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Geschichte der Gewerkschaften : 90 Jahre Kontroversen um Frankfurts erstes Hochhaus

Laut Denkmalamt das erste Hochhaus Frankfurts: Gewerkschaftshaus aus dem Jahr 1931 (links), im Hintergrund das Union-Investment-Hochhaus von 1977 Bild: Frank Rumpenhorst

Historiker streiten, ob das Gewerkschaftshaus von 1931 wirklich das erste Hochhaus Frankfurts war. Seine Geschichte zeigt jedoch, wie sehr sich die Gewerkschaften im Laufe eines Jahrhunderts verändert haben.

          5 Min.

          Wenn Dieter Wesp ein paar Touristen verwirren möchte, dann führt er sie in die Wilhelm-Leuschner-Straße. Dort steht, eingekeilt zwischen Wolkenkratzern, ein unscheinbar wirkender Bürobau aus dunkelgrauem Stein und mit blauen Fenstern. Es ist die Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Frankfurt. Das da, sagt Stadtführer Wesp, sei das „erste richtige Hochhaus“ in Frankfurt gewesen. „Dann gucken mich die Leute immer ungläubig an, die können das gar nicht mehr nachvollziehen.“

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber stimmt das? Die Frage, welches das erste Hochhaus war, ist schließlich nicht unwichtig für eine Stadt, die Deutschlands bekannteste und höchste Skyline besitzt. Tatsächlich wird andernorts der 1926 fertiggestellte und 33 Meter hohe Mousonturm als Hochhaus-Erstling genannt, oder es wird auf das von 1928 an gebaute IG-Farben-Gebäude im Westend verwiesen. Aber diese Vergleiche lässt Stadthistoriker Wesp, der eine Geschichte des Gewerkschaftshauses zu dessen Jubiläum verfasst hat, nicht gelten. Der Mousonturm komme nur wegen des überdimensionalen Treppenhauses auf diese Höhe, doch Türme, Schornsteine oder Masten würden in der Architektur bei der Höhenermittlung vernachlässigt. Und das IG-Farben-Haus? Das sehe, weil es so lang und breit sei, ja gar nicht nach Hochhaus aus. Zudem habe das Denkmalschutzamt der Stadt Frankfurt, als es dem Gewerkschaftshaus 1998 den Denkmalschutzpreis verliehen habe, es in der Begründung dazu als „das erste echte Bürohochhaus in Frankfurt“ bezeichnet.

          Ein Gewerkschaftshaus im Bankerviertel

          Kontroversen sind dem Gewerkschaftshaus nicht fremd, seitdem es vor 90 Jahren errichtet wurde. Die Stadt der Kaufleute und des Kapitals hat sich lange nicht leicht getan mit dem Bund der organisierten Kapitalismuskritik. Zugleich spiegelt seine Geschichte die Umbrüche wider, die die Stadt, aber auch die Wirtschaft und die Gewerkschaften im vergangenen Jahrhundert durchlebt haben.

          Im 19. Jahrhundert, als die Industrialisierung nach Deutschland kam, waren Gewerkschaften jahrzehntelang politisch bekämpft und durch Bismarcks Sozialistengesetze verboten gewesen. Als sie schließlich 1890 erlaubt wurden, schnellten die Mitgliederzahlen in die Höhe. 1914 waren es schon 2,5 Millionen, 1931 dann 4,7 Millionen. Das rapide Wachstum spürte auch der neue Gewerkschaftsbund in Frankfurt. 1901 hatte er zunächst ein Eckhaus an der Allerheiligenstraße bezogen und später erweitert, indem die Nachbarhäuser erworben und die Räume über Wanddurchbrüche und Treppen verbunden wurden. Schnell wurde es zu eng, denn nicht nur der Dachverband und die Einzelgewerkschaften benötigten Büros, unterm Dach waren auch 100 Betten aufgestellt – für reisende Handwerker.

          Durch einen Zufall, wie Wesp in der neuen Jubiläumsbroschüre schreibt, stieß man auf ein freies Grundstück zwischen dem Untermainkai und der heutigen Wilhelm-Leuschner-Straße. Dort, in Mainnähe und in Laufweite zum Hauptbahnhof, hatten allerdings zuvor schon Bankiers ihre Stadtvillen im Grünen errichtet. Sie wehrten sich lange gerichtlich gegen das Proletariat in der Nachbarschaft, warnten vor „Belästigungen durch Lärm und Gerüche“.

          Beispiel für das „Neue Frankfurt“

          Der Bau erregte aber auch Aufsehen, weil er architektonisch nicht dem entsprach, was die Kaufleute in ihren Jugendstil-Villen gewohnt waren. Die Berliner Architekten Max Taut und Frank Hoffmann folgten, wie auch der damalige Frankfurter Stadtplanungsdezernent Ernst May, den Prinzipien der „Neuen Sachlichkeit“ des Bauhauses. Der neunstöckige Gebäudekomplex sollte schlicht und funktional sein, aus modernen, industriell gefertigten Materialien wie Beton, Stahl und Glas errichtet werden, die Räume und Fenster wurden standardisiert, die Treppen mit trittfestem Stein belegt. Das Treppenhaus besteht nahezu komplett aus Fenstern. Auch eine Tiefgarage und ein Fahrradkeller wurden damals bereits eingeplant.

          Foto aus dem Buch „Das Haus der Besitzlosen“ von 1982: Das 1931 erbaute Gewerkschaftshaus in Frankfurt beherbergte auch die SPD, Aufnahme aus dem Jahr 1932. Bilderstrecke
          Hochhaus-Archtiktur : Das Gewerkschaftshaus

          Vorgesehen waren ursprünglich nicht nur ein Bürogebäude, sondern auch ein Saalbau für Veranstaltungen, eine Gastwirtschaft mit Garten und ein Hotel als Arbeiter-Unterkunft. Das allerdings konnten die Nachbarn gerichtlich verhindern – so wurde nur das Bürohochhaus errichtet, in elf Monaten Bauzeit. Das Gebäude, hieß es anschließend 1931 in der von Ernst May mitgegründeten Zeitschrift „Das neue Frankfurt“, sei beispielhaft für einen sparsamen und einfachen Stil, „der besser als jedes große Gebäude dem Empfinden des Volkes entspricht, das diesen Bau aus seinen Mitteln ermöglicht hat“. Vom öffentlich zugänglichen Dach bot sich den Besuchern der unverstellte Blick auf eine Stadt, in der damals nur Kirchtürme und Dom die Skyline prägten.

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