https://www.faz.net/-gzg-7n4ey

Goethe Uni Frankfurt : Durch die Nacht mit Fromm und Platon

  • -Aktualisiert am

Theresa Kumpitsch (l.) und Juschka Dirr nutzen die „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ Bild: Finger, Stefan

Um drei Uhr früh brennt in der Bibliothek noch Licht: Experten der Uni helfen in der „langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ Studenten beim Schreiben.

          Das Semester ist vorbei, alle Klausuren sind geschrieben. Zwei Monate ohne Vorlesung, ohne Seminare, Referate und Projekte, dann geht alles wieder von vorne los. Und trotzdem brennt in der Bibliothek der Geisteswissenschaften an der Universität um drei Uhr in der Nacht zu Freitag noch Licht. Vor der Tür bekämpfen zwei Studentinnen den Stress mit einer Zigarette. „Was nimmst du für Analyseoperatoren?“, fragt die eine die andere und nimmt einen Zug. Die beiden drehen sich um und stapfen hinein.

          Zur „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ füllen sich die Lesesäle des Bibliothekszentrums Geisteswissenschaften. Auch die juristische Bibliothek steht Schreibern und Lesern die ganze Nacht offen. Zwischen den Bücherregalen und Pulten steht die Luft, es ist heiß und stickig. Die Stille drückt auf die Ohren. Finger fliegen über Tastaturen, blättern Seiten um, rücken Brillen zurecht. Zwischen Wälzern und Kaffeebechern hocken die nachtaktiven Geschöpfe und forschen vor sich hin. Manche hängen entspannt auf ihren Stühlen, andere hacken fiebrig Absatz um Absatz in ihre Laptops.

          Katina Linguri (vor Kopf) leitet ein Zeitmanagement-Seminar

          Mittendrin sitzt Theresa Kumpitsch. Sie studiert im dritten Semester Philosophie und Mathematik auf Lehramt, gerade schreibt sie an einer Hausarbeit über die Dialektik Erich Fromms. Abgabefrist ist Anfang April, aber sie möchte sich die freie Zeit nicht mit dem Gedanken an die noch ausstehende Arbeit vermiesen. „Ich will drei Wochen Urlaub in Amerika machen“, sagt sie. „Vorher möchte ich mit dem Zeug für die Uni fertig werden.“ Auf dem Tisch hat sie ausgebreitet, was sie für die Arbeit braucht: Ihr riesiger Laptop surrt vor sich hin, umrahmt von Blöcken, Stiften, Büchern und Zeitschriften – nur sie selbst behält hier den Durchblick.

          Beim Streifzug durch die Bibliotheken auf dem Campus Westend fällt auf: Fast nur junge Frauen sitzen hier, nachts um halb zwei, und beugen sich über ihre Texte. Manche versinken im selbstgebauten Chaos aus Bücherstapeln, Unterlagen und Schokoriegeln. Andere behandeln ihren Platz wie einen OP-Tisch: Der Kugelschreiber liegt parallel zum Bleistift neben dem Laptop, alles ist gelocht, geheftet und sortiert.

          Schreibtisch-Yoga weckt die Mondscheinschreiber auf

          „Natürlich gibt es verschiedene Lerntypen“, sagt Stephanie Dreyfürst, die das Schreibzentrum der Universität leitet und die Nacht der Hausarbeiten mit ihrem Team organisiert. „Wir versuchen, allen Studenten eine Hilfestellung zu geben, wenn sie feststecken.“ Gemeinsam mit ihren Schreibhelfern, geschulten Studenten, berät sie in dieser Nacht jeden, der Unterstützung braucht, gibt Tipps und hilft, schwierige Passagen zu formulieren. Zu jeder vollen Stunde bietet das Schreibzentrum einen Workshop in der Bibliothek an: „Zeitmanagement“ und „Argumentation“ zum Beispiel, sogar „Schreibtisch-Yoga“.

          Nicht allen, die hier arbeiten, sitzt die Abgabefrist im Nacken. Juschka Dirr büffelt Vokabeln, die ganze Nacht lernt sie im grellen Halogen-Licht für ihre Graecum-Prüfung in ein paar Wochen. Ihre Examensarbeit im Fach Philosophie will sie über Platon schreiben. „Da gibt es viele miese Übersetzungen“, sagt Dirr. „Ich kann mit den Originaltexten arbeiten, wenn ich die Vokabeln kenne.“ Sie hat schon an zwei „Langen Nächten“ teilgenommen, „eigentlich sollte es die öfter geben“, sagt sie.

          Studierende der Universität Frankfurt arbeiten im Bibliothekszentrum Geisteswissenschaften an ihren wissenschaftlichen Arbeiten.

          Die Veranstaltung findet nicht nur in Frankfurt statt: In 25 deutschen Unis sind an diesem Donnerstag die Bibliotheken die ganze Nacht lang geöffnet. Wer mitmacht, kann auf Twitter lesen, was gerade in Göttingen, Dresden oder Bochum passiert. Kurz nachdem die letzten Mondscheinschreiber in Frankfurt ihre Laptops zugeklappt haben, twittert Stephanie Dreyfürst: „Lange Nacht war wieder lang. Um sieben Uhr morgens geht’s ins Bett.“

          Weitere Themen

          Swing Heil

          Jazz-Musiker Emil Mangelsdorff : Swing Heil

          Mit ihrer Liebe zum Jazz rebellierte die Swing-Jugend gegen die Unfreiheit der Nazi-Diktatur. Emil Mangelsdorff war einer von ihnen. In einem Gesprächskonzert berichtet er von der damaligen Zeit.

          EKG für unterwegs Video-Seite öffnen

          Infarkt oder nicht? : EKG für unterwegs

          Eine App fürs Handy und ein Kabel mit Elektroden - Cardiosecur hat ein mobiles EKG entwickelt. Gründer und Geschäftsführer Markus Riemenschneider erklärt im Video, wie das Ganze funktioniert.

          Topmeldungen

          Mutmaßliche Angriffe im Golf : Tanker, Lügen – und Videofilme

          Es gibt viele Deutungen der jüngsten Vorfälle im Golf von Oman. Ironischerweise gewinnt in der gegenwärtigen Krise Amerikas Position gegenüber Iran an Glaubwürdigkeit – gerade durch den Faktor Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.