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Güterbahnhofgelände : Umzug ins Eidechsenland

Ab in die Falle: Wenn es nicht anders geht, werden die Echsen mit der Hand gefangen. Bild: Linda Dreisen

Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände leben Tausende von Mauereidechsen. Jetzt müssen sie Neubauten weichen. Eine neue Heimat auf 7,4 Hektar ist schon gefunden.

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          Kim Brandt hat mit seiner großen Schaufel schon viel bewegt. Aber das hier, „das ist schon mal was anderes“, sagt er. „Das macht man nicht alle Tage.“ Der Baggerfahrer, der am Rand des Europaviertels Schotter und Erde sachte aufnimmt und beides noch behutsamer wieder an anderer Stelle herabrieseln lässt, hilft gerade dabei, Eidechsen aufzuspüren. Zehn bis 15 Zentimeter lange Reptilien, die, nachdem Brandt sie mit seiner Baggerschaufel aufgeschreckt hat, von zwei Biologen mit der Hand oder einer Art Angel gefangen werden.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Biologen Rudolf Twelbeck, Inhaber des Büros für Landschaftsökologie und Zoologie in Mainz, und für seinen Mitarbeiter Alexander Roos ist es hingegen Alltagsarbeit, besonders schützenswerte Arten zu ermitteln und sie davor zu bewahren, unter die Räder respektive unter den Bagger zu kommen.

          Jenseits der Emser Brücke ein Zuhause

          Im Europaviertel, das auf dem Gelände des früheren Hauptgüterbahnhofs entsteht, ist es die Mauereidechse, die umgesiedelt werden muss, samt dem seltenen Silbergras und der Blauflügeligen Ödlandschrecke. Sie alle hatten sich im Schotterbett der Gleise angesiedelt und sich in dieser Kargheit wohl gefühlt. Das Senckenberg-Institut hat 1997 ermittelt, dass auf diesem Gelände 40 Prozent aller Pflanzenarten gediehen, die es in Frankfurt gibt. Viele Arten sind vermutlich mit den Güterwaggons ins Rhein-Main-Gebiet gelangt. Nicht jedoch die Mauereidechsen. Sie sind zwar hauptsächlich im Mittelmeerraum zu Hause, doch Twelbeck zufolge handelt es sich bei denen im Europaviertel um einheimische Exemplare.

          Als der ehemalige Bahnhof zu der nach Angaben der Stadt „größten innerstädtischen Konversionsfläche Europas“ wurde, auf der in einigen Jahren rund 10.000 Menschen wohnen und rund 30.000 arbeiten sollen, war schnell klar, dass die schützenswerten Arten ein neues Refugium brauchen. Das gilt insbesondere für die Mauereidechsen, die sich im westlichen Teil des Europaviertels, jenseits der Emser Brücke, in der Nähe der Zentrale der Deutschen Bahn AG, heimisch fühlten. Ihre Art gilt europaweit als besonders schützenswert, in Hessen sind die Tiere stark gefährdet.

          Vom Osten in den Westen vertrieben

          Von 2001 an bis heute haben Twelbeck und seine Mitarbeiter für rund 10.000 Tiere ein neues Zuhause geschaffen. „Das ist der größte Umzug, den es je für Mauereidechsen gab.“ Ziel sei es, so wenig Tiere wie möglich per Hand umzusiedeln, „Vertreibung ist die erste Wahl“. Was so hart klingt, dient letztlich dem Wohl der Reptilien: Tiere, die umgesiedelt würden, verhielten sich verunsichert, versteckten sich nicht, weil sie sich nicht auskennten und seien leichte Beute für ihre Feinde, die Raubvögel, erklärt der Biologe. Eine Eidechse habe in der Regel ein 20 Quadratmeter großes Revier, in dem sie sich bewege; zwei bis drei Quadratmeter groß sei ihr angestammtes Territorium, in dem sie sich gut auskenne.

          Um die Mauereidechsen vor den Baukolonnen zu schützen, haben Twelbeck und seine Leute die Tiere in den vergangenen elf Jahren von Osten her Schritt für Schritt in Richtung Westen vertrieben. Rund 3500 Mauereidechsen, gut ein Drittel der heutigen Population, mussten jedoch eingefangen werden, um sie vor dem sicheren Tod zu bewahren.

          Deutsche Bahn AG schaffte Ausgleichsfläche

          Das Fangen mit der Hand blieb die Ausnahme. Meist haben Twelbeck und seine Leute die Tiere mit einem eigens von ihm konstruierten Utensil geangelt. Dabei wird eine schmale Nylonschlinge um den Kopf des Reptils gelegt, die sich automatisch strammzieht, wenn das Tier in der Schlinge ist; es wird dabei nicht verletzt. Auf diese Weise werde eine Fangquote von mehr als 70 Prozent erreicht, berichtet Twelbeck. Mit der Hand erwische man in der gleichen Zeit höchstens zehn bis 15 Prozent der Tiere, selbst wenn man geübt sei.

          Umgesetzt hat der Fachmann die Tiere in ein eigens geschaffenes „Mauereidechsenland“, wie es Adrian Jukic nennt, Projektleiter bei der Grundstückseigentümerin des Europaviertels, der Aurelis Real Estate. Am westlichen Zipfel des Europaviertels, dort, wo sich einst die Zulaufstrecken für den Rangierbahnhof befanden, hat die Deutsche Bahn AG die Ausgleichsfläche für die geschützten Arten geschaffen. Sie ist stattliche 7,4 Hektar groß. Zum Vergleich: Das gesamte Europaviertel West umfasst rund 67 Hektar, der in Bau befindliche Europagarten, zentraler Park des neuen Stadtteils, hat sechs Hektar.

          Noch immer leben die Echsen an einzelnen Stellen im Europaviertel

          Twelbeck bezeichnet es als „ein Glück“ für die schützenswerten Arten, dass sie so viel Platz hätten. „Wir haben dort alles arrangiert“, sagt er: Flächen nur mit Bahnschotter, andere mit Gleisen und Schwellen, wieder andere nur mit Schwellen. Dann wieder Flächen mit besonderen Erdmischungen, Schotter in unterschiedlichster Körnung – alles, um auszuprobieren, wo und wie sich die Mauereidechsen am wohlsten fühlen. Anfangs hätten sich die Tiere am neuen Standort nicht vermehrt. Erst sauberer Flusssand habe zum Erfolg geführt. „Wir haben nach dem Prinzip ,Versuch und Irrtum‘ gearbeitet“; niemand in Europa habe über Erfahrungen verfügt, in welchem Mikrokosmos sich die Tiere heimisch fühlten. Heute steht Twelbeck mit vielen Fachleuten in Kontakt – und für die Mauereidechsen ist längst ein idealer Lebensraum gefunden worden.

          Noch immer leben die Echsen an einzelnen Stellen im Europaviertel. An einer in Höhe der Zentrale der Deutschen Bahn arbeitet Twelbeck derzeit. „Aber mit dem Gröbsten sind wir durch.“

          Von einer Aussichtsplattform den Eidechsen zuschauen

          Über die Kosten für diesen Großumzug ist wenig zu erfahren. Twelbeck zufolge handelt es sich nicht einmal um einen Millionenbetrag. Angesichts dessen, was im Europaviertel ansonsten investiert werde, sei es in jedem Fall eine zu vernachlässigende Größenordnung.

          Grundstückseigentümer und Deutsche Bahn AG haben sich für das „Mauereidechsenland“ etwas Besonderes ausgedacht: Ist der Stadtteil in einigen Jahren fertig angelegt, wird es einen eigenen Zugang zur Ausgleichsfläche geben, inklusive Aussichtsplattform, die schon installiert ist. Von dort kann man direkt auf die erhaltene und in Teilen wieder neu angelegte Schotterwelt der früheren Bahngleise schauen und versuchen, die Mauereidechsen zu entdecken. Nur das Fangen, ob mit Hand oder Angel, wird nicht mehr erlaubt sein.

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