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Gewalt an alten Menschen : Wenn die Pflege zur Qual wird

  • -Aktualisiert am

Wassermangel: Einem alten Menschen nicht genug zu trinken zu geben kann eine Form von Gewalt sein. Bild: Picture-Alliance

Menschen, die ihre Angehörigen zu Hause versorgen, sind nicht selten überfordert. Manchmal wenden sie dann Gewalt an. Wie lässt sich das verhindern?

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          Ute Glasemann kennt viele Fälle von Gewalt, die sich hinter verschlossener Tür abspielen. Nachbarn rufen sie, wenn sie Schreie des alten Menschen aus der Wohnung nebenan hören. Begegnungsstätten für Ältere machen sie aufmerksam, wenn sie Verdacht schöpfen, es werde jemand misshandelt. Oder es melden sich Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten, wenn sie feststellen, dass die Körper ihrer Klienten mit blauen Flecken übersät sind. Oft ist der einzig mögliche Verursacher der pflegende Angehörige. In Deutschland leben etwa drei Millionen Pflegebedürftige. 70 Prozent von ihnen werden zu Hause gepflegt. Von Letzteren ist laut Statistiken der Pflegeversicherung etwa eine Million ausschließlich auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen. Wissenschaftler sprechen vom „informellen Pflegesektor“.

          Glasemann ist Vorsitzende des Frankfurter Vereins „Handeln statt Misshandeln“. Wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit erzählt, dann kann sie einen Schreckensfall nach dem anderen referieren. Sie berichtet dann von einem Sohn, der das Pflegegeld seiner Mutter kassiert, sich aber nicht um sie kümmert. Eine Pflegekraft, die den Sohn unterstützt, rief Glasemann an und wies auf die blauen Flecken im Gesicht und an den Oberschenkeln der Mutter hin. Dann schildert Glasemann den Fall einer dementen Frau. Die, so berichteten es ihr die Nachbarn, werde von ihrem Mann in der Wohnung eingesperrt. Der Mann habe Angst, sie könne davonlaufen, wenn er nicht in der Wohnung sei. Die Folge: Die Frau fange an zu schreien. Und nun hätten die Nachbarn Angst, sie werde aus dem Fenster springen. Die meisten Anrufer sind sich einig: „Die Angehörigen sind überfordert.“ Sie alle suchen Rat bei Glasemann, der Praktikerin.

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