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Prozess zu Tod am Gleis 7 : Einblick in eine kranke Seele

Ein tragischer Vorfall: Der Gutachter hält Habte A. für nicht schuldfähig an der Tötung eines sieben Jahre alten Jungen an Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Bild: dpa

Die Einschätzung war erwartet worden: Im Prozess um den Tod eines Jungen am Frankfurter Hauptbahnhof attestiert der Psychiater dem Angeklagten „eine schizophrene Erkrankung in akuter Form“. Die Staatsanwaltschaft plädiert auf Totschlag.

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          Die Nachricht hätte nicht klarer sein können. „Ich habe keine Zweifel, dass bei Habte A. zu den Tatzeitpunkten eine schizophrene Erkrankung in akuter Form vorlag“, sagt am Donnerstagmittag der psychiatrische Sachverständige. „Er hat eine paranoide Schizophrenie. Alle Kriterien sind vollumfänglich erfüllt.“ Es ist Tag fünf im Prozess um den Tod des acht Jahre alten Leo am 29. Juli 2019, den der Beschuldigte am Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE schubste. Auch die Mutter warf er ins Gleisbett, sie konnte sich gerade noch wegrollen. Bei einer älteren Dame, die A. zum Schluss angriff, blieb es beim Sturz auf den Bahnsteig. Seit einer Woche verhandelt eine Schwurgerichtskammer am Landgericht den Fall, der weit über Deutschland hinaus Entsetzen auslöste. An diesem Freitag wollen die Richter ihr Urteil sprechen.

          Anna-Sophia Lang

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Gutachten des Psychiaters ist dafür essentiell, weil es Antworten liefern sollte auf die drängenden Fragen, die sich stellen: Unter welchen Umständen würde ein Mensch eine solche Tat begehen? Warum suchte er sich ausgerechnet ein Kind, dessen Mutter und eine Seniorin aus? Hatte er sich seine Opfer vorher schon ausgesucht, während er am Gleis stand? Wählte er die besonders „Schwachen“? Was war sein Motiv? Zweieinhalb Stunden lang versuchte der Psychiater daher am Donnerstag, all das einzuordnen.

          Jeden Winkel der Psyche erklären

          Bereits im Ermittlungsverfahren erstattete er ein vorläufiges Gutachten. Nun hat er den Beschuldigten im Prozess gesehen, hat die vielen Augenzeugen gehört und den Vater des getöteten Kindes erlebt, der als Nebenkläger jeden Tag dabei war und auch am Donnerstag noch verzweifelt versucht zu verstehen, warum Habte A. an jenem Tag sein Kind ins Gleis schubste. „Warum haben Sie meinen Sohn ermordet?“, fragt der Vater ihn am Ende des Verhandlungstages, nachdem sein Anwalt plädiert hat.

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          Der Psychiater tut sein Bestes, um ausführlich jeden möglichen Aspekt des Krankheitsbildes paranoide Schizophrenie und jeden Winkel in A.s Psyche zu erklären. Er beginnt mit der unauffälligen Kindheit des Beschuldigten in Eritrea, geht über zum erzwungenen Militärdienst während des Äthiopien-Konflikts und zu der Flucht in die Schweiz.

          Er zeichnet nach, wie A. dort zum dreifachen Familienvater wurde und als Musterbeispiel gelungener Integration galt und dann plötzlich im Jahr 2018 in psychische Schwierigkeiten rutschte. Er berichtet über die ambulante forensische Behandlung bei einem Psychiater, wie die Medikamente zu niedrig dosiert waren und A. sie eigenmächtig absetzte, weil er in seinem paranoiden Wahn ein Virus darin vermutete.

          Nicht rational

          Dann geht der Gutachter über zu den Stimmen, die A. Befehle gaben, und zu dessen Gefühl, beobachtet, verfolgt und fremdgesteuert zu werden, so dass er irgendwann versuchte, ins Ausland zu entkommen. Und schließlich kommt er zur Tat, an die sich der Beschuldigte nur schemenhaft zu erinnern vermag: Er müsse außer Kontrolle gewesen sein, habe seine Gedanken nicht kontrollieren können, sei von außen gesteuert gewesen, sei wie im Traum gewesen und habe versucht, seinen Verfolgern zu entkommen. All dies sind Anhaltspunkte, mit Hilfe derer der Psychiater lediglich Hypothesen aufstellen kann. Er versucht klarzumachen, dass das Verhalten eines so schwer Kranken nicht rational mit den Maßstäben eines seelisch gesunden Menschen zu erklären ist – und dass die Krankheit nach außen nicht am Verhalten erkennbar sein muss.

          Habte A., zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständige, ist schuldunfähig. Seine Steuerungsfähigkeit war aufgehoben, seine Einsichtsfähigkeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auch. Die Schizophrenie, so beschreibt er es, ist „eine schwere seelische Behinderung“. Obwohl A. seit der Tat in Behandlung ist, stellen die Ärzte bei ihm neben einer „apathischen Emotionslosigkeit“ immer noch eine psychotische Symptomatik fest, die sich in Momenten mit bizarrem Verhalten äußert. Die Prognose lautet daher: Bleibt er nicht in der geschlossenen Psychiatrie, sind von ihm weitere Gewalttaten zu erwarten, möglicherweise auch Tötungsdelikte. Weil er am Hauptbahnhof Fremde attackierte, ist der potentielle Opferkreis „völlig unvorhersehbar“.

          Die Staatsanwaltschaft plädiert im Anschluss an das Gutachten auf Totschlag und die Unterbringung in der Psychiatrie. Die Nebenklage geht hingegen von Mord und versuchtem Mord aus. Sie ist demnach der Überzeugung, dass A. bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit von Kind, Mutter und älterer Dame ausnutzte.

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