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Ghostwriter : Für 3000 Euro Zeit gespart und zum Betrüger geworden

  • -Aktualisiert am

Tunnelblick: Mancher, der sich dem Druck des Abgabetermins nicht gewachsen fühlt und das nötige Kleingeld hat, engagiert einen Ghostwriter. Bild: dpa

Wer seine Hausarbeit von einem anderen schreiben lässt, muss mit harten Strafen rechnen. Trotzdem gehen viele das Risiko ein – und professionelle Ghostwriter verdienen daran.

          Verschwiegenheit ist in Frank Moosers Beruf das höchste Gut. Der Job ist mit hohem Aufwand verbunden, doch Lorbeer ist dabei nicht zu verdienen. Viel läuft im Geheimen ab: Vertrauliche Telefonate werden geführt, Preise abgesprochen, wichtige Dokumente weitergereicht. Mooser (Name geändert) ist akademischer Ghostwriter. Auch für Studenten der Goethe-Universität hat er nach eigenen Worten schon Arbeiten angefertigt.

          Nicht nur vielbeschäftigte Politiker, die ihren Lebenslauf mit einem Doktortitel veredeln wollen, sondern auch gewöhnliche Studenten nutzen die Dienste von Ghostwritern. Agenturen wie Acad Write, für die Mooser unter anderem arbeitet, verdienen mit solchen Angeboten gutes Geld. Von der einfachen Semesterarbeit bis zum umfangreichen Promotionsprojekt ist hier alles zu haben. Etwa 1000Bestellungen gehen je Semester bei Acad Write ein. Eine dreißigseitige Standard-Arbeit geht üblicherweise für 2500 bis 3000Euro über den Tisch, die teuersten Werke lassen sich Doktoranden hohe fünfstellige Beträge kosten. Am häufigsten werden bei Acad Write betriebswirtschaftliche Arbeiten in Auftrag gegeben, Studenten der Geisteswissenschaften gehören nach Angaben der Agentur seltener zu den Kunden.

          Stress und Zeitmangel sollen die Gründe sein

          „Ich sehe in meinem Job nicht die Beihilfe zur großen Lüge“, sagt Mooser. Ob er Ghostwriting mache oder nicht, ändere am Bedarf ja nichts. Außerdem schreibe er zwar die Arbeiten, studieren und die Prüfungen ablegen müssten seine Kunden aber immer noch selbst.

          Dennoch machen sich Studenten, die von anderen angefertigte Arbeiten als ihre eigenen einreichen, des Betrugs schuldig. Wer dabei erwischt wird, muss mit harten Strafen rechnen. Im besten Fall wird die Prüfung mit „nicht ausreichend“ bewertet. Bei schweren Vergehen drohen die Exmatrikulation und ein Wiedereinschreibungsverbot für zwei Jahre. In einigen Fachbereichen wird eine spezielle Plagiatssoftware eingesetzt. Allerdings sind die Möglichkeiten der Professoren, von Ghostwritern verfasste Arbeiten zu erkennen, begrenzt. Und die Agenturen, die solche Dienste offerieren, fühlen sich rechtlich sicher. „Wir haben ja keinen Einfluss darauf, wofür unsere Arbeiten nach dem Verkauf verwendet werden“, sagt Thomas Nemet, Geschäftsführer von Acad Write. Theoretisch könnten sich die Käufer ihre Erwerbungen ja auch nur ins Regal stellen oder als Grundlage für eigene Forschungen verwenden.

          Es gebe mannigfaltige Gründe, warum Studenten Ghostwriting in Anspruch nähmen. Die wenigsten seiner Kunden seien tatsächlich nicht intelligent genug, um die Anforderungen ihrer Prüfer zu meistern, glaubt Nemet. „Die häufigsten Gründe für Studenten, die sich an uns wenden, sind sicher Stress und Zeitmangel.“ Aber auch Menschen, die schwer erkrankt seien und ihr Studium nicht aufgeben wollten, wendeten sich an die Firma. Auch Mooser ist vor 30 Jahren durch die Krankheit einer Freundin zum Ghostwriting gekommen. Sie machte eine depressive Phase durch, musste aber ihre Magisterarbeit in Pädagogik fertigstellen. Mooser, damals selbst noch nicht lange mit seinem Kommunikationswissenschafts-Studium fertig, nahm sich der Sache an. Seine Freundin heimste dafür die Note „sehr gut“ ein. Seitdem war Mooser immer wieder als Ghostwriter aktiv.

          Die Aufträge wurden größer

          Nach eigener Darstellung führte ihn sein Weg sogar schon ins Bundeskanzleramt, das damals einen Redenschreiber für die Regierung Kohl gesucht habe. Mooser lehnte ab, arbeitete danach in den PR-Abteilungen verschiedener Unternehmen und trainierte Führungskräfte. Zu seinem festen Beruf wurde das Schreiben für andere erst vor zehn Jahren, als seine Mutter schwer erkrankte. Mooser musste sie zu Hause pflegen und brauchte einen Job, den er am Schreibtisch erledigen konnte.

          Zeitaufwendig war diese Arbeit aber schon, wie Mooser kurz nach Beginn seiner Tätigkeit für Acad Write erfahren musste. Die Agentur war damals noch klein, neue Mitarbeiter nahmen erst einmal ein leichteres Angebot zur Probe an, in Moosers Fall war es eine Semesterarbeit. Doch die Aufträge wurden schnell größer. Und auch wenn das Honorar dem Aufwand angepasst wird, eine soziologische Magisterarbeit würde Mooser in zehn Tagen und zehn Nächten nicht mehr fertigstellen wollen.

          Generell verdient der Ghostwriter an einer Arbeit zwischen 20 und 40 Euro je Seite, viele arbeiten laut Geschäftsführer Nemet für mehrere Agenturen gleichzeitig. Wer wie Mooser meist geisteswissenschaftliche Themen bearbeitet und dazu noch bei seinen Aufträgen stark selektiert, kann von dem Job allein nicht leben.

          Ausreichend organisierte Hilfe für die Studenten?

          An einer deutschen Hochschule möchte Mooser dennoch nicht arbeiten. Denn den wichtigsten Grund, warum Studenten sich an ihn wenden, sieht er in der mangelnden Unterstützung durch das Bildungssystem. „Kinder lernen schon in der Schule nicht, was Wissen eigentlich heißt“, sagt er. Das setze sich an den Universitäten fort. Außerdem werde den Studenten kein gutes Selbstmanagement vermittelt, und auch bei Schreibblockaden würden sie oft nicht unterstützt.

          Dem widerspricht der Sprecher der Universität Frankfurt. „Bei der ,Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten‘ können Studierende gemeinsam mit anderen ihre Probleme überwinden“, sagt er. Außerdem würden im Schreibzentrum der Hochschule studentisch organisierte Hilfen angeboten.

          Ghostwriter Mooser glaubt jedoch nicht, dass gegenseitige Unterstützung unter Studenten ausreicht. Jenen wiederum, die eigentlich für die Betreuung zuständig seien, fehle die Zeit dazu: „Wenn die Professoren ständig unter Forschungsdruck stehen, wie sollen sie sich da um die Studenten kümmern?“ Deshalb biete Acad Write auch Coachings an. Dabei helfe ein Agentur-Mitarbeiter dem Studenten lediglich beim Planen und Strukturieren seiner Arbeit. Im Geheimen müsse dann nichts mehr ablaufen.

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