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Frankfurter Hauptbahnhof : Kierkegaard, Macarons und Milchpulver

Freiraum: Der Frankfurter Hauptbahnhof ist auch am Sonntag nach den Feiertagen weitgehend leer. Bild: Maximilian von Lachner

An den Gleisen und in den Geschäften am Frankfurter Hauptbahnhof geht es am Sonntag nach den Feiertagen ruhig zu. Nur einmal wird es hektisch.

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          „Alle bleiben zu Hause“, sagt achselzuckend der Bahnmitarbeiter am Informationsschalter. Die Absperrung davor scheint überflüssig. Die Felder zwischen den Markierungen sind leer. Niemand wartet. Wer eine Auskunft braucht, muss sich nicht anstellen, sondern kann sofort zu einem der beiden Mitarbeiter durchgehen. So wie die junge Frau, die aus Berlin kommt. Sie möchte zur Familie ihres Mannes nach Paris. Ihr Zug endet aber in Hanau. Mit dem Nahverkehrszug ist sie nach Frankfurt zum Hauptbahnhof gekommen. Mit der Auskunft, dass es bald weitergeht, setzt sie sich mit ihrem dicken Rucksack am Gleis, von dem ihr Zug abfahren soll, auf einen der vielen freien Plätze auf einer Bank. Dann zieht sie den Kopf noch ein wenig tiefer in den Kragen des Daunenmantels zurück.

          Patricia Andreae

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Angesichts der Reisebeschränkungen und Appelle ist der übliche weihnachtliche Ansturm auf Züge ausgeblieben. Angaben zu den Zahlen der Reisenden wollte eine Sprecherin am Sonntag nicht machen. Doch schon am 24. Dezember hatte das Unternehmen mitgeteilt, es rechne für den gesamten Weihnachtsreiseverkehr mit einer durchschnittlichen Auslastung der Züge von 35 bis 40 Prozent.

          Im Bahnhof herrscht kaum Betrieb. Nur die Bettler scheinen besonders emsig unterwegs. Alle paar Minuten bittet jemand um ein paar Münzen. Viele Imbisse und Geschäfte geschlossen, die kleine Markthalle ist abgesperrt. Im Mini-Markt packt eine schwankende Gestalt eine Literflasche Rosé in den Rucksack. Die Maske hängt an einem Ohr. Eine Verkäuferin geht mit einer Sprühflasche Desinfektionsmittel hinter der Person her.

          „Nein, kein Betrieb, niemand reist“

          Die B-Ebene unter dem Bahnhof ist weitgehend verwaist. Über der Kasse des Asiamarkts winken die goldenen Katzen. Glück bringen sie der Betreiberin in diesen Tagen kaum. „Nein, kein Betrieb, niemand reist“, sagt die Frau. Auch der Mann, der sich als Ahmed vorstellt und einen Laden für Elektronikartikel betreibt, schaut unglücklich. Seine Auslagen hat er abgeklebt. „Ich kann nur anbieten, was erlaubt ist, Reparaturen zum Beispiel“.

          Besser läuft das Geschäft nur im Drogeriemarkt nebenan. Dort sind zwei Kassen besetzt. Ein Mann hat seinen Korb mit Käse, Butter, Joghurt und Brot gefüllt. „Ich bin gestern erst heimgekommen und bekomme nun überraschend Besuch, da brauche ich etwas fürs Frühstück“, sagt er. Zwei junge Asiatinnen hieven Großpackungen mit Babymilch auf das Kassenband. „Ich habe drei kleine Kinder“, antwortet die eine hastig auf die Frage, wofür sie so viel Milchpulver brauche.

          Nahrung für den Geist sucht ein Ehepaar mit kleinem Hund in der Bahnhofsbuchhandlung. „Das ist eine der bestsortierten Buchhandlungen, ich habe gerade einen Band Kierkegaard gefunden“, lobt die Frau, die nur zum Stöbern im Buchladen zum Bahnhof gefahren ist. Sie packt gleich mehrere dicke Bände in die Tasche, während ihr Mann zahlt. An ihr vorbei schlüpft ein Mann mit dicker Jacke aus dem Laden. Zwei Verkäufer rennen hinterher, stellen ihn und nehmen ihm einen größere Menge Geschenkartikel ab, die der Mann in seiner Jacke verborgen hatte. Ein Moment der Hektik. Dann ist es wieder still vor der Buchhandlung.

          Hinter der Theke dampfen die Pfannen

          Im Thai-Imbiss sind alle Stühle aufeinandergestapelt. Die Tische sind abgesperrt. Doch hinter der Theke dampfen die Pfannen. Mit flinken Bewegungen schaufelt eine junge Frau Gemüse, Fleisch und Flüssigkeiten aus kleinen Behältnissen hinein, rührt, schwenkt und schichtet die Mischungen mit duftendem Reis in Pappschachteln.

          In der Konditorei stehen noch viele kleine Sachertorten mit Engelchen und goldene Schachteln mit Zimtsternen. Ein junger Mann will nichts davon haben. Er sucht aber ein paar der kunterbunten Macarons aus. Er ist auf dem Weg zu seiner Freundin nach Berlin. Mit dicker Daunenjacke und großem Reisekoffer wirkt er, als wolle er eine lange Urlaubsreise machen. „Nein, da sind die Unterlagen für meine Prüfungen drin“, sagt er lachend. Ungeduldig tritt eine ältere Dame von einem Fuß auf den anderen.

          Sie friert, doch dann fährt ihr ICE ein. Sie reist zurück nach Göttingen, nachdem sie Weihnachten bei ihrer Schwester verbracht hat. „Schön, dass Du kommen konntest“, ruft die ihr zum Abschied hinterher. Sie sei froh, dass sie rechtzeitig ein Ticket in der ersten Klasse buchen konnten, „da sitzt sie auf einem Einzelplatz“, sagt die weißhaarige Dame durch die dicke FFP2-Maske. Schließlich seien sie beide ja nicht mehr die Jüngsten. Hilfe auf der Reise benötigt die Schwester aber nicht.

          Überhaupt haben nur wenige an den Weihnachtstagen die Unterstützung der Bahnhofsmission in Anspruch genommen. „Wir hatten nur etwa drei Umstiegshilfen pro Tag“, berichtet eine Mitarbeiterin der Hilfsorganisation an Gleis1. Auf den Bänken vor der Tür haben sich einige Obdachlose in Decken gewickelt. Sie hatten mehr Hilfe nötig.

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