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Hilfsorganisationen : Plastische Chirurgie für die Ärmsten der Armen

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In seinem Büro fällt der Blick zuerst auf den großen schwarzen Koffer in der Ecke, dann auf den blauen Plastiksack. Eigentlich hätte man in diesem Raum stapelweise Fachmagazine mit Bildern von makellosen ...

          In seinem Büro fällt der Blick zuerst auf den großen schwarzen Koffer in der Ecke, dann auf den blauen Plastiksack. Eigentlich hätte man in diesem Raum stapelweise Fachmagazine mit Bildern von makellosen Körpern erwartet, denkt doch jeder beim Stichwort "Plastische Chirurgie" sofort an Schönheitschirurgie. Ein Vorurteil, mit dem der Präsident der Vereinigung der Deutschen Plastischen Chirurgen, Klaus Exner, gerne aufräumen möchte. Denn die ästhetische Chirurgie mit Bauchstraffung, Faltenbeseitigung oder Brustvergrößerung mache nur ungefähr 15 Prozent seiner Arbeit aus. Viel wichtiger sei die rekonstruktive Chirurgie, die etwa nach Unfällen zum Einsatz komme. Exner ist kürzlich aus Burma zurückgekehrt, wo er mit einem Ärzteteam aus München unentgeltlich 180 mittellose, zum Teil schwerst verletzte und erkrankte Menschen operierte. Deshalb steht noch der Koffer herum, und in dem Plastiksack sammelt der Arzt schon Plüschtiere für die Kinder, die er beim nächsten Einsatz operieren wird.

          Einmal im Jahr nimmt sich der Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie, Wiederherstellungs- und Handchirurgie am Frankfurter Markus-Krankenhaus drei Wochen lang Urlaub, um ehrenamtlich mit anderen Chirurgen, Anästhesisten, Assistenzärzten und Krankenschwestern des Vereins Interplast Germany in Ländern der Dritten Welt zu helfen. Gut 300 Kilogramm Gepäck sind bei diesen Unternehmungen keine Seltenheit. Um unter primitiven Bedingungen operieren zu können, bringen die Teams ihre eigenen Instrumente, Medikamente und eigenes Verbandsmaterial mit. Unterstützt werde die Aktion von der deutschen Industrie, die dem Verein unter anderem Handschuhe, Narkosemittel, Naht- und Verbandsmaterial zur Verfügung stelle, sagt Exner. Flugtickets, Verpflegung und - wenn eine private Unterbringung nicht möglich ist - Unterkunft würden von Spendengeldern finanziert. So engagiere sich der Rotary Club Frankfurt-Römer, dem Exner auch angehört, sehr für den gemeinnützigen Verein, ebenso die Rotarier-Nachwuchsorganisation Rotaract Deutschland.

          Gottfried Lemperle, international anerkannter plastischer Chirurg und Vorgänger von Exner am Markuskrankenhaus, hatte die Interplast-Idee 1980 aus den Vereinigten Staaten mitgebracht und Interplast Germany gegründet. Exner, damals sein Oberarzt, war gleich angetan von der Sache und baute den Verein mit auf. "Das hat eine persönliche Vorgeschichte", sagt er. Direkt nach seinem Medizinstudium in Marburg, Kiel und Freiburg habe er sich als Stipendiat anderthalb Jahre mit den Möglichkeiten medizinischer Entwicklungshilfe befaßt, vor allem in Bolivien.

          In Asien, Afrika und Südamerika, wo die meisten Menschen keinen plastischen Chirurgen bezahlen können, operieren Interplast-Teams aus Deutschland inzwischen jährlich 2000 Patienten. Exner holt ein Album aus seiner Schreibtischschublade hervor. Zu sehen sind Bilder von Kindern mit entstellenden Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten und mit Gesichtstumoren, von Frauen mit riesigen Verbrennungsnarben und Männern mit Klumpfüßen. Eingeklebt sind aber auch Fotos von strahlenden Patienten nach dem Eingriff. Oft arbeiten die Teams bis zur Erschöpfung, "aber wir bekommen auch viel zurück, viel Freude und Dankbarkeit".

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