https://www.faz.net/-gzg-ouvk

Grünen-Wahlkampf : Netter Abend mit Joschka, Dany und Jane

  • Aktualisiert am

Der Preis des Erfolges heißt Kontrolle. Hinter dem Bürgerhaus Bornheim steht eine halbe Hundertschaft Polizisten in Bereitschaft, am Eingang tasten Wachleute jeden einzelnen Besucher ab und filzen die Taschen.

          Der Preis des Erfolges heißt Kontrolle. Hinter dem Bürgerhaus Bornheim steht eine halbe Hundertschaft Polizisten in Bereitschaft, am Eingang tasten Wachleute jeden einzelnen Besucher ab und filzen die Taschen. Das hat sich Daniel Cohn-Bendit damals, zu Sponti-Zeiten, als er noch Pflasterstrand-Herausgeber war, wohl nicht vorstellen können, daß die geballte Staatsmacht einmal ihn und seine Freunde beschützen muß.

          Aber "Dany", wie er hier von allen genannt wird, ist ja kein Revoluzzer mehr, sondern ein nicht ganz unwichtiger Politiker, zusammen mit Rebecca Harms Spitzenkandidat der Grünen bei der Europawahl, außerdem einer der beiden Präsidenten der vereinigten europäischen Grünen, der "European Free Alliance" im Europaparlament. Und sein alter Freund und Mitkämpfer hat es noch weiter gebracht, Joseph Fischer, "Joschka", verkehrt als Bundesaußenminister mit den Mächtigen dieser Welt. Und wegen dieses Joschka Fischer herrscht unter den amtlichen Ordnungshütern Alarmstufe eins: Jeder muß kontrolliert werden.

          Dennoch, trotz dieser unumgänglichen Unannehmlichkeiten, ist "Europa live", die Auftaktveranstaltung des "Kulturmarathons für Europa", ein schönes Fest geworden, eine gelungene Verbindung von Kultur, Politik und Wohngemeinschaftsnostalgie. Seinen Hund Dagobert habe Joschka damals auf ihn gehetzt, als er diesen für die Grünen habe werben wollen, erinnert sich einer der alten Kämpen, Milan Horacek, nach dem Prager Frühling nach Deutschland geflüchtet, in den vergangenen Jahren im Beraterteam des Präsidenten Vaclav Havel, jetzt auf Platz zwölf der Europaliste der Grünen. Zwölf Prozent müßten sie bei der Wahl erkämpfen, damit sein Freund Milan ins Straßburger Parlament einziehe, stachelt Cohn-Bendit die zu einem Gutteil schon etwas ergrauten Frankfurter Mitstreiter im Saal an.

          Aber es gibt auch junge, Anna Lührmann, die jüngste Bundestagsabgeordnete der Republik, die auch zum Freundeskreis des Daniel Cohn-Bendit zählt. Der ist so groß und so interessant, daß Normalsterbliche vor Neid erblassen müssen. Wer hat schon eine Jane Birkin unter seinen Bekannten, diese französische Ikone, die mit ihren Liedern so lange das Beziehungsleben von "Dany" und Freunden begleitet hat. Er hat sie einfach gefragt, ob sie nicht nach Frankfurt zu seinem Wahlkampffest kommen wolle, und jetzt steht sie tatsächlich mit ihrer Band auf der Bühne des Bürgerhauses und verzaubert mit ihrer wunderbaren Stimme den Saal. So schön kann Politik sein.

          Selbstverständlich werden auch Reden gehalten, es geht schließlich um Wahlkampf, um Aufmunterung der Partei, um Motivation der Helfer. Rebecca Harms, formal die Spitzenkandidatin, weil bei den Grünen immer noch der Feminismus seine Urheimat hat, darf vom neuen, großen, mächtigen Europa schwärmen, das allerdings jetzt dringend einer Verfassung bedarf. Und Christophe Girard, der grüne Kulturdezernent von Paris, natürlich auch ein guter Freund von Cohn-Bendit, kann metropolitischen Glanz in der Möchtegern-Metropole Frankfurt verbreiten. Und damit jeder sieht, daß die Grünen die wahre multikulturelle Partei sind, philosophiert der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk über die europäischen Werte, die künftig auch die Werte der Türkei sein sollen.

          Aber weil Cohn-Bendit auf seinem Fest keine Missionierungskampagne betreiben, sondern Politik mit Vergnügen verbinden will, müssen sich alle Redner kurz fassen. Nur der Bundesaußenminister nicht, der darf das tun, was er am besten kann, in beschwörenden Sätzen Visionen von einem vereinten und demokratischen Europa entwickeln und mit gefurchter Stirn vor dem internationalen Terrorismus, der Einschränkung der Bürgerrechte und der Gefahr eines Wiederauflebens der Nationalismen in Europa warnen. Ohne Zweifel: "Daniel Cohn-Bendit&Friends", wie "Dany" sein Festkomitee im Programm nennt, sind große Staatspolitiker geworden. HANS RIEBSAMEN

          Weitere Themen

          Zaudernde Macht

          FAZ Plus Artikel: Deutschlands Außenpolitik : Zaudernde Macht

          Seit Jahren heißt es, Deutschland müsse seine Interessen selbst verteidigen. Aber die Diskussion über einen Einsatz im Persischen Golf zeigt wieder einmal: In Berlin ist man sich weder über die Ziele noch über die Mittel einig.

          Topmeldungen

          Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview.

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.