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Grandhotel Hessischer Hof : Ein Stück Heimat und ein Ort für wichtige Abschlüsse

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Pianowoman:Stefanie Hoevel sang und spielte oft in Jimmy’s Bar. Bild: privat

Das Grandhotel Hessischer Hof gegenüber der Messe Frankfurt war für seine Gäste weit mehr als eine gediegene Schlafstätte. Einige hoffen deshalb auf eine Wiedereröffnung - vor allem der legendäre Barmann Andrés Amador.

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          Mit dem Hessischen Hof werde eines der letzten Häuser seiner Art verschwinden, sagt Prinz Asfa-Wossen Asserate. Solche Hotels seien für viele ihrer Gäste „ein Haus außerhalb des eigenen Hauses“ gewesen – ein Stück Heimat mit familiärer Atmosphäre, ein Ort, wo man jeden Mitarbeiter kennt. „Es schmerzt, dass das Zeitalter der Grandhotels zu einem Ende kommt“, sagt der 71 Jahre alte Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers, der viele Lesungen dort gehalten hat und im Jahr 2007 auch seine Memoiren vorstellte. Unter den vielen Begegnungen bei Veranstaltungen vor allem im Rahmen der Buchmesse, sei ihm eine in „Jimmy’s Bar“ ganz besonders in Erinnerung: Er habe dort den Schriftsteller Auberon Waugh kennengelernt, den Sohn des Autors Evelyn Waugh der in den Dreißigern viel aus und über das damalige Abessinien geschrieben hat. Er habe ihm gesagt, „Ihr Herr Vater war zwar nicht gerade nett zu uns, aber ich halte ihn für einen der größten englischsprachigen Romanciers des 20. Jahrhunderts“. Darauf hätten sie mit einem Whisky angestoßen, und das sei der Beginn einer langen Freundschaft gewesen.

          Aus Sicht der Buchmessen-Teilnehmer wäre es eine „unermessliche Tragödie“, könnte der Hessische Hof nicht irgendwann wiedereröffnen, sagt der Verleger Joachim Unseld. Er stellt sich nur ungern vor, wie sich die ohnehin pandemiegeplagte Bücherschau anfühlen würde, „wenn diese Institution verschwindet“. Nachmittags aus den Messehallen kurz hinüber ins Hotel auf einen Kaffee mit Autoren, Agenten oder anderen Verlegern, abends in „Jimmy’s Bar“ – so solle sich eine Buchmesse anfühlen. Vor zwei Jahren hat der Leiter der Frankfurter Verlagsanstalt während der Bücherschau alle internationalen Verleger seines Stars Nino Haratischwili im Hotel bewirtet. Ein kleiner Salon, ein kurzes Essen, „eine wunderbare Veranstaltung“. Auch der kurzen Wege wegen. Es sei ein Einschnitt, wenn das nicht mehr möglich wäre. „Aber wir haben ja noch Hoffnung.“

          „Aber wir haben ja noch Hoffnung“

          Dieser Hoffung schließt sich auch Wolfgang Marzin, Vorsitzender der Geschäftsführung der Messegesellschaft, an: „Wir würden uns alle sehr freuen, wenn es die Chance einer Wiedereröffnung gäbe“, sagt er auf Anfrage. Der Hessische Hof sei seit vielen Jahrzehnten nicht nur eine Institution in Frankfurt, sondern weit über die Grenzen international bekannt und beliebt. „Für mich war es immer ein Ort, wo ich mich in angenehmster Atmosphäre mit Kunden und Partnern über die Weiterentwicklung unserer Veranstaltungen austauschen konnte.“

          Einer, der schon vor vier Jahren Abschied von „Jimmy’s Bar“ genommen hat, ist ihr langjähriger Barmann Andrés Amador. Jahrzehnte war er der Gastgeber in der Bar, hat dem im Tennisdress hereinschneienden Boris Becker die gültige Kleiderordnung nahegebracht, Udo Lindenberg als einzigem den Hut erlaubt und jedem Gast den passenden Drink gereicht. Die Nachricht von der geplanten Hotelschließung hat ihn in Spanien erreicht, wo er seinen Ruhestand verbringt. Traurig sei das, sagt Amador, wirklich verwundert wirkt er nicht. Schon zu seiner Zeit hätten die Bilanzen eine immer wichtigere Rolle für den Hotelbetrieb gespielt. Dass dessen angekündigte Schließung auch das Ende der legendären Bar sein könnte, scheint der Sechsundsechzigjährige nicht ganz zu glauben, denn er bietet an, bei einer eventuellen Wiedereröffnung durch andere Betreiber für ein paar Wochen zurückzukehren – „um den Stil, die Philosophie zu erklären“. Gute, treue Stammgäste seien immer das große Kapital der Bar gewesen. „Leute, die wussten, hier zahlst du ein bisschen mehr und kriegst dafür viel mehr als irgendwo sonst.“

          Gute Barmusik beispielsweise. Denn in „Jimmy’s Bar“ spielten immer Könner. Eine der wenigen Frauen in dieser Gilde war die Frankfurter Sängerin, Pianistin und Stimmbildnerin Stefanie Hoevel, die seit 1990 immer wieder Engagements im Hessischen Hof hatte. „Man spielte dann einen ganzen Monat lang, immer von 22 Uhr bis 3 Uhr morgens“, erinnert sie sich. „Ab 1 Uhr kam die Halbwelt und ab 2 Uhr wurde gefeiert. Die Leute sangen dann auch gerne mit, weshalb ich viele Soul-Hits, etwa von Bill Withers, im Repertoire hatte. Jazz-Standards gehörten natürlich auch dazu, doch zu viel Jazz fand Barmann Andrés nicht so gut. Die Leute sollten feiern und Spaß haben.“ Mag die Promi-Dichte in den Bars anderer Frankfurter Grandhotels, in denen Hoevel ebenfalls spielte, manchmal auch höher gewesen sein, so war aber zumindest das Frankfurter Who’s Who selbst gern zu Gast im „Jimmy’s“ – und sei es nur, um mal so richtig auszudampfen. „Wie dort geraucht wurde, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.“

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