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„Babylotsen“ in Frankfurt : Hilfe direkt nach der Entbindung

Erstausstattung: Flyer und ein Lätzchen werben für das Angebot der Babylotsen. Bild: Sieber, Laila

Die Frankfurter Universität hat die Arbeit der „Babylotsen“ untersucht. Das Angebot soll verhindern, dass Neugeborene in gefährliche Situationen kommen. Die Forscher loben, verweisen aber auch auf Engpässe.

          3 Min.

          Mütter, die nach der Geburt ihres Kindes überfordert sind, können in Frankfurt auf ein breites Hilfsangebot zurückgreifen. Zwei Jahre lang hat ein Forscherteam der Universität die Arbeit der sogenannten Babylotsen anhand von Interviews untersucht. Die Studie sollte zeigen, ob Problemlagen erkannt werden und wie die Arbeit der Lotsen bewertet wird, sagte Studienleiterin Sabine Andresen bei der Vorstellung am Donnerstag.

          Theresa Weiß
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Bericht der Wissenschaftler zeichnet ein sehr positives Bild. „Alle attestieren den Lotsinnen eine hohe Professionalität und Empathie“, sagte Andresen. So bewerten mehr als 94 Prozent der Mitarbeiter in Geburtskliniken den Dienst als hilfreich, weil er eine nahtlose Unterstützung für Mütter und Neugeborene biete und die Akteure zielgerichtet vernetze. Die Auswertung legt aber auch Engpässe in der Versorgung junger Mütter offen: Fachkräfte beschreiben in den Leitfadeninterviews, die für die Erhebung geführt wurden, ein „auf Kante genähtes Gesundheitssystem“, in dem Mütter oft schon 48 Stunden nach der Geburt entlassen werden, obwohl gerade dann Probleme auftreten und die Hormone „in den Keller rauschen“.

          Bundesweite Forschungen zeigen, dass 25 bis 30 Prozent der Familien zusätzlichen Informations- und Unterstützungsbedarf nach der Geburt eines Kindes haben. Der Lostendienst der Stadt ist ein Baustein der Frühen Hilfen, die diesen Bedarf decken sollen. Sie richten sich an Eltern mit Kindern im Alter von bis zu drei Jahren und sollen ihnen einen guten Start ins Leben ermöglichen.

          Ziel der Babylotsen, die direkt in den Geburtskliniken junge Mütter ansprechen, die sich in einer finanziell oder psychisch schwierigen Situation befinden, ist es, „kritische Lebenslagen“ zu erkennen, Konflikte zu klären und die Familien mit Angeboten zu vernetzen, etwa Krabbeltreffs oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen. Viele Mütter geben laut Studie an, überfordert zu sein und nicht zu wissen, wohin sie sich wenden können.

          Zehn Babylotsinnen gibt es in Frankfurt. Sie sind angestellt beim Deutschen Kinderschutzbund; seit 2011 unterstützen die Crespo Foundation und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft die Initiative. Die Lotsinnen verstehen ihre Tätigkeit als Kinderschutz: Sie verhinderten, dass Neugeborene in gefährliche Situationen kommen, etwa weil sie vernachlässigt werden. Doch auch die Mütter stehen nach dem Selbstverständnis der Lotsinnen im Mittelpunkt. Sie sollen gestärkt werden. Problematisch sei für die Frauen oft, allein mit dem Baby zu sein und keine Familie im Hintergrund zu haben. Während der Pandemie hätten sich Ängste noch verstärkt: weil der Kindsvater nicht bei der Geburt dabei sein durfte, Familien aus dem Ausland nicht anreisen durften oder finanzielle Notlagen aufgetreten seien.

          3200 Erstgespräche in einem Jahr

          Den Autoren der Studie zufolge erfüllen die Babylotsinnen ihre Aufgabe sehr gut: Sie erreichten die Familien, identifizierten Probleme und lieferten passgenaue Lösungen. Das bestätigten Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen wie aus der Jugendhilfe. Die Ergebnisse der Studie legen aber auch sehr deutlich nahe, dass viele junge Mütter sich in der Zeit nach der Geburt alleingelassen fühlen. Da es an Hebammen mangelt, deren Fachwissen und Hilfe von vielen Frauen als unverzichtbar angesehen werden, fühlten sie sich „auf sich alleingestellt“, konstatiert der Bericht. Die Babylotsen können da zum Teil einspringen.

          Die Lotsinnen suchen das Gespräch mit jungen Eltern nach der Geburt, wenn im Anamnesebogen der Geburtsklinik Hinweise auftauchen, dass es zu Problemen kommen könnte: eine ungeklärte Wohnsituation, eine Trennung vom Partner oder Drogenkonsum. 2020 kam es zu 3200 Erstgesprächen. Ob darauf eine weitere Beratung folgen soll, kann jeweils die Mutter entscheiden. Die Babylotsen bieten dann konkret Hilfe an, und vermitteln an die passenden Stellen – wenn es sein muss, weil das Kindeswohl gefährdet scheint, auch an das Jugendamt.

          Anspruch nicht nur in Härtefällen

          Oft unterstützen sie die Eltern aber auch zuhause im Umgang mit dem Baby oder bei finanziellen Fragen. „Ich hätte gar nicht gedacht, dass das mit dem Mutterschaftsgeld ein Thema für mich sein könnte. Ich wusste das überhaupt nicht und sie hat von sich halt wichtige Punkte angesprochen. Ich war sofort total dankbar, dass es sie gab. Auch wusste ich, ich kann mich noch mal an sie wenden, wenn ich sie brauche“, berichtete eine Mutter während der Erhebung.

          Die Untersuchung legt aber auch offen, dass manche Mütter gar nicht wissen, dass sie das Angebot wahrnehmen dürfen, obwohl es am Anfang unübersichtlich und stressig sei: Einige befragte Mütter, die nicht von Babylotsen betreut wurden, glaubten, dass nur „Härtefälle“ einen Anspruch hätten. Forscherin Andresen sagte, dass es sich daher lohne, auch bei Gynäkologen und anderen niedergelassenen Ärzten mehr Informationen bereitzustellen. Denn es gehe darum, jedes Neugeborene „zum Bleiben“ zu bewegen – ihm einen sicheren und liebevollen Start ins Leben zu ermöglichen.

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