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Gesundheit : Essen und fernsehen, bis der Kummer vergessen ist

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Seit die Eltern getrennt sind, muß die ältere Schwester auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Die Mutter ist berufstätig und immer in Hetze. Ihr fehlt Zeit, frische Lebensmittel einzukaufen und zu kochen.

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          Seit die Eltern getrennt sind, muß die ältere Schwester auf ihren kleinen Bruder aufpassen. Die Mutter ist berufstätig und immer in Hetze. Ihr fehlt Zeit, frische Lebensmittel einzukaufen und zu kochen. Die Kinder, die sich allein gelassen fühlen, räumen ziemlich regelmäßig den Kühlschrank aus und essen, was sie in die Finger kriegen. Das beruhigt die Magennerven, macht aber auch dick. Wenn sich die Gedanken von Mädchen und Jungen vor allem ums Essen drehen, läuft etwas schief, zum Beispiel zu Hause. So essen Scheidungskinder oft aus Kummer viel zuviel.

          In Deutschland geht jede dritte Ehe in die Brüche. In Frankfurt gab es allein im Jahr 2002 knapp 1800 Scheidungen. Weil die Erwachsenen deshalb oft ein schlechtes Gewissen haben, lassen viele ihren Kindern alles durchgehen. Ein geschiedener Vater zum Beispiel, dem das alleinige Sorgerecht zugesprochen wurde, erfüllt seinem Sohn jeden Wunsch. Der Junge sieht jeden Tag stundenlang fern, was er natürlich auch darf. Und er ißt Unmengen. Wenn bei einer Feier alle schon satt sind, lädt er sich den Teller noch mal voll. Er hört nicht auf zu essen, wenn der Hunger gestillt ist, sondern wenn nichts mehr da ist.

          Schnell eine Pizza mit Käse aus dem Kühlschrank...

          Übermäßiges Essen kommt auch in intakten Familien vor. Der Lebensstil hat sich verändert gegenüber früher, als die Mutter noch allein für Kinder und Küche verantwortlich war. Niemand will Frauen zurück an den Herd verbannen. Allerdings bedeutet die Berufstätigkeit für Frauen oft eine Doppelbelastung, weil der Haushalt eben doch vor allem an ihnen hängenbleibt. Dann wird abends schnell eine Pizza mit Käse und Salami bestellt oder ein Fertiggericht auf den Tisch gebracht. Das geht schneller, als Gurken oder Karotten für einen Salat zu schnipseln.

          Zu fett und zu kalorienreich ist die Ernährung aber nicht erst am Abend. Die meisten Kinder gehen ohne Frühstück aus dem Haus. Dafür kaufen sie sich bei nächster Gelegenheit ein Stückchen. In der Pause gibt's dann wieder Süßes. Das Kind, das sich freiwillig ein Vollkornbrötchen und eine kleine Flasche Mineralwasser kauft, müßte erst erfunden werden. Beliebter sind Schokoriegel, Cola und Limonaden. Zuckerhaltige Getränke gehörten zu den Hauptverursachern der Adipositas bei Kindern. "Zwei Drittel der Sechs- bis Zwölfjährigen greifen einer Studie zufolge nahezu täglich zu süßen Fruchtsäften und bunt verkleideten Limonaden", sagt die hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU), die sich seit anderthalb Jahren intensiv mit dem Thema befaßt und ein Buch darüber geschrieben hat. "Dicke Kinder", ein Ratgeber für Eltern, soll am 25. August erscheinen. Dann beginnt auch eine gemeinsame Präventionskampagne des Ministeriums mit der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK). Lautenschläger möchte dabei unter anderem Kindergärten und Betriebe besuchen.

          Mit Pommes, Döner und Hamburgern in der Hand

          Nach Schulschluß sieht man zahllose Kinder, die mit Pommes, Döner und Hamburgern in der Hand durch die Straßen laufen. Ein frisch zubereitetes Mittagessen ist selten geworden. Bis zum Abend sammeln sich in den Abfalleimern viele leere Chipstüten. Eine Vielzahl von Kindern lebe ungesund, kommentiert Christine Lüders, Sprecherin im hessischem Sozialministerium. Sehr häufig werde das Taschengeld für Süßigkeiten ausgegeben. Lüders moniert, daß viele Eltern ein schlechtes Beispiel gäben. Weil zu Hause nichts Frisches zubereitet werde, "kennen viele Kinder nicht einmal mehr regionale Gemüse".

          Kurse der AOK Hessen, die seit vergangenem Jahr angeboten werden, beginnen daher immer mit einem Elternabend über gesunde Ernährung. Während des zehnwöchigen Programms steht dreimal Unterricht für die Eltern auf dem Programm. Im allgemeinen seien die Mütter und Väter von übergewichtigen Kindern selbst nicht schlank, sagt Salhi. In den Einheiten für die Acht- bis Zwölfjährigen lernten diese auf spielerische Art und Weise die "Fettbomben" kennen. Verbote hätten keinen Zweck, sagt Salhi. Aber wenn erst einmal bekannt sei, wieviel Fett in welchen Lebensmitteln stecke, halte das etliche Kinder tatsächlich davon ab, zu McDonald's zu gehen.

          Übergewicht hängt auch mit dem sozialen Status zusammen. Mehr als zwei Millionen Kinder in Deutschland leben in Familien, die nicht einmal die Hälfte des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben. "In solchen Familien sind überproportional viele Kinder fettleibig", sagt Lüders und verweist auf eine Gesundheitsstudie des Berliner Senats. Demnach sind 16 Prozent der Mädchen und Jungen aus finanziell weniger gut gestellten Familien adipös, in besser gestellten Kreisen sind es acht Prozent.

          Fertigpizza nicht preiswerter als gesunde Kost

          Dabei sei es eine irrige Annahme, kalorienreiches Essen sei preiswerter als gesunde Kost. Ein kleiner Preisvergleich gibt der Ministeriumssprecherin recht. Bei "Mr.Pizza" an der Mainzer Landstraße zum Beispiel kostet ein Jumbo-Cheeseburger 3,58 Euro, eine Pizza mit Salami, Schinken und Champignons 7,16 Euro. Nudeln mit Tomatensauce sind für drei Personen preiswerter herzustellen. Im HL-Markt im Nordwestzentrum etwa ist ein Paket Vollkornnudeln (ökologisch) für 1,29 Euro zu haben, ein Kilo Tomaten für 1,50 Euro, macht zusammen mit zwei Frühlingszwiebeln 3,78 Euro. Für 1,26 Euro je Person läßt sich also leicht eine Mahlzeit zubereiten, die gesünder, preiswerter und fettärmer ist als Fast food. Aber Kochen dauert seine Zeit.

          Die heutige Generation ist zudem einem unüberschaubaren Angebot an verlockenden Lebensmitteln im Supermarkt ausgesetzt. Allein die Kühltheke mit vielen bunten Joghurt- und Quarktöpfchen gleicht einem Schlaraffenland. Als Mutter mit einem Kind ohne Lutscher, Nuß-Nougat-Creme oder Lakritz-Zucker-Gemische im Einkaufskorb bis zur Kasse durchzukommen grenzt an ein Wunder. Bei Lautenschlägers Sohn heißt das dann oft: "Ich will Naschi", und zwar "ziemlich penetrant", wie die Ministerin anmerkt.

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