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Heilsarmee : Suppe, Seife, Seelenheil

Unterwegs: Marlene Weiss sammelt für die Heilsarmee Bild:

Als Offizierin der Heilsarmee zieht Marlene Weiss durch Frankfurts Kneipen. Immer dabei: Spendenbüchse, „Kriegsruf“ und der Glaube an Gott.

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          Sie bettelt nicht. Marlene Weiss ist unterwegs im Auftrag des Herrn. Das will sie klarstellen, gleich am Anfang. „Ohne Gott geht es einfach nicht im Leben“, sagt die Siebenundfünfzigjährige. Dann legt sie ihre Hände auf den dunkelblauen Stoff ihres Rocks. Die weiße Bluse ist hochgeschlossen, die roten Schulterklappen sind die einer Offizierin. Marlene Weiss hat ihr Leben einer Sache untergeordnet, die sie Berufung nennt. „Gott hat mir gezeigt, dass die Heilsarmee mein Platz ist.“ Das ist er seit mehr als dreißig Jahren.

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An diesem Abend leiert eine Drehorgel vor dem Römer, Touristen machen Erinnerungsfotos, Kellnerinnen bringen Apfelwein zu den Tischen in der Sonne. Marlene Weiss, eine kleine Frau mit kurzen grauen Haaren, geht mit schnellen Schritten über das Kopfsteinpflaster. In der rechten Hand trägt sie den „Kriegsruf“, die Zeitung der Heilsarmee, in der linken Hand eine bunte Spendenbüchse. Sie geht zum Italiener, in die Eckkneipe, ins griechische Restaurant, mehr als vier Stunden wird sie unterwegs sein, ihren Oberkörper über Tische beugen und die immer gleiche Frage stellen: „Darf ich Sie um eine kleine Spende für die Heilsarmee bitten?“ Dann wartet sie auf eine Reaktion. Darauf, dass Kleingeld rappelt, dass die Menschen fragen, was die Heilsarmee eigentlich mache, oder einfach nur eine abweisende Handbewegung machen.

          Sammeln für die Schwachen und Kranken

          „Vor jedem Gang bin ich aufgeregt, dann rast mein Herz und meine Stimme zittert“, sagt die Offizierin. Deshalb betet sie, bevor sie losgeht. Dann sitzt sie im Gemeindezentrum der Heilsarmee im Ostend, faltet die Hände, senkt den Kopf und spricht: „Lieber Herr im Himmel, danke, dass Du da bist. Du weißt, dass es manchmal schwierig ist. Schenke mir Kraft und segne die Menschen dort draußen durch mich.“ Aber es sei eben nicht nur die Missionsarbeit, die sie an drei Abenden in der Woche auf die Straße treibe. Die Heilsarmee brauche das Geld, damit die Schwachen und Kranken der Stadt weiterhin eine Anlaufstelle haben.

          Über den Gemeinderäumen befindet sich auf vier Stockwerken das Männerwohnheim der Heilsarmee. Fünf Waschbecken und zwei Duschen gibt es auf jedem Stockwerk. Derzeit leben dort 38 Männer. Hinter der Glastür in der ersten Etage schlägt einem warme Heizungsluft entgegen, es riecht nach Schweiß, Alkohol und Zigaretten. Sauer. Muffig. Abgestanden. Männer, die auf der Durchreise sind, leben dort. Und solche, die ihr Ziel längst aus den Augen verloren haben.

          Aus einem Zimmer am Ende des Gangs dringt leise Schlagermusik. Im Türrahmen steht ein Mann und schaut mit müden und glasigen Augen in den Flur, in dem keine Bilder hängen und eine Deckenleuchte flackert. „Wer nicht weiter weiß, der kommt eben hierher“, sagt der Mann. 47 Jahre alt sei er, arbeitslos seit einer Ewigkeit, ohne Freunde und Familie. Furchen durchschneiden sein blasses Gesicht, die grauen Haare sind zerzaust von der Nacht. Hinter ihm stehen leere Weinflaschen auf dem Boden, an der Wand hängt eine Deutschlandfahne. Seit sieben Jahren lebe er in diesem gelben Haus im Ostend. Auf den anderen Etagen gebe es welche, die wohnten dort seit mehr als 25 Jahren.

          Sechzehn Quadratmeter große Welt

          Sie wissen nicht viel von den anderen, und manche sind einander noch nie begegnet. „Man lebt eben so nebeneinanderher“, sagt Heinz-Reiner Michel. Der Vierundfünfzigjährige sitzt in seinem Zimmer auf einem alten Holzstuhl, das Fenster zum Hof ist offen. Auf einer schmutzigen Tischdecke steht eine Bierflasche, daneben liegen Zigarettenhülsen und Tabak. Michel hat seine blauen Badelatschen vor die Heizung gestellt, auf der seine Unterhemden trocknen. Er putzt die Flure und die Badezimmer im Wohnheim, tauscht Glühbirnen aus und repariert Kleinigkeiten. Er nennt dies „mein großes Glück“. Vor vier Jahren sei er arbeitslos geworden, habe die Miete nicht mehr zahlen können und schließlich seine Wohnung verloren. Eine schöne Zweizimmerwohnung, nur ein paar Straßen vom Männerwohnheim entfernt. Der Fernseher, das Radio, der Kühlschrank und die Mikrowelle, das ist alles, was er mitgebracht hat in seine sechzehn Quadratmeter große Welt. Er wird dort leben, bis er in Rente geht.

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