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Grüneburgpark : Stele verschweigt die wahre Geschichte

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"Im Grüneburgpark" antwortet die attraktive ältere Dame manchmal, wenn sie gefragt wird, wo in Frankfurt sie eigentlich geboren und aufgewachsen sei und amüsiert sich dann über den erstaunten Gesichtsausdruck ...

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          "Im Grüneburgpark" antwortet die attraktive ältere Dame manchmal, wenn sie gefragt wird, wo in Frankfurt sie eigentlich geboren und aufgewachsen sei und amüsiert sich dann über den erstaunten Gesichtsausdruck oder die verblüffte Reaktion ihres Gegenübers: "Wie kann das sein: In einem Park?" Die wechselhafte Geschichte des Grüneburparks und der Menschen, die dort seit Generationen lebten - so hat sie mehrfach festgestellt - scheint selbst in Frankfurt so gut wie vergessen zu sein. Für Nadine von Mauthner, geborene von Goldschmidt-Rothschild, ist diese Geschichte jedoch auf das engste mit dem Schicksal ihrer Familie verbunden.

          Deshalb scheint ihr - wie manchen anderen auch - die Inschrift auf der Gedenkstele von Hans Steinbrenner, die im Jahr 1968 im Grüneburgpark aufgestellt wurde, dann doch zu karg und wenig informativ zu sein: "Hier im Grüneburgpark stand das ,Neue Palais' 1845 für Meyer Amschel Rothschild erbaut +++ 1944 im Luftkrieg zerstört +++ Bis 1837 Bethmannsches Hofgut Grüneburg +++ Anlage des Englischen Parks 1879-1901 +++ Durch Heinrich und Philipp Siesmayer +++ Stadtpark seit 1938."

          Verschwiegen wird, daß es die Rothschilds waren, die im ausgehenden 19. Jahrhundert mit ihrem hochentwickelten Sinn für gartenarchitektonische Ästhetik die Außenanlagen des Hofguts Grüneburg von den Siesmayers in einen herrlichen Landschaftspark verwandeln ließen. Und wenn es heißt "Stadtpark seit 1938", dann bleibt unerwähnt, mit welch schnöden Mitteln Albert von Goldschmidt-Rothschild, Eigentümer des Grüneburgpark und der Vater von Nadine von Mauthner, damals von den Nationalsozialisten gezwungen wurde, den Familienbesitz aufzugeben.

          Daß die Inschrift verbesserungs- oder ergänzungsbedürftig sei, haben mittlerweile auch Kommunalpolitiker erkannt. Zum Glück verfügt die Stadt Frankfurt über einen Denkmalbeirat, der sich nun seit einigen Wochen hoffentlich kluge Gedanken darüber macht, wie man auch diese traurige historische Wahrheit, die mit dem Grüneburgpark verbunden ist, möglichst prägnant formuliert.

          Im Jahr 1789 hatte Peter Heinrich von Bethmann-Metzler von einem Herrn von Riese das Gut am "Affenstein" erworben. Er änderte diesen wenig hübschen Namen schleunigst in "Grüneburg" und führte hier bald ein großes Haus. Auch Johann Wolfgang Goethe kam vorbei. 1837 erwarb schließlich der Frankfurter Bankier Anselm Meyer von Rothschild den Besitz samt einer Wiese, die Frau Aja Goethe gehört hatte. 1845 ließ er das Neue Palais, auch Grüneburgschlößchen genannt, im eleganten Stil von Louis VI bauen. Viele Jahrzehnte später kam dort Nadine von Goldschmidt-Rothschild zur Welt, kurz nach ihrer Zwillingsschwester namens Mathilde. Als das "mit zehn Minuten Abstand jüngste", wie sie sagt, der vier Kinder von Albert Freiherr von Goldschmidt-Rothschild und dessen Frau Marie-Helene, die aus der Basler Familie Schuster-Burckhardt stammte.

          Nadine von Mauthners Vater hatte den stattlichen Besitz im Frankfurter Westend 1925 von seiner Großmutter Mathilde von Rothschild geerbt, der berühmten "Frau Baronin" und großen Frankfurter Mäzenin, die wahrhaft segensreiche Spuren in ihrer Heimatstadt hinterlassen hat. So stiftete sie eine Million Mark zur Gründung der Frankfurter Universität, unterstützte großzügig das Kunstgewerbemuseum und begründete eine ganze Fülle von hervorragend arbeitenden sozialen Stiftungen, aus denen beispielsweise ein Hospital zum Andenken an ihre früh verstorbene Tochter Georgine Sara, ein bis 1941 bestehendes Altersheim, Fonds zur Linderung von Not oder zwei Frauenheime hervorgingen.

          Mathilde Rothschild, verheiratet mit ihrem Vetter Wilhelm Carl, besaß zudem eine bedeutende Kunstsammlung, war eine hochgebildete Frau und glänzende Gastgeberin, bei der sich besonders gern Künstler und Musiker einfanden - auch Chopin soll im Grüneburgschlößchen oder im Rothschildschen Sommersitz in Königstein gewesen sein. Mathilde trat selbst als talentierte Komponistin hervor und veröffentlichte 1888 einen Zyklus romantischer Lieder, die noch heute gerne gesungen werden.

          Von den drei Töchtern des Ehepaars - ein Sohn stellte sich nicht ein - heiratete Minna Karoline, genannt Minka, 1878 den Frankfurter Bankier und österreichisch-ungarischen Generalkonsul Maximilian Benedikt Goldschmidt. Der Großvater von Nadine von Mauthner nahm 1900 nach dem Tod seines Schwiegervaters, des letzten Frankfurter Rothschild, diesen Namen zusätzlich an. 1903 wurde er geadelt, 1907 baronisiert.

          Eine Kindheit im Grüneburgpark: "Wir waren ziemlich isoliert und haben Frankfurt kaum kennengelernt", erinnert sich Nadine von Mauthner, und das Leben mit den Gouvernanten scheint auch nicht sehr angenehm gewesen zu sein. Ihre ältere Schwester sei in die Anna-Schmidt-Schule gegangen; ihre Schule habe ein Fräulein namens Kossman geleitet. Lebhafte Erinnerungen hat sie noch daran, wie der Vater sie und die Geschwister entlohnte, wenn sie ihm Gänseblümchen brachte, die auf seinen makellosen Rasenflächen, wie er fand, nichts zu suchen hatten.

          Seit Mitte der dreißiger Jahre verbrachte die Familie den Sommer in Königstein, den Winter in Rom. Dort besuchten sie die deutsche Schule, wo eines Tages die Nazigröße Julius Streicher überraschend Visite machte - und sich prompt mit den beiden besonders hübschen und so "arisch aussehenden" Zwillingsmädchen Nadine und Mathilde fotografieren ließ - zum hellen Entsetzen der Mutter. Erst im September 1938 ging die Mutter mit den vier Kindern in die Schweiz. Der Anfang war bitter, die Kinder gingen zunächst in Lausanne, später dann in Genf zur Schule. In den frühen fünfziger Jahren kam Nadine von Goldschmidt-Rothschild zum ersten Mal wieder nach Frankfurt, wo sie sich eigentlich nur ganz kurz aufhalten wollte. Zu viel hatte sich für sie in ihrer Heimstadt verändert. Aber sie blieb - und wurde mit ihrem Ehemann Hans von Mauthner-Bresslern glücklich.

          Im Jahr 1935 hatte ihr Vater seinen Besitz, das Grüneburgschlößchen und den Grüneburgpark praktisch entschädigungslos aufgeben müssen. Unter dem Deckmantel der Rechtsstaatlichkeit hat das Naziregime zwischen 1939 und 1945 unzählige Juden gnadenlos ausgeraubt. Die Reichsfluchtsteuer, die 25 Prozent des steuerpflichtigen Vermögens betrug, die Reichskanzler Brüning 1931 in bedrückenden wirtschaftlichen Zeiten per Notverordnung eingeführt hatte, um die Kapitalflucht zu erschweren, diente den Nazis seit 1933 als Instrument, um die aus Deutschland flüchtenden Juden um einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens zu bringen. Von 1934 wurden zudem die Devisenvorschriften derart verschärft, daß die Hoffnung sich in der Emigration eine neue Existenz aufzubauen, fast aussichtslos erscheinen mußte. Ein erschreckendes Beispiel dafür, wie diese Maßnahmen vollzogen und noch dazu in überbürokratisch präzisen Schriftsätzen festgehalten wurden, zeigen die Akten im Institut für Stadgeschichte, aus denen hervorgeht, wie der Grüneburgpark samt -schlößchen von Albert von Goldschmidt-Rothschild auf die Stadt Frankfurt überging.

          Für ihn war diese unerhörten Diskrimierungen vollkommen unverständlich. Er hatte als Offizier im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft; als junger Jurist war er Attache an der Deutschen Botschaft gewesen. Frau von Mauthner erinnert sich, daß ihn ein kinderloser englischer Rothschild-Vetter noch vor 1914, als ihr Vater in Cambridge studierte, unbedingt adoptieren wollte. Albert Goldschmidt-Rothschild habe auch nicht den leisesten Gedanken an diese außerordentlich verockende Offerte verschwendet: Er sei und bleibe Deutscher.

          Erst im Jahr 1939 entschloß er sich schließlich zur Emigration und verließ Frankfurt, um sich zunächst in Lausanne niederzulassen. Die unschätzbaren Kunstschätze und Möbel, darunter mehrere Roentgen-Tische, die sich seit Generationen im Grüneburgschlößchen befanden, wurden mit größter Sorgfalt verpackt, zudem der übrige Hausrat. 17 große Umzugswagen waren nötig, um alles zu fassen. Sie starteten in Richtung Schweiz und waren nie mehr gesehen.

          Nahezu mittellos kam Albert Freiherr von Goldschmidt-Rothschild in der Schweiz an. 1941 nahm er sich das Leben. KONSTANZE CRÜWELL

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