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Hessische Bauordnung : Bahn frei für Barrierefreiheit

Unterirdisch: Die Mensa der IGS Nordend können Schüler im Rollstuhl nur mit dem Hub-Lift (rechts im Bild) erreichen. Eine Fahrt dauert immerhin drei Minuten – zu lang für die vier Rollstuhlfahrer an der Schule, um in der Zehn-Minuten-Pause eine Erfrischung zu kaufen. Bild: Jörg Hempel

Barrierefreies Bauen ist teuer und kompliziert, Vorschriften widersprechen sich. Eine Gesetzesnovelle der Hessischen Bauordnung soll das ändern.

          Drei Minuten dauert die Fahrt zur Cafeteria mit dem Hub-Lift an der Integrierten Gesamtschule Nordend. Das ist eine lange Zeit, wenn die Schüler nur zehn Minuten Pause haben, den gleichen Weg wieder zurücklegen und den Hub-Lift mit drei Klassenkameraden teilen müssen. „Dann müssen die Kinder im Rollstuhl eben früher aus dem Unterricht“, sollen die Planer der Anlage vorgeschlagen haben, als das Problem auftauchte. Inklusion sieht anders aus.

          Solche Geschichten sind Alltag für Friederike Schlegel. Sie ist Sachverständige für barrierefreies Bauen im Sozialdezernat Frankfurt und Behindertenbeauftragte. Schlegel berät Bauherren zu Nahverkehrs-Projekten und Gebäuden, damit diese später auch von Menschen im Rollstuhl, Müttern mit Kinderwagen oder Blinden benutzt werden können. So hat sie zum Beispiel das Einkaufszentrum „Skyline Plaza“ oder die Commerzbank Arena mitgestaltet.

          Öffentlich – das sind nicht nur Ämter und Schulen

          Oft ist barrierefreies Bauen jedoch keine Selbstverständlichkeit: Es gibt Probleme, wie an der IGS Nordend, wo ein Hub-Lift gebaut wurde, damit auch Schüler im Rollstuhl die in einem tieferen Innenhof gelegene Mensa erreichen können. Nicht eingeplant wurde, wie lange die Rollstuhlfahrer für die Fahrt brauchen. Und dass nicht nur eine Person den Lift benötigt. „Es wird oft nicht mitgedacht, die Normalität fehlt“, sagt Schlegel.

          Teure Aufzüge und zusätzliche Quadratmeter, Rampen auf dem Bürgersteig und optisch unschöne Anbauten – barrierefreies Bauen hat einen schlechten Ruf: Es sei teuer und aufwendig, und die Vorschriften kollidierten oft mit anderen Vorgaben, zum Beispiel mit Energierichtlinien. Dabei sollte es auch für barrierefreies Bauen schöne Lösungen geben, die langfristig halten und den Wert der Immobilien sogar steigern, meint Schlegel. Der Schlüssel liege darin, Barrierefreiheit grundsätzlich mitzudenken, sagt die Sachverständige. Viele Planer hätten aber keine Erfahrung damit und würden unpraktische Lösungen erarbeiten.

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          Ein weiterer Grund, warum Barrierefreiheit gerne einmal unter den Tisch fällt: Im vereinfachten Genehmigungsverfahren für den Wohnungsbau, das laut Schlegel oft angewendet wird, müssen Bauherren nur bestätigen, dass sie barrierefrei planen, aber ihre Pläne nicht vorlegen. „Da kommt es immer wieder zu Verstößen“, sagt die Sachverständige.

          Die Hessische Bauordnung schreibt vor, dass öffentliche Einrichtungen für Behinderte zugänglich sein müssen. Öffentlich – das sind nicht nur Ämter und Schulen, sondern auch Museen, Gaststätten und Cafés. Außerdem steigt der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und Arbeitsplätzen. Am Wortlaut der HBO liegt aus Schlegels Sicht jedoch das Problem: „Die Gebäude sollten nicht nur zugänglich sein – sondern vor allem nutzbar.“ Das ist oft nicht der Fall: Eine Wohnung, in der die Fenster nicht aus dem Sitzen zu öffnen sind, Balkone, die wegen der Wärmedämmung eine 20-Zentimeter-Stufe haben, Fluchttüren, die sich bei Stromausfall nicht mehr aus dem Rollstuhl öffnen lassen – oder eben ein langsamer Hub-Lift an einer vielgenutzten Schulcafeteria.

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