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Goethe-Universität : Alarm unterbricht Habermas-Vortrag in Frankfurt

  • Aktualisiert am

Jürgen Habermas Bild: dpa

Ein Vortrag von Jürgen Habermas zieht Tausende in die Frankfurter Universität. Doch der bekannte Philosoph, der empathisch zur Einheit Europas aufruft, wird mittendrin unterbrochen.

          Mitten in einem Vortrag des Philosophen Jürgen Habermas an der Universität Frankfurt ist am Mittwochabend ein Alarm ausgelöst worden. Die rund 700 Zuhörer im Hörsaal wurden per Durchsage aufgefordert, unverzüglich das Gebäude „auf den gekennzeichneten Fluchtwegen zu verlassen“. Weiter hieß es in der minutenlangen, ohrenbetäubenden Durchsage: „Dieser Alarm wird automatisch ausgelöst.“

          Habermas reagierte wie seine Zuhörer verdutzt und brach seinen Vortrag zunächst ab, dem laut Universität – auch in fünf zugeschalteten Hörsälen – insgesamt rund 3000 Zuhörer lauschten. Die Präsidentin der Universität, Brigitta Wolff, sagte, auch wenn es sich „mit hoher Wahrscheinlichkeit um einen Fehlalarm“ handele, müssten die Anwesenden aus rechtlichen Gründen das Gebäude verlassen – was diese taten.

          Zunächst fuhren Feuerwehrwagen auf, die bald aber das Gelände wieder verließen. Nach etwa einer halben Stunde wurden Habermas und die Zuhörer wieder zurück in den Hörsaal gebeten. Habermas reagierte humorvoll und sagte, er sei „dankbar für die zusätzliche Publizität“. Dann setzte er seinen Vortrag mit dem Thema „Noch einmal: Zum Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ ungerührt fort. Eine Erklärung zum Grund des Alarms gab es zunächst nicht. Nach dem Ende des Vortrags sagte Uni-Präsidentin Wolff, es sei „kein Feueralarm“ gewesen.

          Einen Tag nach seinem 90. Geburtstag beschwor Habermas vor Tausenden Zuhörern die Einheit Europas. „Den nationalen – und insbesondere den wirtschaftsnationalen – Egoismus ihrer Staaten könnten die Völker erst überwinden, wenn sie das bornierte Bewusstsein ihrer nationalstaatliche Kulturen durchbrechen würden“, sagte er. Ein „politisches Gehäuse“ müsse Europa dafür allerdings erst noch hervorbringen. „Die Solidarität stiftende Quelle der demokratischen Praxis versiegt heute schon im jeweils eigenen Land“, kritisierte Habermas und hielt fest: „Die politischen Eliten (....) haben den Mut zu einer gestaltenden Politik verloren.“ Wer „zerbröckelnde Sozialstaatsmodelle“ retten und wachsende soziale Ungerechtigkeit bekämpfen wolle, müsse die Vertiefung europäischer Zusammenarbeit vorantreiben.

          Habermas gilt als der prägende deutsche Philosoph der Gegenwart. Er wurde am 18. Juni 1929 in Düsseldorf geboren. Nach dem Studium von Philosophie, Geschichte, Psychologie, Literatur und Ökonomie wurde er unter Theodor W. Adorno Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main ein. Dort entwickelte er die kritische Gesellschaftstheorie der „Frankfurter Schule“ weiter. Sein Hauptwerk, die „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) übte weltweiten Einfluss aus. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte Habermas als „Stimme der kritischen Vernunft“.

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