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Hilfe vom Jugendamt : „Das war wie Auftanken“

Keine Zeit zu trauern

Sidika kam nach Frankfurt. Doch auch dort ging es ihr nicht gut. Ihr Onkel wollte nicht, dass sie zur Schule ging. Sie sollte sich lieber um den Haushalt und seine Kinder kümmern. Wenn sie davon spricht, unterbricht sie manchmal ihre Erzählung. „Ich brauch kurz“, sagt sie dann, legt ihre Hand auf die Augen. Was noch alles in dieser Zeit passiert ist, bleibt im Dunkeln. Sidika möchte nicht alles erzählen, und es ist auch nicht nötig, um zu begreifen, dass es ihr sehr lange nicht gutging, dass es ihr unmöglich war, so für ihre Kinder zu sorgen, wie sie es gern getan hätte.

Lange hält sie es jedenfalls nicht aus. Sie haut ab, nimmt einen Job in einer Küche an und verliebt sich in den Koch. Die beiden heiraten, bekommen vier Kinder. Dann stirbt ihr Mann, Sidika ist allein. „Ich hatte keine Zeit zu trauern“, sagt sie. „Ich wollte die Kinder nicht belasten.“ So ganz klappt das nicht. Ihre damals zweijährige Tochter habe irgendwann gesagt: „Mama, ich hab doch nichts Schlimmes gemacht.“ Denn sie sieht ihre Mutter immer traurig. Ein paar Jahre versucht es Sidika noch. Und schafft es einfach nicht.

Das Jugendamt übernimmt. Obwohl es ihr droht, die Kinder wegzunehmen, sagt sie heute: „Das war mein Rettungsanker.“ Es arbeitet eng mit der Therapeutin der „Starken Bande“ zusammen, und Schrittchen für Schrittchen geht es voran. „Anfangs war ich unpünktlich, unordentlich und habe die Sache nicht ernst genommen, obwohl ich bis zum Kopf im Chaos saß“, sagt Sidika. „Ich war sehr unglücklich, und das hat auch auf meine Kinder abgefärbt.“

Eine Zukunft für die Kinder

Sidika bespricht ihre Geschichte, traut sich erstmals, alles zu erzählen. Die Diagnose: Depression und posttraumatische Belastungsstörung. Sie bearbeitete die Traumata in vielen Sitzungen, steckte Grenzen ab, entwickelte Strategien, um im Alltag klarzukommen. Fast drei Jahre dauerte die Therapie, wenn es brenzlig wurde, kehrte Sidika auch in den vergangenen Jahren immer wieder mal zu ihrer Therapeutin zurück. Sie bekam auch Medikamente, die ihr halfen zu schlafen. Die nimmt sie noch heute. Denn wenn es still wird um Sidika, dann kommen die Fragen, die Erinnerungen und das schlechte Gewissen, wie sie sagt.

Auch die Kinder wurden therapeutisch unterstützt. Die Bilanz nach sieben Jahren lässt sich sehen: Ein Sohn ist ausgezogen und hat Arbeit, die Tochter geht zur Schule, der Kleinste, der offenbar sehr phantasievoll und begabt ist, ebenfalls. Sidika sagt, sie habe noch immer „Herzklopfen“, ob alles gutgeht. Manchmal mache ihre Tochter Witze, dass sie vielleicht, statt die Schule zu besuchen, in einem Supermarkt anfangen könnte. Sidika verzieht den Mund. „Sie müssen nicht schlau, schlau, schlau sein, aber sie sollen sich“, hier sucht Sidika kurz nach dem richtigen Wort – „retten.“ Sie weiß, wie schwer ihr Leben ohne Schulbildung war. Für die Kinder will sie etwas Besseres. Weil sie es geschafft hat, Hilfe anzunehmen, sind sie auf dem Weg dahin.

Spenden für das Projekt „F.A.Z.-Leser helfen“
Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und die Frankfurter Allgemeine/Rhein-Main-Zeitung bitten um Spenden für die Stiftung „Starke Bande“, die Familien in schwierigen Lebenssituationen durch aufsuchende, individuelle Psychotherapie unterstützt, sowie für das Projekt „Lokale niederschwellige Krisenintervention in Frankfurt“ (LoKI) der Universitätsklinik Frankfurt, das Menschen mit Suizidabsichten hilft. Spenden für das Projekt „F.A.Z.- Leser helfen“ bitte auf die Konten: - Bei der Frankfurter Volksbank IBAN: DE94.5019.0000.0000.1157.11 - Bei der Frankfurter Sparkasse IBAN: DE43.5005.0201.0000.9780.00 Spenden können steuerlich abgesetzt werden. Weitere Informationen zur Spendenaktion im Internet.

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