https://www.faz.net/-gzg-8qw78

Hilfe für Obdachlose : Eine warme Decke in eisiger Nacht

  • -Aktualisiert am

In Sichtweite der EZB: Unter der Flößerbrücke am Main hat eine Frau ihr Nachtquartier aufgeschlagen. Sie lebt schon seit mehreren Jahren auf der Straße. Der Kältebus besucht sie regelmäßig, um sie mit Decken und Isomatten auszustatten. Bild: Maximilian von Lachner

Der Kältebus hilft Obdachlosen, die Wintermonate zu überleben. Aber nicht immer wollen sie sich helfen lassen. Für die Sozialarbeiter eine Herausforderung.

          Wer aus dem Kältebus in die Nacht blickt, sieht Frankfurt mit anderen Augen. Banken, Bars und Clubs verschwinden im Nirgendwo. Stattdessen suchen Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß im schwachen Schein der Straßenlaternen die Nachtlager der Obdachlosen auf. „Wenn man im Freien schlafen muss, ist Nässe am schlimmsten“, sagt Heuser. Ein gefrorener Boden sei wenigstens trocken. Am Abend hatte er Isomatten in den Kofferraum gepackt, die sie nun zu den Obdachlosen bringen. Seine Kollegin Ilgmann-Weiß hat Tee gekocht. Zusammen koordinieren sie für den Frankfurter Verein für soziale Heimstätten den Kältebus und die Übernachtungsmöglichkeiten für Obdachlose in der B-Ebene der Hauptwache. An diesem Abend haben sie sich selbst dick eingepackt. Sie tragen warme Parkas und Wollmützen.

          Von November bis März ist der Kältebus im Einsatz, jede Nacht von 21 Uhr bis 5 Uhr früh. Die Sozialarbeiter sind immer zu zweit unterwegs, der Kofferraum ist gefüllt mit Schlafsäcken, Matten und Decken. Es gibt eine vorgesehene Route, von der sie aber abweichen, sollten im Laufe des Tages Aufträge eingegangen sein. Manchmal rufen Bürger an, wenn sie in der Stadt eine Person entdeckt haben, die im Freien übernachtet und zu erfrieren droht. „Aufträge gehen vor“, sagt Ilgmann-Weiß. Wenn sie zu den Betroffenen kommen, bieten sie ihnen erst etwas zu essen und zu trinken an: „Mit Tee und Süßigkeiten brechen wir das Eis“, sagt Heuser, „dann fragen wir, ob er Hilfe braucht, etwa mit in die Übernachtungsstätte kommen möchte.“

          Die Übernachtungsstätte ist fast immer voll

          An diesem Abend fahren sie nach Sachsenhausen. An der Ecke Schweizer Straße und Gartenstraße versucht ein Obdachloser, sich in einem Hauseingang vor dem kalten Wind zu schützen. Direkt vor ihm haben Anwohner Kuchen und Schokolade auf den Boden gelegt. Weitere Passanten kommen vorbei, stecken ihm Geld zu oder bringen Pizza mit. Auf die Frage, ob er Hilfe brauche, reagiert er unwirsch. In die Übernachtungsstätte möchte er nicht. Er will bleiben und in Ruhe schlafen. Eine Decke und ein paar Haselnussschnitten nimmt er dennoch an. Die Gründe, warum jemand nicht mitkommen möchte, seien ganz unterschiedlich, sagt Ilgmann-Weiß. Manche scheuten sich, unter so vielen Menschen zu sein, andere fühlten sich unter Beobachtung. Es gebe allerdings auch verwirrte Obdachlose, die keine rationalen Gründe hätten. In besonders kalten Nächten sei dann die B-Ebene der Hauptwache für viele die geeignete Alternative, da sie dort kommen und gehen könnten, wie sie möchten.

          Trotz allem sind die 160 Plätze in der Übernachtungsstätte im Ostpark fast immer voll. Bis zum Sommer soll das neue Gebäude fertiggestellt werden, derzeit dienen zwei große Pavillonanlagen als Übergang. Hier können die Obdachlosen jederzeit in den Einzel- und Vierbettzimmern übernachten, die Bäder benutzen und kochen. Im Sommer kann zudem gegrillt oder Boule gespielt werden. Im Winter veranstaltet der Frankfurter Verein eine Weihnachtsfeier. Etwa 30 Sozialarbeiter sind in der Einrichtung beschäftigt. Nach einer Untersuchung im Hospital zum heiligen Geist und einer Zusage vom Sozialamt, die Kosten zu übernehmen, können Obdachlose für längere Zeit bleiben. Gelegentlich müssen die Mitarbeiter auch Streit unter den Bewohnern schlichten. In schweren Fällen wird für eine gewisse Zeit Hausverbot erteilt. Die Gründe für Konflikte liegen auch in der unterschiedlichen Zusammensetzung der Bewohner: Manche sind verhaltensauffällig oder alkoholabhängig, oder es ist ihnen zu eng. Hinzu kommen die verschiedenen Nationalitäten. Trotzdem soll es nur wenige Hausregeln geben, damit weiterhin viele Obdachlose das Übernachtungsangebot wahrnehmen. Alkohol in den öffentlichen Bereichen zu trinken ist verboten.

          Nicht immer wird die Hilfe auch angenommen

          Als Nächstes fahren Heuser und Ilgmann-Weiß an den Main. Um sich vor Regen und Schnee zu schützen, liegen die Obdachlosen unter den Brücken. Eine Frau hat ihr Quartier unter der Flößerbrücke errichtet. Ilgmann-Weiß und Heuser kennen sie schon lange. Mitkommen möchte sie nie, hin und wieder nimmt sie aber einen Schlafsack an. Die beiden Sozialarbeiter nähern sich ihr vorsichtig: „Guten Abend, jemand zu Hause?“ Sie schläft bereits und reagiert nicht. Aber für eine kalte Nacht scheint sie ohnehin gut gerüstet zu sein. Oft besteht die Arbeit der Sozialarbeiter hauptsächlich darin, das Überleben der Obdachlosen zu sichern. Die Hilfe geht in Einzelfällen darüber hinaus, wenn Personen an das Wohnungs- oder Sozialamt vermittelt werden, damit ihnen bei der Arbeits- oder Wohnungssuche geholfen wird.

          Natürlich sei es unbefriedigend, wenn die Hilfe nicht angenommen werde oder scheitere, sagt Ilgmann-Weiß, und Heuser fügt hinzu, man müsse lernen, Misserfolge als Herausforderungen anzunehmen: „Wir möchten uns verbessern, führen daher regelmäßig Supervisionen durch, besuchen Fortbildungen und wenden neue Methoden an.“ Zum Beispiel haben die beiden einem Obdachlosen einen Brief geschrieben und hinterlegt, um zu ihm langsam Vertrauen aufzubauen. „Geduld ist ganz, ganz wichtig, man darf sich nicht frustrieren lassen“, sagt Ilgmann-Weiß. Auch wenn die Hilfe nicht gelinge, müsse man sicher sein, immer sein Bestes gegeben zu haben. Nur so könne man auch das Elend verarbeiten, das vor allem dann Schwierigkeiten bereite, wenn man noch am Anfang stehe. Die wichtigsten Eigenschaften in diesem Beruf sind laut Heuser Empathie, Verständnis und Professionalität.

          Die Arbeit geht den Sozialarbeitern nicht aus

          Mitunter werden sie auch von einem Psychiater unterstützt im Umgang mit verhaltensauffälligen Obdachlosen. Auch zur Polizei und zu den Notdiensten halten sie engen Kontakt. Generell habe die Stadt gute Hilfsangebote für Obdachlose, meinen die beiden Koordinatoren des Kältebusses. Der Frankfurter Verein zählt auch zu diesen Angeboten, da er vom Sozialamt finanziert wird. Kurz vor 22 Uhr hält der Kältebus an der Hauptwache. In der B-Ebene sind Kollegen von Heuser und Ilgmann-Weiß schon dabei, die Schlafplätze vorzubereiten. An der Katharinenkirche wartet eine junge Frau mit ihrem Hund. Auf der Weihnachtsfeier ihres Freundes hat sie etwas Geld für den Kältebus gesammelt und möchte es gerne persönlich übergeben. Ilgmann-Weiß freut sich und sagt lachend: „Das habe ich auch noch nie erlebt, echt lieb von ihr.“

          In der B-Ebene verteilen einige Männer Essen, Schuhe und Kleidung an die Obdachlosen. Heuser sagt, die Hilfsbereitschaft sei zwar schön, aber hier unten störe sie manchmal die Arbeit seiner Kollegen. Besser sei es, Sachspenden an die Übernachtungsstätte zu schicken. Die Arbeit geht den Sozialarbeitern nicht aus. Vor allem nicht an kalten Tagen wie diesen. „Im Winter haben wir bis zu 15 Überstunden in der Woche“, sagt Ilgmann-Weiß. Auch diese Nacht ist noch nicht zu Ende, selbst wenn es ausnahmsweise nur wenige Aufträge gibt. Zwischen den Bürotürmen verschwindet der Kältebus in die Nacht. Das nächste Ziel ist der Campus Bockenheim.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.