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Geschichte der Fashion Week : Am Laufsteg enttäuschter Hoffnungen

Ortswechsel: Frankfurt hat Berlin den Rang für die Fashion Week abgelaufen. Bild: EPA

Von der Aufbruchstimmung zur Ernüchterung: Warum Berlin nicht zur Modehauptstadt wurde. Und welche Gründe für Frankfurt als neues Zentrum für Fashion sprechen.

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          Was war das für eine Aufbruchstimmung! Im U-Bahn-Tunnel unter dem Potsdamer Platz standen junge Modemacher mit dekonstruierten Kollektionen und hoffnungsvollem Blick. Im Hof eines Restaurants präsentierten die Designerin Mari Otberg und die Hutmacherin Fiona Bennett eine in jedem Wortsinn phantastische Kollektion. Auf den Modemessen waren zwischen den Hallen riesige Sandstrände aufgeschüttet. Und wenn man von all den Cocktails dort noch nicht genug hatte, dann klangen die Tage im „Cookies“ aus.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die ersten Jahre der Berliner Modewoche, die 2003 begann, schienen eine einzige Aufwärtsbewegung zu sein. In der Hauptstadt, die erst auf halbem Weg zur Gentrifizierung war, gab es noch genug Brachflächen für große Modezelte, genug preiswerte Ladengeschäfte für junge Marken und sowieso genügend Clubs.

          Nur eine Scheinblüte

          Am Anfang dieser Blütezeit stand eine Frau, die am Montagmorgen bei der Frankfurter Messe auf dem Podium saß: Anita Tillmann. Sie arbeitete sich mit ihrer Modemesse Premium schnell aus dem U-Bahn-Tunnel in große Hallen am U-Bahnhof Gleisdreieck hoch. Zu ihr kamen nicht die üblichen Verdächtigen, die man von der CPD in Düsseldorf kannte. Das Publikum war jünger und hipper, die Atmosphäre ungezwungener und lustiger, die Labels waren neuer und spannender als auf der ehemaligen Igedo am Rhein, der einst größten Modemesse der Welt, die nun langsam dahindämmerte.

          Auch die konkurrierende Sportswear-Messe „Bread & Butter“, gegründet von Karl-Heinz Müller, der ebenfalls dem Rheinland entflohen war, zog viel Aufmerksamkeit auf sich. Den ersten Rückschlag erlitt Berlin, als der so umtriebige wie unstete Unternehmer 2007 mit seiner Messe nach Barcelona umzog. 2009 kam er zurück nach Berlin und bespielte auf grandiose Art die historischen Hallen am Flughafen Tempelhof. Aber das war nur eine Scheinblüte, die Party war vorbei, die Epoche Müller ist längst vergangen.

          Stadt der weiten Wege

          Die Nachteile lagen schon immer auf der Hand: Berlin ist eine Stadt der weiten Wege, des fehlenden Großflughafens, des wirtschaftlich schwachen Umlands. Ausgeglichen wurden diese Schwächen durch den kulturellen Mehrwert der Stadt, den Coolness-Faktor, die vielen kleinen Labels – und durch die Modenschauen. Denn eine Modemesse allein macht noch lange keine Modestadt. Man braucht die großen Laufstege, denn die bringen Ausstrahlung, vulgo: Glamour.

          Die eigentliche „Berlin Fashion Week“ hatte zunächst der amerikanische Veranstalter IMG organisiert. Dann päppelte der größte Stuttgarter Autokonzern die „Mercedes-Benz Fashion Week“ auf. Das ließ sich sehen, zumindest auf Pro7 und RTL. Die Schauen litten von vornherein daran, dass die Qualität auf den Laufstegen nicht immer gewährleistet war – und an den Laufstegen auch nicht. In der ersten Reihe saßen nicht Fachjournalisten, sondern Serienstars, nicht Vanessa Friedman („New York Times“), sondern Andrej Mangold („Der Bachelor“).

          Der Aufbruch zur Weltmetropole stockte. Viele Hoffnungen wurden enttäuscht. Der Wirtschaftssenat förderte die Szene, aber der Szene war das längst nicht genug. Junge Labels gaben auf, weil sie mit dem Weltmarkt nicht konkurrieren konnten. Vorschnelle Vergleiche mit Mailand und Paris gingen nach hinten los. Immerhin hatte Paris mindestens seit der Ankunft von Coco Chanel 1910 und Mailand seit dem Aufstieg Giorgio Armanis in den siebziger Jahren an sich gearbeitet – und das heißt wirklich: gearbeitet. Um die Dimensionen zu verdeutlichen: Die mehr als 2800 Unternehmen der Berliner Modewirtschaft machen zusammen weit weniger Jahresumsatz als Chanel allein.

          Das Ende war abzusehen. Anita Tillmann, für die der Prozess schöpferischer Zerstörung keinen bedrohlichen Beiklang hat, wusste das am besten. Die Unternehmerin, die schon früh die Bewegung vom alten Zentrum der Textilbranche am Rhein zur vagen Zukunftshoffnung an der Spree anführte – sie kehrt nun zurück ins westdeutsche Wirtschaftsleben. Die Berliner Szene wird dagegenhalten. Das immerhin ist das Letzte, wovor sich Frankfurt fürchten muss.

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