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Ghanaer in Frankfurt : Langer Jubel und süßes Bier

  • -Aktualisiert am

Die Gäste fiebern, die Chefin kocht: Im Restaurant „Kenkey House” treffen sich Ghanaer und Deutsche zum Fußballgucken. Bild: Michael Kretzer

Die Ghanaer in Frankfurt träumen vom WM-Titel. Sollte es damit nicht klappen, werden sie ihre Lebensfreude dennoch nicht verlieren.

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          Heide Conny ist dieser Tage nicht um ihren Job zu beneiden. Während Ghana bei der Fußball-WM um den Einzug in die nächste Runde spielt, steht die Chefin selbst in der Küche des Kenkey House an der Gartenstraße in Sachsenhausen und kocht für ihre Gäste. Nicht mal für einen Plausch in der Pause nimmt sie sich Zeit. „Die Gäste sind wichtiger“, sagt sie. Ihre Kopfbedeckung in Ghanas Nationalfarben und ihr T-Shirt lassen dennoch erahnen, dass sie mit den „Black Stars“, wie die Nationalmannschaft genannt wird, mitfiebert.

          Die „schwarzen Sterne“ haben es ihren Fans in Frankfurt bisher nicht leicht gemacht. Dem Sieg gegen Serbien folgte ein Unentschieden gegen Australien, das die Zuschauer im Kenkey House fast verzweifeln lässt. Nur beim Ausgleichstreffer bricht sich Begeisterung Bahn. Die Jubelschreie, das Getröte und die Freudensprünge dauern länger als die Orgie von Zeitlupen, die über den Bildschirm flimmert. Auf der Außenterrasse legt der DJ in der Feierminute Musik auf, deren Lautstärke die Beschallung der ganzen Nachbarschaft sicherstellt. Wer afrikanische Lebensfreude erleben möchte, sollte im Kenkey House Fußball schauen.

          Aus den Lautsprechern tönt westafrikanischer Reggea

          Auch deutsche Zuschauer finden den Weg dorthin. Sei es, weil sie sich auf Reisen oder während des Auslandssemesters in das Land verliebt haben, oder weil sie an der Gartenstraße wohnen und lieber selbst Lärm machen, als ihn nur ertragen zu müssen. Auch das Essen ist ein Grund, hierher zu kommen: Die Portionen sind groß und lecker, gegessen wird in Ghana traditionell mit den Fingern, auf Wunsch werden aber auch Messer und Gabel gereicht. Dazu gibt es eine kleine Auswahl an afrikanischem Bier, unter anderem ein gewöhnungsbedürftiges mit Mango-Zusatz.

          Was im Kenkey House auf den Tisch kommt, gibt es im African Bazaar zu kaufen. In dem kleinen Laden an der Düsseldorfer Straße in der Nähe des Platzes der Republik riecht es nach geräuchertem Fisch, der offen im Regal liegt. Es gibt Yam-Wurzeln, Kochbananen und Palmnussöl in Plastikflaschen. Von den CD-Hüllen neben der Kasse lächeln ghanaische Popstars, aus den Lautsprechern tönt westafrikanischer Reggae.

          Die ghanaische Fahne neben der deutschen

          Für Tijami Jebkely und seine Kunden gibt es derzeit kein anderes Thema als die Weltmeisterschaft. Der Sportteil der Zeitung liegt aufgeschlagen auf dem Tisch. Aufmerksam verfolgen die Ghanaer vor allem, was über Kevin-Prince Boateng geschrieben wird, den Mann, der für Michael Ballacks Fehlen verantwortlich ist. Sie sind überzeugt, dass Boateng heute die richtige Antwort auf die Vorwürfe geben wird – auf dem Platz und fair, versteht sich. Dass es schwer wird, die Deutschen zu besiegen, wissen sie im African Bazaar. „Aber Afrika ist nun endlich einmal dran, die Weltmeisterschaft zu gewinnen“, sagt Jebkely. Kämpfen werde die Mannschaft jedenfalls bis zum Ende.

          Der African Bazaar ist eines von mehreren Geschäften in Frankfurt, die von Ghanaern geführt werden. In einigen Läden an der Münchener Straße hängt die ghanaische Fahne in der Auslage gleich neben der deutschen.

          Fröhlichkeit und Optimismus

          Jebkely, der eigentlich bei der Post am Flughafen arbeitet und seinen Bruder gelegentlich im African Bazaar vertritt, kam 1988 nach Deutschland. Seine erste Aufenthaltsgenehmigung hat ihm möglicherweise schon der Honorarkonsul Alois Bromkamp ausgestellt. Der bekleidete das diplomatische Ehrenamt von 1988 bis zu seinem Tod 1994. Auch heute noch vertritt ein Bromkamp Ghanas Interessen in Frankfurt – auch wenn Joachim Bromkamp die Arbeit seines Vaters eigentlich nicht übernehmen wollte. Er tat es doch und mittlerweile länger als er es sich vorgenommen hatte. Für höchstens zehn Jahre wollte er Diplomat sein. Das sagte er sich im Jahr 1996.

          An den Ghanaern gefallen ihm vor allem deren Fröhlichkeit und Optimismus. Einige tausend leben offiziell in Bromkamps Bezirk, der neben Hessen auch Rheinland-Pfalz und das Saarland umfasst. Mit Freude hat er festgestellt, dass für ihn in den vergangenen Jahren eine neue Aufgabe hinzugekommen ist: Mittlerweile betreue er jeden Monat fünf bis sechs Einbürgerungen von Ghanaern. Sie scheinen besser integriert zu sein, als man denken könnte. Um den deutschen Pass zu bekommen, benötigen sie gute Deutschkenntnisse und einen festen Arbeitsplatz.

          Es wird getanzt

          Dass Bromkamps Tipp, den er noch nach dem ersten Spieltag der WM-Gruppenphase abgab, richtig sein wird, ist mittlerweile unwahrscheinlich geworden. Ghana und Deutschland würden die Vorrunde gleichermaßen überstehen, hatte er gesagt. Zweifel an seiner Fußball-Kompetenz sind aber erlaubt: Sein Lieblingsverein ist Kickers Offenbach. Besser kennt er sich im Rugby aus. Bromkamp gehört zu den Veteranen des SC 1880 Frankfurt. Den Verein begleitet der 68 Jahre alte Konsul auch nach seiner aktiven Laufbahn mit viel Begeisterung.

          An mangelnder Leidenschaft wird es wohl auch nicht liegen, sollte Ghana Mittwochabend gegen Deutschland den Kürzeren ziehen. Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass bei einer Niederlage die Stimmung im Kenkey House schlecht sein wird. Dies lehrt die Erfahrung vom Spiel gegen Australien: Während Heide Conny nach dem Abpfiff weiterhin in der Küche arbeitet und die deutschen Ghana-Fans noch mit dem Ergebnis hadern, hat der Plattendreher schon längst wieder die Regler geöffnet. Getanzt wird im Kenkey House auch, wenn die Black Stars nicht gewonnen haben.

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