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Buchprojekt an Goethe-Uni : Auf Forschungsreise für das „Ahnenerbe“

Teilnehmender Beobachter: Franz Altheim 1936 in Norditalien Bild: Repro Frobenius-Institut Uni Frankfurt

Der Althistoriker Franz Altheim war ein origineller Kopf, aber er stellte sich auch in den Dienst der SS. Frankfurter Studenten haben seinen Lebenslauf und die Biographien von Kollegen durchleuchtet.

          Franz Altheim, Sohn eines Malers, hat in der akademischen Welt rasch reüssiert. Geboren 1898, begann er nach dem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg an der heutigen Goethe-Universität ein Studium der Klassischen Philologie und Sprachwissenschaft. Schon zwei Jahre später wurde er über Aristoteles promoviert. Kurz nach seinem dreißigsten Geburtstag erhielt Altheim die Habilitationsurkunde. Damit durfte er Frankfurter Studenten in lateinischer Sprache, Philologie und römischer Religionsgeschichte unterrichten. Altheim war eine schillernde Figur. Der als Nestor der deutschen Altertumswissenschaft geltende Karl Christ nannte ihn „einen der anregendsten und zugleich provozierendsten Althistoriker seiner Epoche“.

          Eine ambitionierte Althistorikerin von heute ist Charlotte Hamway. Die Studentin im achten Semester arbeitet in einem Projekt mit, das die Frankfurter Altertumswissenschaften von 1914 bis 1950 und vor allem die nationalsozialistische Zeit unter die Lupe nimmt. Hamway hat sich dafür mit Altheim beschäftigt und ein Kapitel für den Sammelband beigesteuert, der jüngst an der Goethe-Uni vorgestellt wurde. Altheim habe sich immer als Universalgelehrter gesehen, sagt die Studentin. Damit sei er eine Ausnahmeerscheinung gewesen. „Entweder war man Althistoriker, Philologe oder Archäologe.“ Hamway schildert in ihrem Beitrag auch, wie Altheim die spezialisierte Forschung kritisierte. Er schrieb 1939: „Spezialistentum hat noch immer den Abschluß, ja den Tod jeder lebendigen Entwicklung bedeutet.“

          Die Zukunft der Geschichtswissenschaft hänge davon ab, ob es gelingen werde, „die Enge des Fachgelehrtentums zu überwinden und in Weiten, in großen Möglichkeiten zu denken“. Das führte zu Widerspruch in Fachkreisen. Hamway schreibt, die Kollegen hätten Altheims Ansätze für originell gehalten. Sie bemängelten aber, dass er Schlussfolgerungen gezogen habe, die deutlich über die vorliegenden Quellen hinausführten.

          Charlotte Hamway, Studentin der Goethe-Uni, hat an einem Buch
über die Altertumsforschung mitgewirkt.

          Genau dieser universalistische Anspruch war laut Hamway für Altheims Annäherung an die Nationalsozialisten entscheidend: „Das hat ihn für das ,Ahnenerbe‘ interessant gemacht.“ Dieses war eine von Heinrich Himmler gegründete Einrichtung der SS, die der nationalsozialistischen Ideologie einen wissenschaftlichen Anschein geben sollte. Das „Ahnenerbe“ finanzierte von 1937 an Altheims Reisen nach Kroatien, den Irak, Syrien und Schweden. Altheim war insbesondere bemüht, römischer Kultur einen germanischen Ursprung zuzuschreiben.

          „Zwischendurch war er mir ganz sympathisch“

          Charlotte Hamway ging es in ihrer Studie aber nicht darum, Altheim moralisch zu verurteilen. Stattdessen wolle sie „qualifizieren“, sagt sie. Bekannt sei Franz Altheims Zusammenarbeit mit dem „Ahnenerbe“ ohnehin. Schon 1977 erschien eine Dissertation zum Thema „Nationalsozialismus und Antike“, die Altheim ein ganzes Unterkapitel widmete. Bisherige Forschungen beziehen sich vor allem auf die Zeit nach 1938, in der er als Professor in Halle wirkte. Altheims Frankfurter Anfänge dagegen sind nach Hamways Worten noch kaum erforscht worden. Doch gerade sie seien spannend. Die Studentin wollte wissen: „Warum ist er zu dem geworden, was er am Ende war?“ Altheims Verhältnis zum Nationalsozialismus schildert die angehende Historikerin sehr differenziert. Dem Wissenschaftler sei es mit seiner Interpretationsfreudigkeit ein Leichtes gewesen, Wertungen im Sinne der NS-Ideologie einzubauen.

          Zugleich hielt er Distanz. Der Partei oder dem „Ahnenerbe“ trat er nie bei. Alfred Bäumler von der NSDAP-Hochschulkommission zählte Altheim 1935 zu den „Intellektuellen, die auch weiterhin versuchen, die Geschichte des Altertums zu schreiben, als ob es das Problem der Rasse nicht gäbe“. Der Frankfurter Uni-Rektor Walter Platzhoff schrieb ein Jahr später, er könne Altheims politische Haltung nicht richtig beurteilen. Wegen seiner Zurückhaltung gegenüber Fremden sei dieser ein „undurchsichtiger“ Mensch. „Was war das für ein Mensch?“ Diese Frage stellte sich auch Hamway. Sie gesteht: „Zwischendurch war er mir ganz sympathisch.“ Sie habe aber versucht, das auszuklammern. Als Forscherin sei sie sowieso nicht wie Altheim. Statt steile Thesen aufzustellen, sichere sie sich lieber dreimal ab. Roland Färber ist von Hamways Arbeitsweise offensichtlich angetan: Der Dozent hat sie für das Buchprojekt persönlich ausgesucht. „Sie wären eine Bereicherung“, habe er zu ihr gesagt, berichtet die Nachwuchsforscherin.

          20 Studenten haben Kapitel zu dem Band beigesteuert. Darunter sind viele biographische Beiträge wie jener über Altheim. Einer von ihnen beschäftigt sich mit dem Klassischen Philologen Karl Reinhardt. Er könne sein Amt nicht mehr ausüben, schrieb er im Mai 1933 an den Wissenschaftsminister in Berlin. Die Traditionen des deutschen Humanismus würden von den neuen Machthabern mit Füßen getreten. Nachdem der Minister den Rücktritt abgelehnt hatte, passte sich Reinhardt aber immer stärker an und übernahm nationalsozialistisch konnotierte Begriffe. Laut Färber ist es Reinhardt um das wissenschaftliche Überleben gegangen. Andere jedoch nutzten die NS-Ideologie, um unliebsame Kollegen aus dem Weg zu räumen. Das Buchprojekt sollte Studenten schon vor dem Bachelorabschluss die Möglichkeit geben, zu forschen und zu publizieren. Hat das Charlotte Hamway gefallen? Sehr, sagt die junge Althistorikerin. „Ich kann mir vorstellen, später in die Wissenschaft zu gehen.“

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