https://www.faz.net/-gzg-q09f

Grüneburgpark : Stele verschweigt die wahre Geschichte

  • Aktualisiert am

Von den drei Töchtern des Ehepaars - ein Sohn stellte sich nicht ein - heiratete Minna Karoline, genannt Minka, 1878 den Frankfurter Bankier und österreichisch-ungarischen Generalkonsul Maximilian Benedikt Goldschmidt. Der Großvater von Nadine von Mauthner nahm 1900 nach dem Tod seines Schwiegervaters, des letzten Frankfurter Rothschild, diesen Namen zusätzlich an. 1903 wurde er geadelt, 1907 baronisiert.

Eine Kindheit im Grüneburgpark: "Wir waren ziemlich isoliert und haben Frankfurt kaum kennengelernt", erinnert sich Nadine von Mauthner, und das Leben mit den Gouvernanten scheint auch nicht sehr angenehm gewesen zu sein. Ihre ältere Schwester sei in die Anna-Schmidt-Schule gegangen; ihre Schule habe ein Fräulein namens Kossman geleitet. Lebhafte Erinnerungen hat sie noch daran, wie der Vater sie und die Geschwister entlohnte, wenn sie ihm Gänseblümchen brachte, die auf seinen makellosen Rasenflächen, wie er fand, nichts zu suchen hatten.

Seit Mitte der dreißiger Jahre verbrachte die Familie den Sommer in Königstein, den Winter in Rom. Dort besuchten sie die deutsche Schule, wo eines Tages die Nazigröße Julius Streicher überraschend Visite machte - und sich prompt mit den beiden besonders hübschen und so "arisch aussehenden" Zwillingsmädchen Nadine und Mathilde fotografieren ließ - zum hellen Entsetzen der Mutter. Erst im September 1938 ging die Mutter mit den vier Kindern in die Schweiz. Der Anfang war bitter, die Kinder gingen zunächst in Lausanne, später dann in Genf zur Schule. In den frühen fünfziger Jahren kam Nadine von Goldschmidt-Rothschild zum ersten Mal wieder nach Frankfurt, wo sie sich eigentlich nur ganz kurz aufhalten wollte. Zu viel hatte sich für sie in ihrer Heimstadt verändert. Aber sie blieb - und wurde mit ihrem Ehemann Hans von Mauthner-Bresslern glücklich.

Im Jahr 1935 hatte ihr Vater seinen Besitz, das Grüneburgschlößchen und den Grüneburgpark praktisch entschädigungslos aufgeben müssen. Unter dem Deckmantel der Rechtsstaatlichkeit hat das Naziregime zwischen 1939 und 1945 unzählige Juden gnadenlos ausgeraubt. Die Reichsfluchtsteuer, die 25 Prozent des steuerpflichtigen Vermögens betrug, die Reichskanzler Brüning 1931 in bedrückenden wirtschaftlichen Zeiten per Notverordnung eingeführt hatte, um die Kapitalflucht zu erschweren, diente den Nazis seit 1933 als Instrument, um die aus Deutschland flüchtenden Juden um einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens zu bringen. Von 1934 wurden zudem die Devisenvorschriften derart verschärft, daß die Hoffnung sich in der Emigration eine neue Existenz aufzubauen, fast aussichtslos erscheinen mußte. Ein erschreckendes Beispiel dafür, wie diese Maßnahmen vollzogen und noch dazu in überbürokratisch präzisen Schriftsätzen festgehalten wurden, zeigen die Akten im Institut für Stadgeschichte, aus denen hervorgeht, wie der Grüneburgpark samt -schlößchen von Albert von Goldschmidt-Rothschild auf die Stadt Frankfurt überging.

Für ihn war diese unerhörten Diskrimierungen vollkommen unverständlich. Er hatte als Offizier im Ersten Weltkrieg für Deutschland gekämpft; als junger Jurist war er Attache an der Deutschen Botschaft gewesen. Frau von Mauthner erinnert sich, daß ihn ein kinderloser englischer Rothschild-Vetter noch vor 1914, als ihr Vater in Cambridge studierte, unbedingt adoptieren wollte. Albert Goldschmidt-Rothschild habe auch nicht den leisesten Gedanken an diese außerordentlich verockende Offerte verschwendet: Er sei und bleibe Deutscher.

Erst im Jahr 1939 entschloß er sich schließlich zur Emigration und verließ Frankfurt, um sich zunächst in Lausanne niederzulassen. Die unschätzbaren Kunstschätze und Möbel, darunter mehrere Roentgen-Tische, die sich seit Generationen im Grüneburgschlößchen befanden, wurden mit größter Sorgfalt verpackt, zudem der übrige Hausrat. 17 große Umzugswagen waren nötig, um alles zu fassen. Sie starteten in Richtung Schweiz und waren nie mehr gesehen.

Nahezu mittellos kam Albert Freiherr von Goldschmidt-Rothschild in der Schweiz an. 1941 nahm er sich das Leben. KONSTANZE CRÜWELL

Weitere Themen

Topmeldungen

Ein ukrainischer Soldat im Dezember nahe der Frontlinie in der Ostukraine

Warnung vor Angriff im Januar : 175.000 Soldaten gegen die Ukraine?

An vier Punkten sammelten sich 50 russische Gefechtsverbände mit Panzern und Artillerie, heißt es aus der amerikanischen Regierung. Sie befürchtet ein Angriff auf die Ukraine. Joe Biden will deshalb bald mit Wladimir Putin reden.
Je schräger, desto besser: Beim Großen Zapfenstreich müssen es schon ganz besondere Lieder sein.

Fraktur : Welch wunderbarer Hintersinn

Auch bei der Auswahl der Musik für den Großen Zapfenstreich hat Merkel noch einmal alles richtig gemacht. Zum Glück bat sie nicht um den Ritt der Walküren.