luftiger Höhe unterwegs. Das Frankfurter Varieté „Tigerpalast“ hatte vorgeschlagen, ihn zu engagieren. Und bescherte der Stadt eine konzentrierte Show, die fest in ihrer Erinnerung verankert ist.

          60 bis 70 Meter über dem Boden

          Etwas Ähnliches fand seither nicht mehr statt. Ein Mensch, ein Seil, mehr bedurfte es nicht, um eine Performance zu bieten, deren Symbolgehalt sich jedem erschloss. Das Leben, ein ständiges Balancieren, ein Seiltanz, ein Weg zwischen Geburt und Tod, der Risiken birgt, aber auch voller Schönheit ist.

          Ohne Netz und Sicherung, 60 bis 70 Meter über dem Boden, schwebte Petit hoch über der Altstadt. Dabei verdunkelte am Nachmittag des 12. Juni vor 25 Jahren eine dunkle Wolke den Himmel, und eine steife Brise ließ den Umhang des Franzosen heftig flattern, als er die ersten Schritte tat.

          In den Straßen, an den Ufern des Mains, auf den Brücken waren mehr als 500.000 Menschen versammelt, um mit dem waghalsigen Akrobaten, der sich als Jugendlicher alle Tricks auf dem Hochseil selbst erarbeitet hatte, das Stadtjubiläum zu feiern. Die Menschen hielten den Atem an. Eine solche Masse und eine derartige Stille, das hatte es hier wohl noch nie gegeben.

          Ein echter Poet: Philippe Petit bei der Filmpräsentatiom, 2009 in New York

          Die Anspannung des Publikums legte sich zwar erst, als Petit den Turm des Kaiser-Doms erreicht hatte, aber schon bald, nachdem er von der Paulskirche dorthin aufgebrochen war, mischte sich in den Nervenkitzel ein erhabenes Gefühl.

          Kleine Gesten zur Erinnerung an Personen und Epochen

          Die Poesie dieses Auftritts erfasste die staunende Menge, die Eleganz und scheinbare Leichtigkeit überwältigten die Zuschauer. Dabei werden nicht alle erkannt haben, dass Petit mit kleinen Gesten an Epochen und Personen aus der Stadtgeschichte erinnerte, einmal etwa mit einer Schreibfeder hantierte, was auf Goethe hinweisen sollte. Dass sich der in ein historisches Kostüm gewandete Seiltänzer ab und zu hinkniete, wurde vielmehr als halsbrecherische Episode wahrgenommen, um die Spannung noch zu steigern, und auch der Abwurf von Umhang und Dreispitz führte zu dramatischen Effekten.

          Gelegentlich frischte der Wind wieder auf, der vor dem Lauf auf dem Hochseil so stark geblasen hatte, dass manche schon mit dem Abbruch des Vorhabens gerechnet hatten. Aber Petit entschied sich, den Gang zu wagen. Schließlich war er der Einzige, der die Gefahr einschätzen konnte. Denn ebenso wie der Verhüllungskünstler Christo bereitete auch Petit seine Kunststücke lange vor, mitunter viele Jahre, und er setzte sich mit allen architektonischen und klimatischen Tücken auseinander, auf die er während seiner Drahtseilakte gefasst sein musste. Die Frankfurter und ihre Gäste bejubelten ihn. Ein Fest für die Geschichtsbücher.

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