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Corona-Stress an Unis : Auf halber Stelle 100 Prozent gearbeitet

Sperrzone: Auch in den nächsten Monaten wird an der Uni Frankfurt die Normalität auf Abstand gehalten. Bild: Maximilian von Lachner

Besser als erwartet, aber nicht immer gut: Gewerkschafter ziehen nach dem Ausnahmesemester in den Hochschulen eine durchwachsene Corona-Zwischenbilanz.

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          Gestaunt hat Simone Claar in den vergangenen Monaten öfters. Etwa darüber, wie rasch es plötzlich klappte mit dem Homeoffice. „Ohne Corona hätten wir noch jahrelang darum gekämpft“, glaubt die Politologin, die an der Uni Kassel eine Nachwuchsgruppe leitet. Ähnliches erlebte Daniela Mehler-Würzbach, Referentin in der Zentralverwaltung der Uni Frankfurt. „2018 dauerte es ein halbes Jahr, bis ich meinen Antrag auf Telearbeit durchgebracht hatte.“ In der Krise aber habe das Umschalten auf Dienst aus der Ferne „blitzschnell“ funktioniert.

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Claar und Mehler-Würzbach ziehen ihre Bilanz des Ausnahmesemesters auch im Namen anderer Beschäftigter aus Mittelbau und Uni-Verwaltungen: Beide engagieren sich in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und erfahren als Betriebsgruppenvertreter viel über die Arbeitsbedingungen in der „neuen Normalität“. In einer Hinsicht teilen sie das Fazit der Hochschulpräsidenten: Es ist besser gelaufen als erwartet. „Im April hätte ich nicht gedacht, dass man das Semester so zu Ende bringen kann“, sagt Claar. „Mit viel Engagement der Kollegen und etlichen Überstunden ging es dann doch.“ Aber: „Man kann das nicht noch einmal so machen und erwarten, dass die Kollegen das mittragen.“

          Klarere Regeln für Heimarbeit gefordert

          Angesichts steigender Infektionszahlen und der Aussicht, auch im Wintersemester große Teile des Lehr- und Verwaltungsbetriebs aus der Distanz bewältigen zu müssen, sehen die Gewerkschafterinnen die Hochschulen in mancherlei Hinsicht nicht optimal vorbereitet. Vor allem fordern sie klare Regeln für Präsenz- und Heimarbeit, stärkere Rücksichtnahme auf die Erfordernisse der Kinderbetreuung, mehr Schutz für Risikogruppen und bessere Information durch Vorgesetzte.

          Mehler-Würzbach hat sich zum Beispiel daran gestört, dass nicht immer ersichtlich sei, wann ein Beschäftigter Anspruch auf mobiles Arbeiten, Homeoffice oder gar Freistellung habe. Oft seien solche Fragen durch „individuelle Aushandlungsprozesse“ geklärt worden. Offenbar führten solche Gespräche nicht immer zu befriedigenden Lösungen – vorausgesetzt, es hat überhaupt ein Dialog zwischen Chef und Angestelltem stattgefunden. An der Goethe-Uni soll es einen Fall gegeben haben, in dem eine Institutssekretärin zum Präsenzdienst gezwungen wurde, obwohl sie einer Risikogruppe angehört.

          „Zahl der Wochenstunden für Lehre reduzieren“

          Claar sieht auch mit Sorge, dass die Zusatzbelastungen durch digitale Lehre und Umorganisation der Verwaltung manchen Mitarbeiter zur Selbstausbeutung treiben. „Ich weiß von Kollegen, die eine 50-Prozent-Stelle als Lehrkraft für besondere Aufgaben haben, aber in Wirklichkeit 100 Prozent arbeiten.“ Auch vor Corona dürfte dergleichen vorgekommen sein, doch nach Ansicht der GEW-Vertreterinnen verschärft der Mehraufwand für virtuelle Vorlesungen das Problem. Claar meint, das Wissenschaftsministerium müsse die Lehrverpflichtungsverordnung so anpassen, dass die Zahl der Semesterwochenstunden, die für Veranstaltungen aufzuwenden sind, reduziert wird. „So bliebe mehr Zeit, um Vorlesungen oder Seminare angemessen vorzubereiten.“

          Von den Uni-Leitungen wiederum wünschen sich die Gewerkschafterinnen bisweilen eine offensivere Kommunikation. Mehler-Würzbach, die die Mitteilungspraxis ihrer Präsidentin Birgitta Wolff ansonsten als „recht schnell und transparent“ lobt, würde gern öfter per E-Mail über aktuelle Regeln aufgeklärt werden. Bisher müsse man solche Informationen im Intranet abrufen, was dazu geführt habe, dass manche Doktoranden erst von ihren Chefs auf Neuigkeiten hätten hingewiesen werden müssen.

          Information im Intranet soll E-Mails ersetzen

          Albrecht Fester hingegen will die elektronischen Postfächer von Mitarbeitern und Studenten weiterhin schonen. „Wenn wir an alle 50000 Uni-Angehörigen E-Mails verschicken wollten, würde das rein technisch im Versand acht bis zehn Stunden dauern“, sagt der Kanzler der Uni Frankfurt. „Und wenn wir das ein paarmal hintereinander machen würden, dann würden wir auf den Spam-Listen der großen Provider landen.“

          Insgesamt haben die Uni-Mitarbeiter Fester zufolge trotz der herausfordernden Situation wenig zu klagen. Streitigkeiten mit Vorgesetzten über Arbeitszeit und -ort spielten nach seiner Wahrnehmung nur eine „untergeordnete Rolle“; zu „Einzelfällen“ wie jenem der angeblich zur Anwesenheit genötigten Sekretärin möchte er sich nicht öffentlich äußern. Der Kanzler beteuert, dass kein Beschäftigter einem unvertretbaren Infektionsrisiko ausgesetzt werde: „Wenn wir keinen arbeitsschutzkonformen Arbeitsplatz bieten können, dann wird freigestellt.“

          Entlastung durch zusätzliche Lehraufträge

          Auch auf die Mehrbelastung von Dozenten wird sowohl nach Meinung Festers als auch der Landesregierung angemessen reagiert. Das Wissenschaftsministerium verweist darauf, dass das Lehrdeputat schon jetzt für „konzeptionelle und verwaltende Tätigkeiten“ um bis zu 25 Prozent gesenkt werden könne. Die Frankfurter Uni-Zentralverwaltung wiederum lässt sich dem Kanzler zufolge von den Fachbereichen Fälle melden, in denen Lehrende wegen coronabedingter Mehrarbeit ihr Deputat nicht erfüllen können. Man versuche dann, Entlastung zu schaffen, etwa durch die Vergabe zusätzlicher Lehraufträge.

          Mehr Zeit in die Vorbereitung ihres Seminars musste auch Simone Claar investieren. Trotzdem hat es die 37Jahre alte Nachwuchsforscherin nach eigenen Worten meistens geschafft, nicht länger als 40Stunden in der Woche zu arbeiten. Vor der Versuchung, noch mehr Zeit am Computer zu verbringen, hat sie die Familienpflicht bewahrt: Sie muss sich um ihr kleines Kind kümmern.

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