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Sicherheit in der Stadt : Wie Bambusbüsche vor Attentaten schützen

Bambusbüsche sollen die Druckwellen bei einem Bomben-Attentat abschwächen. (Symbolbild) Bild: Grimm, Lena

Wissenschaftler und Praktiker sprechen auf Einladung des hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) über Sicherheit bei Anschlägen. Welche neuen Ansätze liefert die Forschung?

          Dass Betonwürfel, wie sie sich beispielsweise in der Wiesbadener Innenstadt finden, vor Terroranschlägen schützen, liegt an der Massivität. Aber auch Pflanzen wie Bambus, Berberitz, Thuja und Eibe bieten Schutz. Das zeigen Versuche der Bundeswehrhochschule München. Zwei mannshohe Bambusbüsche stehen zehn Meter voneinander entfernt. Genau in der Mitte zwischen ihnen befinden sich knapp vier Kilo Sprengstoff. So viel passt in den Rucksack eines Attentäters. Die Explosion schüttelt die Bambusbüsche kräftig durch. Dann richten sie sich wieder auf. Und das geht vier Mal hintereinander so. Am Donnerstag stellte der an den Forschungen beteiligte Ingenieur Paul Warnstedt die Ergebnisse der Versuche im hessischen Innenministerium vor.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Minister Peter Beuth (CDU) hatte Politiker aus der Region, Polizisten, Praktiker und Wissenschaftler eingeladen, um über Sicherheit und die damit zusammenhängenden Gefühle der Bürger zu reden. Warnstedts Beitrag wirkte teilweise abstrakt und theoretisch, könnte sich aber in der Praxis eines Tages als effektiver Schutz vor Explosionen erweisen. Im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe untersuchen die Münchener Wissenschaftler, wie sich die Druckwellen wirksam abschwächen lassen, um Menschen zu schützen. Thuja und Eibe scheinen am besten geeignet zu sein.

          Sitzgelegenheit oder Barriere?

          Sie führen zu einer Druckreduktion von mehr als 40 Prozent. Betonwürfel haben ihren unbestreitbaren Nutzen, aber nach den Terroranschlägen der zurückliegenden Jahren denken Fachleute wie Warnstedt verstärkt über „innovative Ansätze für baulichen Schutz im urbanen Raum“ nach. Dabei spielen sogar ästhetische Aspekte eine Rolle. So gibt es Barrieren, die nicht gleich als solche zu erkennen sind, im Boden verankerte Parkbänke beispielsweise. Sie dienen als Sitzgelegenheiten und als Hindernis für Fahrzeuge. „Multifunktionalität“ lautet das Credo.

          „Kompass“ heißt das Programm, das inzwischen in mehr als vierzig hessischen Städten verwirklicht wird. Wie es funktioniert, wenn Kommunalpolitiker, Bevölkerung und Polizei zusammenwirken, um passgenaue Lösungen zu finden, schilderte die Maintaler Bürgermeisterin Monika Böttcher (parteilos). In der zweitgrößten Stadt des Main-Kinzig-Kreises hatten Vandalismus und Sachbeschädigungen seit dem Jahr 2016 an bestimmten Stellen erkennbar zugenommen. Inzwischen wurden die Kontrollen verstärkt, Böttcher will zudem eine Kultur des „Hin- statt Wegschauens etablieren“. „Ohne die Bürger geht es nicht“, sagte Stefan Müller, der Polizeipräsident in Westhessen. Seine Leute arbeiteten intensiv und erfolgreich mit den Kommunen zusammen. Aber es gebe noch viel zu tun.

          Subjektives Empfinden von Unsicherheit

          Die Kriminologin Britta Bannenberg, Inhaberin eines Lehrstuhl an der Universität Gießen, begleitet die Praxis in den Kompass-Kommunen im Auftrag des Innenministeriums mit repräsentativen Befragungen der Bevölkerung. Dabei beschäftigt sie sich beispielsweise mit der Diskrepanz zwischen der objektiven Lage und dem subjektiven Empfinden der Menschen. Beuth hatte vorher darauf hingewiesen, dass die Aufklärungsquote bei den Straftaten in Hessen im vergangenen Jahr mit 64,2 Prozent einen Rekordwert erreicht habe, aber viele Menschen sich trotzdem nicht sicher fühlten. „Es ist nicht so, dass diese Menschen einfach nur zu viel Fernsehen gucken“, sagte Bannenberg. Sie ließen sich durch Phänomene der Unordnung beeindrucken.

          Verfallene Häuser, verlassene Grundstücke und Müll machten ihnen ebenso Sorgen wie herumlungernde Jugendliche, Obdachlose oder der Konsum von Drogen in der Öffentlichkeit. Solche Faktoren hätten mit Kriminalität nicht direkt etwas zu tun, aber sie beeinträchtigten das Sicherheitsgefühl der Bürger.

          Beuths Freude über die hohe Aufklärungsquote in Hessen relativierte Bannenberg, indem sie darauf hinwies, dass das Dunkelfeld nicht nur in Hessen, sondern auf der ganzen Welt viel größer sei als das Hellfeld, das die Polizei überblicke. Dies liege auch daran, dass zahllose Straftaten nicht bekannt würden – etwa weil Vertrauen in die Polizei fehle. Selbst Körperverletzungen würden oft nicht zur Anzeige gebracht. Die Opfer empfänden so etwas wie Scham. Zeugen meinten, keine Zeit zu haben, um sich darum zu kümmern.

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