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Gesellschaftshaus : Ein Festsaal für alle Frankfurter

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Die letzte Note ward vor vielen Monaten gespielt. Still ist es seitdem im Saal. Wenn einmal Geräusche zu hören sind, dann das Getrappel von Mäusen oder Lautfetzen aus der benachbarten Tanzschule. Nichts ...

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          Die letzte Note ward vor vielen Monaten gespielt. Still ist es seitdem im Saal. Wenn einmal Geräusche zu hören sind, dann das Getrappel von Mäusen oder Lautfetzen aus der benachbarten Tanzschule. Nichts erinnert an die einstige Fröhlichkeit, an das Lachen und Tanzen bei Bällen und Feiern - das Gesellschaftshaus des Palmengartens ist seit mehr als einem Jahr ein Gespensterhaus, nur noch eine leere Hülle.

          Eine schöne Hülle allerdings, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick bemerkt. Denn hinter den schmucklosen Wandpaneelen verbergen sich Ornamente von üppiger Pracht, verblaßt freilich in fast anderthalb Jahrhunderten, die Farbe an vielen Stellen abgeblättert. Warum wohl die Planer in der Nachkriegszeit das prächtige Dekor hinter Holzplatten versteckt haben? Erst jetzt, da einige Stellen wieder provisorisch freigelegt sind, läßt sich erahnen, warum manche Schwärmer diesen Saal das "Bernsteinzimmer Frankfurts" genannt haben.

          Er könne sich, wenn er erst einmal renoviert sei, mit dem Kursaal in Wiesbaden, diesem architektonischen Schmuckstück einer selbstbewußten bürgerlichen Zeit, durchaus messen, heißt es. Was man gerne glauben will, denn immerhin hat mit Friedrich von Thiersch, dem "Meister aller Architekturzeichnung", derselbe Baumeister die Dekorationen geschaffen.

          Doch wird der Saal und mit ihm das gesamte, größtenteils unter Denkmalschutz stehende Gesellschaftshaus überhaupt renoviert? Und, wenn ja, in originalgetreuer Weise? Kann sich das die Stadt Frankfurt, der das Gebäude gehört, leisten? Kann sie es sich andererseits leisten, eines der schönsten Gebäude der Stadt, Herzstück des Palmengartens, leerstehen und verrotten zu lassen? Die gewiß nicht einfache Entscheidung haben am Ende die Stadtverordneten zu fällen; in welche Himmelsrichtung das Viererbündnis im Römer marschieren wird, soll in den nächsten Wochen bei den Verhandlungen über den Doppelhaushalt 2005/6 festgelegt werden. Die Sanierung des Palmengarten-Gesellschaftshauses wird, wenn sie denn beschlossen wird, eines der umfangreichsten Investitionsvorhaben der Stadt in den nächsten Jahren sein. Die Größenordnung dürfte bei 30 Millionen Euro liegen.

          Daß es so teuer wird, hängt auch damit zusammen, daß das Gebäude lange vernachlässigt worden ist. Seit 30 Jahren wurden keine nennenswerten Investitionen getätigt. Derart gravierend waren die Versäumnisse bei der Bauunterhaltung, daß sich die Bauaufsicht vor zwei Jahren dazu gezwungen sah, die Reißleine zu ziehen. 113 Mängel zählte sie in ihrem Rapport auf, darunter einen völlig unzureichenden Feuerschutz.

          "Das war das Ende", erinnert sich Palmengarten-Chef Matthias Jenny. Während der letzten Veranstaltungen im Saal standen zur Vorsicht denn auch immer Feuerwehrleute bereit, die im Notfall hätten sofort eingreifen können. Zur Jahreswende 2002 wurde der Betrieb dann eingestellt. Daß etwas geschehen muß, bestreitet niemand. Es liegt sogar schon ein Plan vor, ein Entwurf des britischen Architekten David Chipperfield, dessen Büro als Sieger aus einem vom Hochbauamt organisierten Wettbewerb hervorging. Er sieht den Anbau eines Loggia-Quertrakts im Westen des Gebäudes mit Blick auf den Palmengarten-Weiher vor, der vornehmlich für Kongresse genutzt werden soll. Das Amt, das Büro Chipperfield und eine anerkannte Fachfrau haben verifiziert, wie die Kosten möglichst gering gehalten werden können. 31 Millionen Euro lautet das Ergebnis.

          Das Haus bespielbar machen - das sieht Jenny als die zentrale Aufgabe einer Sanierung an. Nur wenn die Logistik des Hauses entscheidend verbessert ist, die verbauten Wege und Zugänge komfortableren Strukturen gewichen sind, kann seiner Meinung nach das Gesellschaftshaus ökonomisch vernünftig betrieben werden. Kernstück ist und bleibt der Saal, der bestuhlt 1000 Gäste, mit Tischen 400 Besucher fassen kann. Ihn will Jenny zum "Festsaal Frankfurts" machen, wo die herrausragenden Feiern der Stadt stattfinden: Bälle, Galas, Jahrestreffen, Betriebsfeiern großer Unternehmen, Faschingsveranstaltungen. Auch einmal eine Varieteveranstaltung des Tigerpalastes, dessen Inhaber vom Magistrat als Betreiber ins Auge gefaßt worden ist, allerdings kein Variete-Dauerbetrieb. Denn nach Jennys Vorstellungen sollen alle Bevölkerungsschichten sich hier wohl fühlen - so wie der Palmengarten mit seinen jährlich 800000 Besuchern alle Bevölkerungskreise anspricht.

          Für diese vielen Gäste muß auch ein gastronomisches Angebot bereitgehalten werden, dargeboten in einem familienfreundlichen Restaurant, das 365 Tage im Jahr geöffnet ist. Keine Abfütterungsstation freilich, sondern im Sinne Jennys eine durchaus preiswerte, aber doch kultivierte Gaststätte, in der es nicht überall penetrant nach Pommes frites riecht. Dafür bietet sich das alte PalmengartenRestaurant an, welches freilich zuvor gründlich renoviert werden muß. Ihm soll nach den Vorstellungen der Tigerpalast-Betreiber ein Gourmet-Restaurant angeschlossen sein, untergebracht im neusachlich-lichtdurchfluteten Hochzeitssaal im Westen des Gesellschaftshauses. Nur so, glauben die Tigerpalast-Planer, kann die Gastronomie rentabel betrieben werden. Jenny selbst besteht nicht auf einen Feinschmecker-Tempel, hat aber kein Problem damit, "wenn er paßt und finanzierbar ist".

          Dies alles ist vorerst nur Wunsch. Immerhin ein Wunsch auf solider Grundlage, denn Grundkonzept und -planung liegen vor. Vielleicht spricht man in zwei, drei Jahren wie damals nach der Fertigstellung vor einem Jahrhundert vom Gesellschaftshaus und seinem Festsaal wieder von einem Frankfurter Gebäude, das zu den "hervorragendsten kulturellen Schöpfungen unserer Tage" zählt. HANS RIEBSAMEN

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