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Gokart mit Straßenzulassung : Auf Augenhöhe mit dem Kühlergrill

  • -Aktualisiert am
Bis zu 100 Kilometer je Stunde schnell - nattürlich aber nicht in der Stadt: Andreas Jilleck auf seinem Gokart

Bis zu 100 Kilometer je Stunde schnell - nattürlich aber nicht in der Stadt: Andreas Jilleck auf seinem Gokart Bild: Michael Kretzer

Andreas Jilleck fährt ein Gokart mit Straßenzulassung. Denn: „Ein Lamborghini für 300.000 Euro lockt doch heute keinen mehr.“ Angst um seine Sicherheit hat er nicht. Und wenn die Bahn frei ist, schleudert er auch schon mal um die Kurve.

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          Auf der Taunusanlage in Frankfurt steht Auto an Auto, in die satten Motorengeräusche der dunklen Firmenwagen mischt sich ein Knattern. Motorräder? Nicht zu sehen. Erst als die Ampel auf Grün springt, geben die Wagen den Blick frei auf das knatternde Gefährt - ein Gokart, gerade einmal halb so hoch wie die übrigen Fahrzeuge. Die wartenden Passanten schauen ungläubig, als der Rennwagen für die Straße an ihnen vorbeizieht.

          Ein knappes Jahr nennt Andreas Jilleck ein Gokart mit Straßenzulassung sein Eigen, ein Autoführerschein der Klasse B reicht dafür aus. „Fahrspaß ohne Ende“ erlebt der Achtundvierzigjährige seither. Vier Reifen, gelbe Blinkleuchten auf beiden Seiten und eine Handbremse besitzt das Fahrzeug. Was fehlt, sind Türen, Fenster, ein Dach, ein Anschnallgurt und Stoßdämpfer, von einem Airbag ganz zu schweigen. Trotzdem kann der „F-Kart 170“ fast 100 Stundenkilometer schnell fahren. Nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auf sämtlichen Straßen der Europäischen Union - unter dem Heckspoiler des Fahrzeugs prangt ein deutsches Nummernschild.

          Angst um seine Sicherheit hat Jilleck auf den Straßen nicht. „Die Autos in meiner Umgebung halten großen Abstand“, hat der freiberufliche Programmierer festgestellt. Zur besseren Sichtbarkeit möchte er dennoch eine Fahne montieren. Das Motiv: Jolly Roger, zwei gekreuzte Knochen unter dem Totenkopf, landläufig bekannt als Piratenflagge.

          Andreas Jilleck mit seinem Gokart auf dem Opernplatz in Frankfurt - ohne Helm
          Andreas Jilleck mit seinem Gokart auf dem Opernplatz in Frankfurt - ohne Helm : Bild: Michael Kretzer

          Kreuz, Anker und ein Schwert

          Das passt zu dem hageren Mann, der in seiner schwarzen Kluft eher einem Freibeuter ähnelt als einem Rennfahrer. Schwere Stiefel schützen seine Füße, über der dünnen Lederhose trägt Jilleck ein Hemd mit Trichterärmeln, die an den Handgelenken von Armreifen umfasst sind. Unterhalb der Augen hat er mit einem Kajalstift zwei dünne Striche gezogen. Aber böse sieht er nicht aus, mit seinem schulterlangen, graumelierten Haar und dem Siebentagebart.

          Als Außenseiter fühlt sich Jilleck nicht. Eher als Individualist. „Das ist für mich normale Straßenkleidung“, kommentiert der Rodgauer seine Gewandung und steckt sich eine Zigarette ohne Filter an. Silberschmuck ziert seinen Hals, an einer Kette baumeln Kreuz, Anker und ein Schwert. Manche halten ihn für einen Gothic-Fan, einen Anhänger jener Subkultur, die Faszination dem Tod und dunklen Mächten gegenüber empfindet. Aber Jilleck ist ein „durchweg optimistischer“ Zeitgenosse, wie er von sich selbst behauptet. „Es gibt ein Leben vor dem Tod“, sagt der gebürtige Dortmunder zu seinem Flitzer. Tochter und Freundin jedenfalls haben nichts dagegen, im Gegenteil, „auf der Rennbahn ist meine Tochter eine Sekunde schneller als ich“, sagt Jilleck.

          Wenn er sich in den Kart setzt, haben sein Kopf und der Kühlergrill anderer Autos ungefähr die gleiche Höhe. So lang wie ein Bett ist der Viertakter und zirka einen Meter breit. Zusammen mit Jillecks Gewicht wiegt er 210 Kilogramm. 14 Pferdestärken reichen daher aus, um ihn erstaunlich schnell zu beschleunigen. Eine gesunde Rückenmuskulatur sollte man mitbringen, denn das Fahrwerk reicht jede Erschütterung weiter. „Für ältere Herrschaften ist diese Fahrweise nichts“, sagt Jilleck. Regelmäßig muss er losgerüttelte Schrauben nachziehen. Manchmal wundert er sich selbst, dass er mit dem Kart auf deutschen Straßen fahren darf. „Die Reifen haben nicht die vorgeschriebene Mindestprofiltiefe, aber es gibt nur diese“, sagt er. Grundlage für die Zulassung ist die EU-Richtlinie „2002/24/EG“ aus dem Jahr 2002. Unter dem sperrigen Titel „Typgenehmigung für zweirädrige oder dreirädrige Kraftfahrzeuge“ regelt sie die Bestimmungen, die ein Kleinfahrzeug erfüllen muss, um zugelassen zu werden. Karts, obschon mit vier Reifen ausgestattet, gehören ebenfalls dazu. Ein Tüftler baute nach den Maßgaben ein Kart zusammen und bekam prompt das Einverständnis der Behörden.

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